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Globale Erwärmung: Klimawandel wirft deutliche Schatten voraus

Die neuesten Ergebnisse von Klimamodellen bestätigen, dass sich das Klima in den kommenden hundert Jahren so schnell ändern wird wie nie zuvor in der Erdgeschichte, mahnen Forscher des Max-Planck-Institutes für Meteorologie in Hamburg. Die Daten, die in den nächsten Statusbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change eingehen werden, prognostizieren eine Temperaturerhöhung von 2,5 bis 4,1 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts, abhängig von der bis dahin freigesetzten Treibhausgasmenge. Im letzten Bericht von 2001 nannte das IPCC eine Spannweite von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius.

Die Hamburger Wissenschaftler hatten ihr Modell verfeinert, indem sie zusätzlich zu den komplexen Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre und Ozeanen auch neue Erkenntnisse zum Einfluss von Aerosolen und des Kohlenstoff-Kreislauf berücksichtigten. Sie simulierten dabei verschiedene Szenarien in Abhängigkeit von der Menge an Treibhausgasen, die in den nächsten Jahrzehnten freigesetzt werden.

Neben den kletternden Temperaturen ermittelten sie auch einen zu erwartenden Meeresspiegelanstieg von bis zu dreißig Zentimetern sowie einen weiteren Rückgang der Meereisbedeckung. Im extremsten Fall könnte die Arktis zukünftig im Sommer sogar eisfrei sein. Für Europa bestätigen sich frühere Ergebnisse, nach denen die Sommer trockener und heißer sowie die Winter wärmer und feuchter werden ebenso wie die Zunahme von Extremereignissen wie Starkniederschläge, Hochwasser und Dürreperioden.

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Meereis-Ausdehnung im Vergleich | Die sommerliche Meereisbedeckung in der Arktis im Vergleich: oben 1979, unten 2005. In den letzten vier Jahren lag die Fläche über ein Fünftel unter dem Durchschnitt der Jahre zuvor.
Wie nahe die Realität inzwischen den Prognosen kommt, zeigen Satellitenaufnahmen des arktischen Meereises seitens der Nasa: Am 21. September maßen sie dort eine Ausdehnung von nur noch 5,3 Millionen Quadratkilometern – so wenig wie nie zuvor seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1978. Damit hat sich die Fläche des Eises, die im September am geringsten ist, um knapp zehn Prozent pro Jahrzehnt verringert; in den letzten vier Jahren lagen die Werte um ein Fünftel unter dem Durchschnittswert für den Zeitraum von 1979 bis 2000.

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Langfristiger Trend | Ein eindeutiger Trend: Seit Beginn der Satellitenbeobachtung hat die Ausdehnung des Meereises drastisch abgenommen. Schuld daran dürfte die menschgemachte Klimaerwärmung sein.
Die Forscher beobachten außerdem immer früher das Einsetzen der Eisschmelze und eine geringere Erholung im Winter. Obwohl das Ausmaß der Eisbedeckung durchaus auch natürlicherweise schwankt, sei ein derart ständiger Rückgang, wie in den letzten Jahren, sehr ungewöhnlich, so Liz Morris vom British Antarctic Survey. Zuammen mit den steigenden Temperaturen in der Arktis deute dies auf den Einfluss der menschgemachten Treibhausgase hin.

Der Eisschwund hat nicht nur einen entscheidenden Effekt auf die weitere Klimaentwicklung, weil dadurch rückstrahlende Flächen verloren gehen, die dem Treibhauseffekt entgegen wirken. Er bedeutet auch tief einschneidende Veränderungen für die Lebewelt.

Einen weiteren negativen Einfluss auf die Lebewelt dokumentieren Wissenschaftler um James Orr vom Labor für Klima- und Umweltforschung in Gif-sur-Yvette. Die Forscher simulierten, wie sich der steigende Kohlendioxid-Gehalt in den Meeren auswirken wird. Da das Treibhausgas im Wasser zu Kohlensäure reagiert, sinkt der pH-Wert der Ozeane, was andererseits kalkhaltige Schalen verschiedener Meeresorganismen angreift.

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Flügelschnecke und Kaltwasserkoralle | Links: Das Gehäuse der Flügelschnecke Limacina besteht aus Aragonit, einer speziellen Kalk-Modifikation. Bei weiterer Versauerung der Meere würden sich die Schalen der Tiere schlicht auflösen beziehungsweise könnten die Schnecken keine neuen Gehäuse bilden. Schon in fünfzig Jahren könnten die Tiere, die eine wichtige Nahrungsgrundlage für andere bilden, daher in manchen Gebieten verschwinden.
Rechts: Ein ähnliches Schicksal droht Kaltwasserkorallen, die bereits jetzt durch Bodenschleppnetze der Fischerei stark bedroht sind.
Wie Orr und seine Kollegen mit Hilfe 13 verschiedener Modelle feststellten, versauern die Meere weitaus schneller als bislang vermutet. Bleibt es bei dem jetzigen Tempo, könnte die Versauerung bereits in fünfzig bis hundert Jahren vor allem Seegurken, Kaltwasserkorallen und im Wasser schwebende Flügelschnecken so stark beeinträchtigen, dass sie in manchen Verbreitungsgebieten verschwinden werden. Da sie eine wichtige Nahrungsgrundlage für Krebse über Lachse bis zu Walen darstellen, gerieten damit ganze Lebensgemeinschaften ins Wanken. Mit einem Rückgang der Kaltwasserkorallen wäre zudem ein einzigartiges Ökosystem bedroht, dem jetzt bereits die Fischerei mit Bodenschleppnetzen stark zusetzt.
01.10.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.10.2005

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