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Great Barrier Reef: Korallensterben kaum noch aufzuhalten

Das Great Barrier Reef, Touristenmagnet und wichtige Brutstätte der Meeresfauna, ist immer häufiger Korallenbleichen ausgesetzt. Damit ist es ein prominenter Botschafter eines globalen Problems.
Bedrohte Ökosysteme: Die schleichende Versauerung setzt marine Lebensgemeinschaften weltweit unter Stress.Laden...

Als Andrew Baird von der James Cook University in Australien im April 2016 vor Lizard Island tauchte, war das Wasser ungewöhnlich still. »Wer zum ersten Mal ein Korallenriff sieht, dem fällt wahrscheinlich gar nicht auf, dass etwas nicht stimmt«, berichtet der Meeresökologe. Einige kleine Fischschwärme ziehen über die von braunen Algen überwachsenen Buckel und Plättchen, vielleicht auch eine Meeresschildkröte: »Es ist nicht so offensichtlich wie ein Kahlschlag im Wald. Doch für den, der sich mit dem Great Barrier Reef auskennt, ist die Szenerie niederschmetternd.«

Es fehlte das Knacken und Knistern im Wasser – Schnappgeräusche der Myriaden von Garnelen, die ein gesundes Riff besiedeln. Es fehlen die Unmengen an kleinen und großen bunt gestreiften oder marmorierten Fischen, die sich auf der Suche nach Schutz und Nahrung an diesen Lauten orientieren. Und es fehlt die Basis all dessen – das Kaleidoskop der Korallen, die in üppigem Blau, Pink, Gelb und Grün einen bloßen Meeresboden in einen faszinierend vielfältigen Teppich mit sich in der Strömung wiegenden Tentakeln verwandeln. Auf ihren Vorsprüngen haften kobaltblaue Seesterne und rosafarbene Elefantenohrschwämme. Ihre Höhlen und Spalten bewahren zahllose Larven und kleine Fische davor, im Maul eines Raubfisches zu enden, bevor sie sich fortpflanzen können. Dennoch finden Rochen, Haie, Meereskrokodile und durchziehende Wale in einem gesunden Riff reichlich Beute.

Noch gilt das Great Barrier Reef als die größte zusammenhängende Ansammlung an Korallenriffen weltweit: Der über 2300 Kilometer lange Streifen vor der australischen Nordostküste ist sogar aus dem Weltraum zu erkennen und bildet eine Fläche so groß wie Japan. Im Jahr 1981 erkannte die UNO-Kulturorganisation UNESCO das Great Barrier Reef als Weltnaturerbe an, und etwa zwei Millionen Touristen jährlich bestaunen auf Schiffstouren, Rundflügen und vor allem Tauchgängen seine schillernde Mannigfaltigkeit. Doch schon in den Jahren 1998, 2002 und 2006 war es starken Korallenbleichen ausgesetzt: »Zunächst fluoreszieren die Blau-, Pink- und Grüntöne sehr stark«, beschreibt Baird. »Später scheint das Riff wie Käse und Kreide. Stirbt es schließlich ab, wird es von Algen überwachsen.« Im Jahr 2016 erlitt es die bis dahin gravierendste dokumentierte Korallenbleiche: Etwa 90 Prozent der Riffe im Norden und im Zentrum waren betroffen.

Korallen können sich erholen – wenn man sie lässt

Von einer milden Bleiche können die Korallen sich erholen. »Doch je häufiger die Bleichen stattfinden, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit dafür«, betont Baird. Die Hoffnung darauf schwand wenige Monate später. Im Jahr 2017 blichen weite Teile des Zentrums aus. In vielen Riffen sind nur noch 25 Prozent des Bodens von Korallen bedeckt, erläutert Baird: »Es sollten zwischen 60 und 80 Prozent sein.« Und vielerorts fehlen sie ganz: Etwa die Hälfte aller Flachwasserkorallen des Great Barrier Reef gelten heute als abgestorben.

Der Anblick eines toten Riffs ist für Baird nichts Ungewöhnliches: »Es ist im Grunde genommen das, was bei einem Zyklon oder einem Massenvorkommen des Korallen fressenden Dornenkronenseesterns passiert. Aber das Ausmaß und die Häufigkeit sind sehr viel stärker.« Treibstoffe der Schiffe, Düngemittel und Pestizide aus der Landwirtschaft, Sedimente, unachtsame Touristen, Souvenirjäger und auch Sonnenöl schädigen das Riff. Überfischung reduziert die Anzahl Pflanzen fressender Fische, so dass die Korallen im nährstoffreichen Wasser von Algen überwuchert werden. Tüten oder Folien verfangen sich in den Korallen und hindern die Algen an der Fotosynthese. »Doch all das verblasst gegenüber dem enormen Einfluss des Klimawandels«, betont Baird.

Vor 20 Jahren stellte der Korallen- und Klimaforscher Ove Hoegh-Guldberg von der University of Queensland die Verbindung zwischen globaler Erwärmung und Korallensterben her: »Die Bleichen geschehen auf Grund außerordentlich hoher Wassertemperaturen in vielen tropischen Küstengebieten«, erklärt der Wissenschaftler. Korallen sind auf eine Symbiose mit einzelligen Algen angewiesen – den so genannten Zooxanthellen, die durch ihre Färbung den Korallen ihr intensives Blau, Grün oder Pink verleihen. Diese Algen leben in den Zellen der Korallen und liefern ihnen durch Fotosynthese lebenswichtige Zuckerverbindungen. Steht die Koralle unter Stress – beispielsweise durch hohe Wassertemperaturen oder starke Verschmutzung –, stößt sie die Algen ab und bleicht dadurch aus. Nach einer milden Bleiche können sich die Algen manchmal früh genug wieder ansiedeln, so dass die Koralle überlebt. Ist sie hingegen sehr hohen Temperaturen ausgesetzt, stirbt sie sofort.

Korallenriffe gibt es seit den Dinosauriern

Korallenriffe gibt es seit mehr als 225 Millionen Jahren. Sie existierten bereits zu Zeiten der Dinosaurier, sie bestanden fort nach deren Aussterben. Der rapide Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte indes fordert seinen Tribut: »Weltweit sind die Bestände der Flachwasserkorallen bereits um etwa 30 bis 40 Prozent zurückgegangen«, schildert Hoegh-Guldberg. Viele Korallenbleichen – so auch jene im Jahr 2016 am Great Barrier Reef – entstehen durch das Klimaphänomen El Niño, das im Durchschnitt alle vier Jahre das Oberflächenwasser des Pazifiks aufheizt und durch die globale Erwärmung verstärkt wird.

So herrschten in einigen Meeresregionen im Bereich des Great Barrier Reef bis zu 33 Grad Celsius. Im darauf folgenden Jahr stiegen die Wassertemperaturen auch ohne El Niño stark genug an, um weite Bereiche des Zentrums zu schädigen. Das südliche Drittel ist bisher von den Bleichen verschont geblieben. Doch hier herrschte im März 2017 der Zyklon Debbie, riss Korallen von den Riffen, wirbelte Sedimente auf und ließ weite Bereiche in Trümmern zurück.

»Ein Viertel aller bekannten Arten der Meere verbringt in Korallenriffen einen Teil ihres Lebenszyklus«(Ove Hoegh-Guldberg)

»Sobald ein Habitat verloren geht, verliert man alle davon abhängigen Arten«, gibt Hoegh-Guldberg zu bedenken. Zwar bedecken Korallenriffe nur 0,1 bis 0,2 Prozent des Meeresbodens: »Aber ein Viertel aller bekannten Arten der Meere verbringt dort einen Teil ihres Lebenszyklus.« Korallen unter etwa 40 Meter Tiefe bleichen weniger aus. Trotzdem finden Flachwasserarten hier keine Zuflucht: »Die Habitate sind zu unterschiedlich.« Und auch die Bestände der Tiefwasserkorallen gehen durch Unterwasserbergbau, Tiefseefischerei und Verschmutzungen stark zurück. Dazu warnt der internationale Forschungsverbund Bioacid vor der Versauerung der Meere: Da die Ozeane Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen, verringert sich ihr pH-Wert. In der Folge wachsen die Kalkskelette der Steinkorallen langsamer, werden empfindlicher und damit anfälliger für Stürme oder Fraßfeinde.

Viele Küstenregionen werden sich voraussichtlich zurückbilden, da die Riffe bei Stürmen als Wellenbrecher fungieren. Auch leben rund eine halbe Milliarde Menschen von Korallenriffen, beispielsweise über Fischerei oder Tourismus: »Viele von ihnen sind verarmt und verfügen kaum über Alternativen«, betont Hoegh-Guldberg. Zwar wachsen die Korallen wieder nach und bilden neue Riffe – doch schnell wachsende Arten benötigen dazu um die 15 Jahre, andere weit länger. Und laut einer Studie der James Cook University ist der Abstand von zwei Korallenbleichen am selben Ort im Schnitt auf sechs Jahre gesunken: »Die Korallen können sich nicht ausreichend regenerieren«, folgert der Wissenschaftler.

Eine halbe Milliarde Menschen lebt von Korallenriffen

Zudem ist die Anzahl der in der Strömung treibenden Korallenlarven um 89 Prozent zurückgegangen. Besonders Arten mit weiterwandernden Larven sind betroffen – jene, die bei einer Wiederbesiedlung bisher eine tragende Rolle einnahmen: »So hat sich auch die Zusammensetzung der Arten verschoben«, führt Baird aus. Verlierer sind die Geweih- und Tischkorallen der Gattung Acropora, die Tausenden weiterer Arten Lebensraum und Nahrung bieten. Entsprechend sank laut einer Studie der James Cook University die Vielfalt der riffbewohnenden Fische. Die Verfasser warnen vor einer biotischen Homogenisierung – einer zunehmenden Angleichung von Individuen und Gemeinschaften. Hoegh-Guldberg fordert: »Die Zeit zu handeln ist jetzt.«

Jährlich bringt das Great Barrier Reef der australischen Wirtschaft 3,7 Milliarden Euro ein und schafft 64 000 Arbeitsplätze. Nun soll der »Reef 2050 Plan« es durch die kommenden Jahrzehnte retten. Im Jahr 2018 hat die Regierung die Mittel auf 500 Millionen australische Dollar – etwa 312 Millionen Euro – aufgestockt. Ein großer Teil soll in Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität fließen.

Darüber hinaus fördert die Regierung Wissenschaftler, die Schutzprogramme für das Riff entwerfen: Beispielsweise wird eine biologisch abbaubare schwimmende Membran getestet, die als Sonnensegel fungiert. Überlebende Korallenarten werden mit sensiblen gekreuzt, um die Riffe mit resistenten Arten auszustatten. Andere Programme bekämpfen den Dornkronenseestern: Auf Grund des Eintrags von Phosphaten und Nitraten durch die Landwirtschaft und wegen des Mangels an Fraßfeinden haben die Seesterne sich stark vermehrt und fallen immer häufiger wie eine Heuschreckenplage auf Korallenbänken ein.

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Ausgebleichte Korallen im Tuamotu-Archipel | Leider mittlerweile ein gängiger Anblick: Die aufgeheizten Ozeane sorgen dafür, dass die Korallen absterben.
»Maßnahmen zum Klimaschutz sind der einzige Weg, um das Great Barrier Reef zu schützen«(Andrew Baird)

Baird sieht diese Maßnahmen kritisch: »Die Seesterne zu bekämpfen, ist komplette Zeit- und Geldverschwendung. Maßnahmen zum Klimaschutz sind der einzige Weg, um das Great Barrier Reef zu schützen.« Auch andere Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen bezeichnen den Plan als unzureichend. Die Australian Academy of Science moniert, der Plan würde die Aufmerksamkeit auf kleine Restaurationsprojekte lenken: »Stressfaktoren wie der Klimawandel, aber auch Überfischung und die Expansion der Häfen werden kaum thematisiert.« So argumentiert auch die australische Organisation Climate Council: »Das Programm schießt völlig am Ziel vorbei.«

Eine effektive Möglichkeit zum Schutz des Great Barrier Reef sieht die Meeresbiologin Lissa Schindler von der Australian Marine Conservation Society: »Australien ist einer der größten Kohleexporteure der Welt. Die veräußerte Kohle erzeugt doppelt so viele Treibhausgase wie unsere eigenen Emissionen.« Aktuell betreibt die Aktivistin Öffentlichkeitsarbeit gegen die indische Adani Group. Der Konzern plant einige hundert Kilometer hinter der Küste von Queensland die Carmichael Coal Mine – eine Mine enormer Ausmaße: »Sie würde über ihre Betriebsdauer 4,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen.«

Kohlemine als große Bedrohung

Und sie zieht weitere Projekte nach sich. Denn Adani plant, die Mine in einem zweiten Schritt zu erweitern und dazu seinen Kohlehafen Abbot Point auszubauen. Dieser liegt direkt hinter dem Great Barrier Reef: »Hunderte weiterer Frachtschiffe würden durch die Gewässer der Riffe fahren und das Risiko eines Unfalls erhöhen. Außerdem müssten über eine Million Kubikmeter Meeresboden ausgebaggert werden. Das würde Weidegründe der seltenen Dugongs und Meeresschildkröten zerstören und Korallenriffe schädigen.«

Zudem würde die Carmichael Coal Mine die Erschließung eines der größten Kohlevorkommen der Welt ermöglichen: »Weitere acht Minen sind in diesem Gebiet beantragt. Sie sind auf den Fortgang von Adanis Projekt angewiesen.« Derzeit klagt der Bundesstaat Queensland gegen Adani: Bei starken Regenfällen im Jahr 2017 und 2019 flutete verschmutztes Wasser unter anderem das Great Barrier Reef. Das Unternehmen räumte ein, dass die Mine statt der versprochenen 10 000 Arbeitsplätze weniger als 1500 schaffen würde. Dennoch hat die australische Regierung Adani bereits grünes Licht gegeben; der Bundesstaat Queensland muss noch zwei Managementplänen zustimmen.

»Wenn wir eine Zukunft für unser Riff möchten, müssen wir den Kohleabbau stoppen und sehr schnell zu erneuerbaren Energien umschwenken«(Lissa Schindler)

Für Schindler ist klar: »Wenn wir eine Zukunft für unser Riff möchten, müssen wir den Kohleabbau stoppen und sehr schnell zu erneuerbaren Energien umschwenken.« Nach dem aktuellen Bericht des Weltklimarats muss die Weltbevölkerung die Wärmegewinnung aus Kohle bis zum Jahr 2030 um 78 Prozent reduzieren und im Verlauf der nächsten zwei Dekaden so gut wie vollständig beenden: »Nur so können wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius beschränken.«

Diesem Temperaturanstieg würden bereits 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe weltweit zum Opfer fallen. Eine Erwärmung um zwei Grad Celsius, so die Aktivistin, eliminiere faktisch alle: »Und im Moment steuern wir mehr als drei Grad Erderwärmung an. Die Korallenbleichen der letzten Jahre sind ein Notruf.« Hoegh-Guldberg ergänzt: »Wir stehen an einem Scheideweg. Wenn wir versagen, wird nicht nur das Great Barrier Reef zerstört – sondern sehr wahrscheinlich auch unsere Nahrungs- und Wasserversorgung und viele andere Belange unseres Lebens auf der Erde. Und wir.«

24/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2019

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