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Gedächtnis: Können vergessene Traumata wieder auftauchen?

Manchmal kommen in der Therapie Erinnerungen an vergangene Ereignisse hoch. Eine alte Debatte dreht sich um die Frage, wie viel Wahrheit in ihnen steckt.
Eine junge Frau guckt traurig ins LeereLaden...

Kann eine Therapie einen vergessenen Missbrauch wieder ins Gedächtnis zurückholen? Oder werden solche späten Erinnerungen in der Therapie durch Suggestion ins Gedächtnis eingepflanzt? Darüber haben Fachleute in der Psychologie lange gestritten. Der Traumaforscher Chris Brewin vom University College London erklärt die alte Kontroverse für beendet: »Es ist breit akzeptiert, dass traumatische Ereignisse manchmal vollständig vergessen und später wieder erinnert werden«, urteilt der emeritierte Professor. Und ebenso sei es möglich, dass eine Psychotherapie falsche oder teils falsche Erinnerungen herbeiführt.

In einer repräsentativen Stichprobe von mehr als 2300 Erwachsenen in den USA berichteten vier Prozent, dass sie sich im Zuge einer Therapie tatsächlich an ein zuvor vergessenes Ereignis von Missbrauch oder Misshandlung (»repressed abuse«) erinnert hätten. Acht Prozent hatten mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin zumindest über die Möglichkeit gesprochen. Die Fälle stammten allerdings häufiger aus den 1990er Jahren als aus dem letzten Jahrzehnt. Eine ähnliche Befragung in Frankreich an mehr als 1300 Erwachsenen bestätigte die rückläufigen Zahlen, und dort waren es laut eigener Auskunft meist die Patienten selbst, die das Thema zuerst ansprachen.

Eine Therapie könne das Gedächtnis aktivieren und die Erinnerungen wieder hervorholen, und das ganz ohne Suggestivtechniken, erläutert Brewin. Zuletzt habe eine Gruppe um die Psychologin Elizabeth Loftus, bekannt für ihre Forschung zu falschen Erinnerungen, die Kontroverse um suggerierte Traumata wieder angefacht, indem sie von »unbewusst verdrängten« Erinnerungen sprach. Es gebe aber keinen Grund, dieses umstrittene Konzept heranzuziehen, sagt der Traumaforscher. Die einfachste Erklärung für Gedächtnislücken laute, dass ein Ereignis schlicht vergessen wurde – dafür brauche es keine Verdrängung. Auch nicht traumatische Ereignisse würden manchmal nach Jahren wieder im Gedächtnis auftauchen.

Brewin fürchtet, die unnötige Debatte um unbewusste Verdrängung und etwaige suggestive Einflüsse könne wiedererlangte Erinnerungen diskreditieren. Der Psychologe hat unter anderem untersucht, was die Ergebnisse der Gedächtnisforschung für die Rechtsprechung bedeuten. Sein Fazit: Solange die Debatte scheinbar andauere, würden Gerichte fälschlicherweise von einer unklaren Forschungslage ausgehen, anstatt sich am gültigen wissenschaftlichen Konsens zu orientieren. Und der laute eben, dass vergessene traumatische Ereignisse manchmal wieder in das Gedächtnis zurückkommen und dass das Gedächtnis zwar formbar sei, aber im Großen und Ganzen verlässlich.

»Auch wenn es wiederholt versucht wird, sind die meisten Versuchspersonen resistent gegenüber Suggestionen«(Chris Brewin, Traumaforscher, University College London)

In einer Metaanalyse stellte er fest, man könne zwar rund jedem zweiten Menschen falsche Kindheitserinnerungen einpflanzen. Doch nur 15 Prozent entwickelten eine »vollständige« Erinnerung: »Selbst wenn es wiederholt versucht wird, mit Imaginationsverfahren oder manipulierten Fotos, sind die meisten Versuchspersonen resistent gegenüber Suggestionen.« Er spricht hier allerdings von Erwachsenen; Kinder sind anfälliger für Suggestionen und Scheinerinnerungen.

Andererseits räumt er ein, »dass selbst hochgradig emotionale Bilder, die spontan ins Gedächtnis kommen, nicht unbedingt auf realen Erfahrungen beruhen müssen«. Wie genau es dazu kommt, zählt er zu den drängenden Fragen der Gedächtnisforschung: unter welchen Umständen wir Traumata vergessen – und wann wir uns an ein Trauma erinnern, das es nie gegeben hat.

40/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 40/2020

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