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Klimawandel: Wissenschaftler passen Klima-Szenarien an

Fachleute sind etwas optimistischer geworden, was den künftigen weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen angeht. Dennoch bleibt der menschengemachte Klimawandel bedrohlich.
Ein weites Feld mit reifem Getreide unter einem bewölkten Himmel. Im Vordergrund ist der Boden trocken und rissig, was auf Dürrebedingungen hinweist. Im Hintergrund sind Bäume am Horizont zu sehen. Das Bild thematisiert landwirtschaftliche Herausforderungen durch Trockenheit.
Laut UN-Umweltprogramm steuert die Welt nach wie vor auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 zu. Käme es dazu, wäre mit verheerenden weltweiten Folgen zu rechnen.

Eine Forschungsgruppe des World Climate Research Programme hat einen Fachartikel veröffentlicht, in dem sie verschiedene Szenarien der fortschreitenden Erderwärmung skizziert. Darin mildert sie die bisher schlimmsten Annahmen zum menschengemachten Klimawandel ab. Zur Begründung heißt es, das bisher gravierendste Szenario der Treibhausgas-Emissionen sei unplausibel geworden. 

Der Hauptautor der Studie, Detlef van Vuuren von der Universität Utrecht (Niederlande), verweist in einem erläuternden Beitrag unter anderem auf die gesunkenen Kosten erneuerbarer Energien. Der Ausbau einer regenerativen Energieversorgung habe in den zurückliegenden Jahren schneller zugelegt als erwartet, wodurch der Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Öl und Gas künftig weniger rasant wachsen dürfte. Zudem machten sich einige Maßnahmen des Klimaschutzes bemerkbar, wenn auch in begrenztem Umfang. 

Doch selbst wenn die Emissionen im schlimmsten angenommenen Szenario nun niedriger ausfallen, bedeute das nicht, dass ein bedrohlicher Klimawandel abgewendet sei, wie das Forschungsteam erläutert. Denn in dem neuen Worst-Case-Szenario gehe man immer noch von einer globalen Erwärmung um etwa 3,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum aus, »ein Wert, bei dem sehr schwerwiegende Klimafolgen zu erwarten sind«. Zum Vergleich: Das zuvor angenommene Worst-Case-Szenario bezifferte die weltweite Erwärmung laut Deutschem Wetterdienst auf deutlich mehr als vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Klimawandel wird möglicherweise immer noch unterschätzt

Zudem sind all diese Annahmen mit Unsicherheiten behaftet, wie van Vuuren betont. Es sei durchaus möglich, dass der globale Temperaturanstieg auch bei weniger starken Emissionen den Wert von vier Grad Celsius bis zum Jahr 2100 übersteige. Außerdem werde der Klimawandel danach nicht sofort stoppen, sondern noch eine Weile weiterlaufen, sodass das zuvor für 2100 prognostizierte Niveau dann voraussichtlich 2150 erreicht sei.

Die neuen Emissionsszenarien seien nicht als Entwarnung zu verstehen, erläutert auch Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute. »Die Wissenschaft geht heute von sehr viel gravierenderen Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren.« Insbesondere die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten werde heute höher bewertet – also von klimatischen Entwicklungen, die ab einem bestimmten Grad der globalen Erwärmung abrupt ein neues Verhalten annehmen, indem sie sich beispielsweise stark beschleunigen oder unkontrollierbar werden. »Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom damaligen Worst-Case-Szenario erwartet wurde.«

Laut UN-Umweltprogramm steuert die Welt nach wie vor auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis 2100 zu. Käme es dazu, wäre mit verheerenden weltweiten Folgen zu rechnen. Geändert hat sich laut Höhne, dass wegen des Ausbaus erneuerbarer Energien jetzt mit weniger Wachstum der fossilen Energien zu rechnen sei. Früher habe es keine Alternativen zu fossilen Energien gegeben, jetzt aber schon, weshalb die Wissenschaft mögliche künftige Entwicklungen an die geänderte Realität angepasst habe. Dem stimmt Johannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment in Mailand zu: »Im vergangenen Jahrzehnt hat sich dank politischem Momentum, technologischem Fortschritt und ökonomischen Anreizen schon einiges bewegt, um zumindest das frühere Worst-Case-Szenario zunehmend unrealistisch erscheinen zu lassen.«

Van Vuuren verweist jedoch darauf, dass das beste Szenario der Erderwärmung nun weniger günstig ausfällt als früher angenommen. Denn in den zurückliegenden Jahren seien die Emissionen weiter gestiegen. »Selbst die optimistischsten Szenarien erreichen erst gegen Ende dieses Jahrhunderts wieder etwa 1,5 Grad, nach einem zwischenzeitlichen deutlichen Überschreiten dieses Ziels um mindestens 0,2 bis 0,3 Grad.« Das bedeute, dass dem Klimawandel und der Anpassung an ihn mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Neben intensiven Bemühungen, um die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, müssten auch Anstrengungen unternommen werden, um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. (dpa/fs)

  • Quellen
Van Vuuren, D. et al., Geoscientific Model Development 10.5194/gmd-19–2627–2026, 2026

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