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Klimawandel: Getreide für alle Bedingungen

Auch nach 12 000 Jahren Getreideanbau sind die Züchter von Weizen noch längst nicht am Ziel. Sie suchen mit einer Mischung aus jahrtausendealten Prinzipien und den Hightech-Methoden des 21. Jahrhunderts Sorten, die zukünftigen Dürren trotzen und gefräßigen Insektenmäulern Widerstand leisten.
GetreideLaden...

2018 war ein Dürrejahr, das einen guten Teil der Getreideernte Mitteleuropas vernichtet hat. Es unterstreicht die Mahnungen der Klimaforscher, nach denen solche Extremereignisse häufiger werden dürften. Das hat Züchter bestätigt, die schon seit Jahren an neuen, dürreresistenten Weizensorten arbeiten.

Allerdings sollten sich die Züchter keineswegs auf die Entwicklung von Getreidesorten beschränken, die künftig auf den Feldern der Bauern besser mit Dürren zurechtkommen. Könnte uns doch der Klimawandel noch andere Überraschungen bescheren. Vielleicht werden in Zukunft Insekten wie befürchtet massenweise über das Getreide der Welt herfallen und große Teile der Ernte vernichten. Ein vorausschauender Weizenzüchter sollte also mit dem Züchten neuer Sorten anfangen, an denen sich nicht nur die gefräßigen Mäuler der Schädlinge die Kauwerkzeuge ausbeißen, sondern die den Dürresommern der Zukunft standhalten.

Zusätzlich braucht ein erfolgreicher Weizenzüchter unserer Zeit für seinen Job neben den Hightech-Methoden des 21. Jahrhunderts auch noch hellseherischen Fähigkeiten, die ihm zukünftige Trends verraten: Welche Backqualitäten könnten gefragt sein, welche Einschränkungen gibt es dann bezüglich Dünger und Pflanzenschutzmitteln? Kommt zum Beispiel hier zu Lande das in der Türkei und im Nahen und Mittleren Osten sehr beliebte Fladenbrot in Mode, braucht der Bäcker dazu einen Weizen mit ganz anderen Backeigenschaften als für Ciabatta.

Einfach aus dem Ärmel schütteln lassen sich die Zutaten für die besten Sorten also kaum. Muss doch der Züchter von der vermuteten Entwicklung der Ernährungsgewohnheiten über mögliche Wetterkapriolen durch den Klimawandel bis zu politischen Vorgaben an die Landwirtschaft zum Einsatz von Düngern und Pflanzenschutzmitteln einen großen Teil der Entwicklung im kommenden Jahrzehnt und darüber hinaus im Auge behalten – und sollte sich bei dieser Hellseherei möglichst keine Fehler leisten. Obendrein ist das Züchten neuer Weizensorten selbst ohne solche Einflüsse deutlich schwieriger als bei anderen Pflanzen, weil dieses für die Welternährung und die Menschen Mitteleuropas gleichermaßen immens wichtige Getreide eine komplizierte Entwicklung durchlaufen hat, die umfassende Spuren in seinem Erbgut hinterlassen hat.

Unklare Vorfahren des Weizen

Vielleicht werden die Forscher ja nie genau herausfinden, wie die Jäger und Sammler der Steinzeit vor vielleicht 12 000 Jahren sich langsam in Richtung Ackerbau orientierten. Auch der exakte Ort des Geschehens lässt sich wohl nicht mehr klären. Irgendwo im »Fruchtbaren Halbmond« zwischen den heutigen Staaten Iran, Irak, Jordanien und Syrien jedenfalls kreuzten sich vielleicht schon vor einer halben Million Jahren zwei Gräser miteinander. Heraus kam der Urahn der heutigen Weizenarten, den Bauern Emmer und Forscher Triticum dicoccum nennen.

Einer der Vorfahren dieses auch Zweikorn genannten Getreides heißt Triticum urartu und ist ein sehr naher Verwandter des Einkorns Triticum monococcum, das bereits vor knapp 10 000 Jahren am Oberlauf des Euphrat und vor fast 9000 Jahren im biblischen Jericho angebaut wurde – und noch heute von traditionsbewussten Spezialisten zu Nudeln, Brot und Bier verarbeitet wird. Den anderen Ahnen konnten die Forscher noch nicht dingfest machen, es muss sich aber um einen nahen Verwandten des Süßgrases Aegilops speltoides handeln.

Im Erbgut beider Vorfahren des Emmers lag genau wie beim Menschen und den meisten Tieren und Pflanzen ein doppelter Satz von Chromosomen vor, von dem normalerweise je eine Hälfte von einem Elternteil stammt. Der Emmer aber hat von jedem seiner beiden Ahnen diesen doppelten Erbgutsatz behalten. Daher steckt in seinen Zellen ein vierfacher Chromosomensatz. Dieser Emmer wird mancherorts noch immer angebaut. Bekannter ist aber sein Nachkomme, der Hartweizen, aus dem vor allem in Italien, aber auch in Frankreich, Spanien und Griechenland Pasta und andere Teigwarenköstlichkeiten hergestellt werden.

Sechsfacher Chromosomensatz führt nicht zur reinerbigen Sorte

Lange vor seinem Anbau durch die ersten Steinzeitbauern aber hatte der Wilde Emmer mit dem Ziegengras Aegilops tauschii vor ungefähr einer Viertel Million Jahren eine weitere Liaison, aus der die Vorfahren des heutigen Weizens und Dinkels entstanden. Wie schon bei der Entstehung von Emmer behielten auch Weizen und Dinkel jeweils die vier Chromosomensätze des Emmers und die beiden des Ziegengrases bei. Das heutige Brotgetreide hat daher gleich einen sechsfachen Erbgutsatz. Diese extrem hohe Vielfalt ermöglicht einerseits sehr viele unterschiedliche Kombinationen. Die Züchter sehen diese riesige Spielwiese aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Schließlich wollen sie möglichst reinerbige Sorten züchten, was bei einem sechsfachen Chromosomensatz eine mehr als herausfordernde Aufgabe ist.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem: Genau wie der Züchter im 21. Jahrhundert Sorten entwickelt, die zum Beispiel mit den Wetterunbillen des Klimawandels möglichst gut fertigwerden, hatten auch alle seine Vorgänger bestimmte Ziele vor Augen. So waren die Ähren der wilden Vorfahren unserer heutigen Weizenfamilie noch recht brüchig. Schon ein kräftiger Windstoß konnte so das Korn herausschleudern, aus dem auf dem Boden bald eine neue Pflanze keimte. Für die Verbreitung dieser Gräser war dieser Mechanismus genial. Für die Steinzeitbauern aber bedeuten solche leere Ähren Hunger. Also suchten sie Pflanzen mit stabileren Ähren, aus denen nicht der Wind, sondern die Bauern die Körner herausdreschen konnten.

Um dauerhaft gezüchtet zu werden, ist aber noch eine zweite Eigenschaft nötig: Die Nutzpflanze Einkorn befruchtet sich meist selbst. Daher können sich ihre wilden Vorfahren kaum mit ihr kreuzen und so den Nachkommen unter Umständen die brüchigen Ähren zurückbringen. Dank dieser Selbstbestäubung aber wächst Einkorn noch heute mit festen Ähren gut auf den sandigen und armen Böden, auf denen seine wilden Vorfahren zu Hause waren. Leider ernten die Bauern auf einem 100 mal 100 Meter großen Feld allenfalls zwei Tonnen Einkorn, bei Weizen holen deutsche Landwirte dagegen rund 9 Tonnen von einem ebenfalls einen Hektar großen Acker.

Die Spreu vom Weizen trennen

Schon in der Steinzeit versuchten die Bauern daher immer die Pflanzen weiterzuzüchten, die größere Körner und Ähren hatten und so höhere Erträge garantierten. Und sie achteten noch auf weitere Eigenschaften: Beim Einkorn lösen sich ähnlich wie bei anderem »alten« Getreide wie dem Dinkel die Körner nur schwer aus ihrer schützenden Hülle. Diese Spelzen müssen daher in einem zusätzlichen Arbeitsschritt entfernt werden. Beim Weizen konnte bereits beim Dreschen die Spreu leichter vom Korn getrennt werden. Auf andere Eigenschaften achteten die Züchter dagegen weniger, von ihnen gingen daher im Lauf der Zeit einige mehr oder weniger zufällig verloren.

Einige dieser Verluste würden die Weizenzüchter des 21. Jahrhunderts gerne wieder zurückholen. So gibt es jedes Jahr massive Verluste bei der Weizenernte durch Krankheiten wie die durch Eipilze ausgelöste Wurzelfäule oder durch die sehr giftigen Mutterkornpilze. Einkorn dagegen hat starke Widerstandskräfte gegen solche Schädlinge, die Züchter gerne dem Weizen zurückgeben würden.

Andreas Börner, Agrarwissenschaftler am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), ist Herr über mehr als 28 000 Weizen- und mehr als 23 000 Gerstesaatgutproben. In Sammelaktionen in verschiedenen Weltgegenden und im Tausch mit anderen Saatgutbanken oder botanischen Gärten sowie bei vielen anderen Aktivitäten sind nicht nur Sorten aus aller Herren Länder, sondern auch die Wildformen unseres Getreides in das Vorland des Harzes gelangt und werden dort fein säuberlich geordnet in Kühlkammern bei Temperaturen von minus 18 Grad Celsius gelagert.

Das IPK ist aber weit mehr als ein Zentraldepot für alte Sorten. Untersuchen die Forscher in Gatersleben doch nicht nur die genetische Vielfalt, analysieren die Widerstandsfähigkeit von Wildformen gegen Pflanzenkrankheiten, die unsere Ernten gefährden, und kreuzen solche Resistenzen auch in die herkömmlichen Weizensorten ein. Vor allem aber bekommen Züchter und andere Interessenten auf Anfrage Proben der Sorten und können damit ihre eigenen Züchtungen beginnen.

Welche Gene sorgen für Dürreresistenz?

Nicht weit entfernt arbeiten einige dieser Interessenten in der Weltkulturerbe-Stadt Quedlinburg im Institut für Resistenzforschung und Stresstoleranz des Julius-Kühn-Instituts (JKI) an neuen Technologien beim Züchten von Weizen. Institutsleiter Frank Ordon und seine Kollegen konzentrieren sich dabei auf das Erbgut dieses Getreides, das im August 2018 mit etwa 94 Prozent fast vollständig entschlüsselt wurde und das mit 17 Milliarden Bausteinen rund fünfmal größer als das Erbgut eines Menschen ist. 107 891 Gene identifizierten IPK-Forscher Nils Stein und seine mehr als 200 Kollegen aus 73 Forschungsinstituten in 20 Ländern im Weizen. Obendrein haben sich die Forscher bereits angeschaut, wie aktiv diese Gene sind, wenn die Pflanzen zum Beispiel während einer Dürre unter Wassermangel leiden.

Solche Ergebnisse helfen natürlich Frank Ordon und seinen Kollegen enorm weiter. Denn sie sind genau diesen Regionen im Erbgut des Getreides auf der Spur, die dem Weizen und seiner Verwandtschaft helfen, widrigen Umweltbedingungen wie den Dürren zu trotzen. Die JKI-Forscher fahnden aber auch nach Widerstandskräften gegen Pilze, Bakterien und Viren, die jedes Jahr erhebliche Ernteschäden verursachen. Solche Schäden aber werden mit dem Klimawandel zunehmen, weil langfristig die Herbste milder werden dürften. Davon profitieren viele Insekten, die bei kalter Witterung nicht mehr unterwegs sind. Von denen wiederum knabbern nicht nur etliche Arten am keimenden Wintergetreide, viele übertragen zudem auch noch die Erreger von Pflanzenkrankheiten.

Da gibt es zum Beispiel das Weizenverzwergungsvirus WDV (Wheat Dwarf Virus), das genau genommen aus zwei unterschiedlichen Viren besteht, von denen eines Gerste und das andere Weizen befällt. Als dem Hitzesommer 2003 auch noch ein außergewöhnlich warmer Herbst folgte, konnten winzige Zikaden diese Viren offensichtlich effektiv übertragen, und vor allen in Franken litt das Wintergetreide sehr. Im kommenden Jahr vergilbten die Pflanzen, viele hatten sterile Ähren und konnten so keine Getreidekörner bilden. Mancherorts fiel so die Getreideernte im Jahr 2004 komplett ins Wasser.

Weizen mit Viren lässt sich kaum behandeln

Lassen sich schon beim Menschen Virusinfektionen nur schwer behandeln, ist gegen Infektionen mit den WDV-Erregern, deren Erbgut aus einem Ring von Einzelstrang-DNA besteht, erst recht kein Kraut gewachsen. Auch Insektizide entpuppen sich als stumpfe Waffe im Kampf gegen diese Infektion, weil die sehr beweglichen Zikaden diesen Giften leicht aus dem Weg gehen und WDV auch unter der chemischen Keule gut übertragen können. Wenn der Klimawandel häufiger für einen warmen Herbst sorgt, dürften die Probleme mit dieser Weizenkrankheit also zunehmen.

Aus gutem Grund säen die JKI-Forscher in Quedlinburg also hunderte der in Gatersleben lagernden Weizensorten in tunnelförmigen Vertiefungen aus, die mit Vlies abgedeckt werden. Dort werden dann Zikaden ausgesetzt. Anschließend schauen sich die Forscher das Erbgut der Pflanzen und Sorten genauer an, die diese Prozedur überlebt haben und die daher vielleicht Widerstandskräfte gegen WDV besitzen. Seit das Weizengenom identifiziert ist, fällt es ihnen daher viel leichter, die Erbeigenschaften einzugrenzen, die für solche Resistenzen verantwortlich sein könnten. Einen Genotypen, der WDV-Infektionen zumindest toleriert, konnten die JKI-Forscher bereits identifizieren. Nach einer solchen Infektion liefert er 60 Prozent höhere Erträge als Pflanzen ohne solche Widerstandskräfte.

Zur Identifizierung solcher Sorten nutzen die Forscher modernste Technologie. So fotografieren Kameras die Pflanzen in Wellenlängen zwischen 400 und 4000 Nanometern. Mit einer Hyper-Spektralanalyse erkennt man auf den Bildern die Symptome von Erkrankungen schon nach zwei Tagen, während das bloße Auge erst nach einer Woche fündig wird. In den betroffenen Pflanzenteilen untersuchen die JKI-Forscher dann, welche Erbeigenschaften dort aktiv sind, und können so die Stellen im Erbgut einkreisen, die dem Getreide Widerstandskräfte gegen WDV verleihen. Sind diese Sequenzen erst einmal bekannt, erleichtern sie die Suche nach resistenten Sorten natürlich enorm.

Mit ähnlichen Methoden suchen Frank Ordon und seine Mitarbeiter auch Sorten, die besser mit der von Septoria tritici-Pilzen verursachten Weizen-Blattdürre fertig werden, die ebenfalls den Ertrag um 40 Prozent senken kann. Lässt der Klimawandel die Temperaturen steigen, vermehren die Pilze sich schneller und die Schäden nehmen zu. Obendrein sind die Erreger oft bereits gegen herkömmliche Pflanzenschutzmittel resistent. Da kommt eine von den JKI-Forschern isolierte Winterweizenlinie mit Resistenzen gegen die Weizen-Blattdürre gerade recht.

In weiteren Versuchen lassen die Forscher Weizensorten in Böden wachsen, die 30 oder 70 Prozent Bodenfeuchte haben. Nach einiger Zeit sollten sich Sorten herauskristallisieren, die mit 30 Prozent Bodenfeuchtigkeit besser zurechtkommen und so den mit dem Klimawandel drohenden Dürresommern wie im Jahr 2018 Paroli bieten können.

60 Prozent mehr Weizen braucht die Welt 2050

Bei diesen Versuchen sind die JKI-Forscher und ihre IPK-Kollegen in Gatersleben keine Einzelkämpfer. Bereits 2011 haben die Agrarminister der G20-Staaten eine Weizeninitiative angeregt, der 16 Staaten, neun Züchtungsunternehmen und zwei internationale Forschungszentren angehören, die ihre Ressourcen bündeln und ihr Wissen und ihre Ideen miteinander teilen: Weil die Weltbevölkerung weiterwächst, dürfte bis 2050 rund 60 Prozent mehr Weizen als heute benötigt werden. Gleichzeitig aber kommen kaum neue Anbauflächen dazu. Daher sollten die bereits heute hohen Erträge in jedem Jahr um weitere 1,6 Prozent steigen. Gelingen dürfte das nur mit neuen Sorten, die einerseits die vorhandenen und zugeführten Nährstoffe besser verwerten und die andererseits mit den dräuenden Witterungsphänomenen wie Dürren oder häufigeren Pflanzenkrankheiten gut fertigwerden.

Einer der treibenden Kräfte in dieser Weizeninitiative ist Ebrahim Kazmann von der Syngenta Seeds GmbH in Hadmersleben. Dieser Standort hat eine uralte Tradition, steht doch in Hadmersleben ein Benediktinerkloster, das 1809 in napoleonischen Zeiten in weltliche Hände überging. 1885 übernahm dann der Ornithologe Ferdinand Heine als fünfter Besitzer das ehemalige Kloster und begann dort Zuckerrüben, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und vor allem Weizen zu züchten. Mit 106 Knechten, 32 Kaltblutpferden und 130 Zugochsen sowie 30 Rindern und 1800 Schafen, die insgesamt 600 Hektar mit Dünger versorgten, entwickelte man damals Sorten und lieferte Saatgut, das auf diversen Weltausstellungen zwischen 1894 und 1910 mit höchsten Auszeichnungen den Weltruhm von Hadmersleben als Mekka der Pflanzenzüchter begründete. Die Forschungstradition aus der Kaiserzeit überstand ungebrochen die Weimarer Republik, das Dritte Reich und die DDR, bis sie 2014 von der Syngenta Seeds GmbH übernommen wurde.

Längst sind die Weizenzüchter aus dem Kloster ausgezogen und entwickeln ihre neuen Sorten auf fetten Schwarzerdeböden auf der anderen Seite von Hadmersleben. Dabei baut Ebrahim Kazmann vor allem auf seine langjährige Erfahrung, aber auch auf die Ergebnisse der Forscher in Quedlinburg und in Gatersleben. Selbst mit diesem geballten Wissen dauert es zwölf Jahre, bis Syngenta eine neue Sorte verkaufen kann. Ganz am Anfang sucht sich Ebrahim Kazmann die richtigen Eltern für seine Neuentwicklung aus. Und die wollen gut überlegt sein. Schließlich bringt es wenig, wenn er einen Weizen züchtet, der zwar Dürren gut meistert, dessen Körner nach dem Mahlen aber nur mittelmäßige Backeigenschaften haben. Im Prinzip sollte eine neue Weizensorte nämlich am besten alles können: hervorragende Backeigenschaften, Widerstandskraft gegen diverse Schädlinge und Krankheiten und gleichzeitig auch sparsam mit Nährstoffen umgehen und hohe Erträge liefern, die ebenfalls steigen sollen.

Eine Pflanze als Eier legende Wollmilchsau

Nur lässt sich ein solcher Weizen, der einer Eier legenden Wollmilchsau gleicht, gar nicht so einfach züchten, weil einige dieser gewünschten Eigenschaften eigentlich gar nicht zusammenpassen. So hängen die Backeigenschaften des Mehls entscheidend vom Proteingehalt der Körner ab: Je mehr Proteine ein Weizenkorn enthält, umso lockerer wird der Kuchen oder das Brötchen, das der Bäcker daraus backt. Andererseits steckt in diesen Proteinen viel Energie, die den Pflanzen dann bei der Produktion von Stärke fehlt, die ihrerseits für den Ertrag wichtig ist. Hohe Erträge und sehr gute Backeigenschaften scheinen sich also auszuschließen.

Allerdings gibt es auch Sorten, die sehr gute Backeigenschaften mit niedrigeren Proteingehalten als andere erreichen. Der Trick dieser Sorten liegt an der Zusammensetzung der Klebereiweiße, die aus den beiden Gruppen der Glutenine und Gliadine bestehen. Beim Backen halten diese dehnbaren Eiweiße das entstehende Kohlendioxid in kleinen Bläschen fest, beim Abkühlen werden diese Kleberproteine dann fest und stabilisieren so die lockere Form mit vielen Bläschen. Enthält das Getreide dagegen wenig Klebereiweiß, wird der Teig viel fester.

Allerdings kleben einige Mischungen dieser Kleberweiße besser als andere. Züchter wie Ebrahim Kazmann suchen daher auch Sorten mit einer möglichst optimalen Zusammensetzung von Klebereiweißen, die gute Backeigenschaften bei hohen Erträgen ermöglichen.

Stroh wird knapp

Noch eine weitere Eigenschaft könnte in Zukunft eine wichtige Rolle spielen: Bei hohen Erträgen sind die Ähren natürlich schwerer als bei niedrigen, und die Getreidehalme brechen leichter. Daher haben moderne Hochleistungssorten kurze Halme, in denen auch weniger Energie steckt, die wiederum dem Ertrag zugutekommt und ihn erhöht. Demnach bleibt bei heutigem Weizen weniger Stroh übrig als in früheren Zeiten, in denen Stroh eine wertvolle Ressource war.

Genau diese wertvolle Ressource aber scheint Stroh heute wieder zu werden. So ist es zum Beispiel als Dämmstoff oder als Rohmaterial für die Herstellung von Biotreibstoffen gefragt. Das deutsche Biomasseforschungszentrum in Leipzig vermutet, man könne aus dem in Deutschland anfallenden Stroh im Jahr genug Methan herstellen, um damit vier Millionen Erdgasfahrzeuge fahren zu lassen. Bieten die Züchter in Zukunft also Sorten mit längeren Halmen an, die auch bei hohen Erträgen stabil sind, fällt auch mehr Stroh an und es könnten mehr Fahrzeuge mit Erdgas versorgt werden.

Ebrahim Kazmann muss sich also sehr gut überlegen, welche Eltern er miteinander kombiniert, um Sorten auf langen Halmen mit hohen Erträgen zu erhalten, die eine optimale Zusammensetzung der Klebereiweiße haben, die Nährstoffe gut verwerten und daher weniger Dünger brauchen, sowie gleichzeitig den Unbillen des Klimawandels von Dürren bis zu häufiger zuschlagenden Schädlingen und Krankheiten Paroli bieten.

Sorgfältige Auswahl von Hand

Solche Kombinationen werden ausgesät, und in einer Parzelle in Hadmersleben reifen dann eineinhalb Millionen Weizenpflanzen. Unter diesen sucht Ebrahim Kazmann die besten aus. Das sind die Pflanzen, deren Blatt bis zur Reife des Getreides gesund bleibt und bis dahin wertvolle Inhaltstoffe an die Körner liefert. Das Getreide sollte auch weder zu früh noch zu spät reifen. Schließlich erntet der Bauer später ja nicht jeden Halm einzeln, sondern das ganze Feld gleichzeitig. Da ist es natürlich auch wichtig, dass die Halme in etwa gleich lang sind und möglichst stabil stehen.

Jahr für Jahr wählt er eigenhändig die jeweils besten Pflanzen aus, die dann weitergezüchtet werden. So bleiben von den anfänglich 1,5 Millionen Pflanzen im ersten Jahr gerade noch 100 000 übrig, aus denen im zweiten Jahr 40 000, im dritten 2000 und im vierten Jahr 500.

Natürlich ergänzt der Züchter seine Erfahrung mit Analysen im Labor, mit denen er die wichtigsten Backeigenschaften untersucht. Dort trennen Polyacrylamid-Gelelektrophoresen die Proteine der Weizenkörner in Peptide auf. Aus dem Muster dieser Peptide kann man die Backqualitäten der Körner abschätzen. Daneben geben die Laboranten sieben Gramm Mehl in destilliertes Wasser, das nach ausgiebigem Schütteln in kochendes Wasser gestellt wird. Dabei quillt die Stärke ähnlich wie beim Backen auf, ein Viskosimeter misst, wie zäh die Flüssigkeit dabei wird und bestimmt so, wie viel quellfähige Stärke enthalten ist. 3,2 Gramm Mehl werden in Wasser mit Bromphenylblau geschüttelt, danach mit Isopropylsäure und gekochter Milchsäure weitergeschüttelt. Je höher sich das Mehl danach am Boden absetzt, umso flockiger und damit backfähiger ist es. Obendrein bestimmen die Laboranten im nahen Infrarotlicht mit 200 Gramm Körnern zerstörungsfrei die Feuchte, den Proteinwert sowie den Gehalt an Stärke und Klebern.

Nach diesen vier Jahren hat Ebrahim Kazman dann eine Sorte in der Hand, von der er weiß, ob es sich lohnt, sie weiterzuzüchten. In drei weiteren Jahren muss er dann den Wert dieser neuen Sorte prüfen, danach nehmen die Behörden sie noch fünf Jahre unter die Lupe. Vom Anfang der Züchtung bis zur Zulassung einer Sorte dauert es so leicht zwölf Jahre. So weit müssen Züchter wie Ebrahim Kazmann also in die Zukunft schauen, wenn sie mit der Arbeit an einer neuen Sorte beginnen. Und sollten sich dabei möglichst nicht irren. Schließlich bringen dürreresistente Sorten wenig, wenn der Klimawandel zwar heiße, aber auch verregnete Sommer bringen sollte, die ganz andere Sorten erfordern. Auf jeden Fall aber sollten die neuen Züchtungen höhere Erträge und hervorragende Backeigenschaften liefern. Es sei denn, auch in Mitteleuropa kommt in Zukunft Fladenbrot in Mode.

01/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01/2019

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