Stoffwechsel: Unfreiwillig dünn

Bella Barnes ist Gewichtscoachin: Sie hilft Menschen dabei, ihr gewünschtes Körpergewicht zu erreichen. Allerdings nicht so, wie sich die meisten das vorstellen. Denn zu ihr kommen Frauen mit einem speziellen Problem: Sie wollen nicht ab-, sondern zunehmen.
Barnes´ Kundinnen empfinden sich als zu dünn und leiden darunter. »Vergangene Woche ist eine Frau zu mir gekommen, die Leggings mit einem ausgepolsterten Gesäßbereich trägt, damit ihr Po größer erscheint«, sagt Barnes, die in Großbritannien lebt. »Eine andere Klientin trägt drei Paar Leggings übereinander, sogar im Sommer, damit ihre Beine ein bisschen dicker wirken.« Barnes selbst stand einst vor diesem Problem und hat jahrelang Erfahrungen gesammelt, was sich dagegen tun lässt. Die gibt sie nun an andere weiter.
Wenn von Gewichtsproblemen die Rede ist, geht es praktisch immer um ein Übermaß an Pfunden. In Deutschland ist jeder zweite Erwachsene übergewichtig; jeder vierte leidet sogar an krankhaftem Übergewicht. Weltweit gesehen sind schätzungsweise eine Milliarde Personen von einer solchen Adipositas betroffen. Sie stehen typischerweise im Fokus, wenn es um Gewichtskomplikationen geht.
Doch auch am anderen Ende des Spektrums gibt es Menschen, die mit ihrem Körpergewicht hadern: solche nämlich mit einer unfreiwillig schlanken Statur. Fachleute schätzen, dass im globalen Schnitt knapp zwei Prozent der Bevölkerung konstitutionell (anlagebedingt) ungewöhnlich dünn sind, ohne dass krankhafte Ursachen dahinterstehen. In Deutschland betrifft das ein bis zwei Millionen Personen – sowohl Männer als auch Frauen. Genauere Angaben zu machen, ist schwierig, da statistisch belastbare Studien fehlen, die zwischen »natürlich« und »krankheitsbedingt« schlank differenzieren.
Mysteriöse Magerkeit
Konstitutionell dünne Menschen essen oft genauso viel wie ihre Mitmenschen und treiben häufig auch nicht besonders viel Sport. Dennoch liegt ihr Body-Mass-Index unterhalb von 18,5 und manchmal sogar unter 14, was bei einer Körpergröße von 1,70 Meter rund 40,5 Kilogramm entspräche. Und sie nehmen kaum oder gar nicht zu, selbst wenn sie es darauf anlegen. Physiologisch betrachtet sei dieser Zustand ein »echtes Rätsel«, wie ein französisches Forschungsteam Ende 2025 im Fachjournal »Annual Review of Nutrition« schrieb. Konstitutionelle Schlankheit stelle »grundlegendes dogmatisches Wissen hinsichtlich der Energiebilanz und des Stoffwechsels« infrage. Und sie ist noch kaum erforscht: Weniger als 50 klinische Studien haben sich bislang mit konstitutionell dünnen Menschen befasst, während tausende Arbeiten zu unerwünschtem Übergewicht existieren.
Doch die Frage, was hinter derartiger anlagebedingter Schlankheit steckt, rückt zunehmend in den Fokus. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, dass die Erforschung dieses Phänomens wichtige Erkenntnisse über den Stoffwechsel liefert. Das könnte konstitutionell dünnen Menschen helfen, an Körpergewicht zuzulegen – und vielleicht auch Übergewichtigen ermöglichen, Pfunde abzubauen. Denn konstitutionelle Schlankheit scheine so etwas wie ein Spiegelmodell der Fettleibigkeit zu sein, sagt die Physiologin Mélina Bailly, die in einem Stoffwechsel-Forschungslabor an der University Clermont Auvergne (Frankreich) arbeitet.
Über Menschen, die reichlich essen, aber auf unerklärliche Weise dünn bleiben, berichtete die wissenschaftliche Fachliteratur erstmals 1933. Jahrzehnte später, im Jahr 1990, zeigte ein bahnbrechendes Experiment, wie sehr sich Menschen hinsichtlich ihrer Gewichtsregulation unterscheiden können. Zwölf Paare eineiiger Zwillinge – junge, erwachsene Männer – erhielten an jeweils sechs Tagen pro Woche eine speziell zusammengestellte Nahrung mit einem Überschuss von 1000 Kilokalorien über den Tagesbedarf hinaus. Das entspricht einem Big Mac und einer mittelgroßen Portion Pommes zusätzlich an jeweils sechs Tagen in der Woche. Nach insgesamt drei Monaten dieser Überfütterung hatten die Versuchsteilnehmer im Durchschnitt gut acht Kilogramm zugenommen, hauptsächlich durch Einlagerung von Körperfett. Die Bandbreite war allerdings riesig: Ein Proband war fast 14 Kilogramm schwerer geworden, ein anderer gut 4. Letzterer hatte es also irgendwie geschafft, rund 60 Prozent der extra zugeführten Kalorien ohne Folgen wieder loszuwerden.
Die Unterschiede bei der Gewichtszunahme fielen im Paar-zu-Paar-Vergleich dreimal größer aus als zwischen den Zwillingen jeweils eines Paars, wie die Studie weiterhin ergab. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Erbanlagen eine große Rolle spielen, wenn es darum geht, wie sehr wir bei üppiger Ernährung zunehmen. Inzwischen haben mehrere Studien belegt, dass konstitutionell dünne Menschen trotz großer Kalorienzufuhr kaum an Gewicht zulegen, insbesondere nicht, wenn sie fettreiche Lebensmittel verzehren. Und wenn sie doch ein paar Pfunde hinzugewinnen, dann verschwinden diese rasch, sobald wieder der normale Speiseplan angesagt ist.
Fachleute sind davon nicht völlig überrascht. Viele von ihnen nehmen an, dass unser Organismus einen programmierten »Sollwert« oder »Sollbereich« des Körpergewichts hat, zu dem er immer wieder zurückzukehren versucht. Das ist ein Grund dafür, warum es nur wenigen fülligen Menschen gelingt, mittels einer Diät abzunehmen und das verminderte Gewicht dann langfristig zu halten. Bei reduzierter Kalorienzufuhr verlangsamt sich ihr Stoffwechsel, wodurch der Organismus weniger Energie umsetzt und umso schneller wieder zunimmt, sobald die Abnehmdiät beendet ist. Dieser Sollwert ist vermutlich nicht starr vorgegeben, sondern kann sich wohl in gewissen Grenzen verändern, was erklären würde, warum viele von uns mit fortschreitendem Alter an Masse zulegen.
Konstitutionell schlanke Menschen sind wahrscheinlich eine genauso heterogene Gruppe wie Übergewichtige. Einige bleiben vielleicht dünn, weil sie wenig Appetit haben oder sich schnell vollgestopft fühlen. Andere wiederum verbrennen trotz ihrer niedrigeren Masse genauso viele Kalorien wie deutlich schwerere Menschen. Eine Forschungsgruppe um Natacha Germain von der französischen Jean-Monnet-Universität hat herausgefunden: Konstitutionell dünne Menschen nehmen durchschnittlich etwa 300 Kilokalorien mehr pro Tag zu sich, als ihr Stoffwechsel benötigt. »Sie haben eine positive Energiebilanz und werden trotzdem nicht fülliger«, erläutert Physiologin Bailly.
Geringes Körpergewicht geht oft mit Stigmatisierung einher
Was solche Personen mit Übergewichtigen gemein haben: Sie leiden oft unter sozialer Stigmatisierung. Dünne Männer beispielsweise bekommen oft signalisiert, sie seien zu dürr, um ein »richtiger Mann« zu sein. Hagere Frauen wiederum beklagen ihre fehlenden Kurven. Manchmal unterstellt ihr soziales Umfeld ihnen, sie würden Essstörungen verbergen. »Sie bekommen Kommentare von irgendwelchen Leuten auf der Straße«, schildert Jens Lund, Stoffwechselforscher am Novo Nordisk Foundation Center for Basic Metabolic Research der Universität Kopenhagen. »Wer unfreiwillig dünn ist, hat manchmal das Gefühl, nach einem Familienessen nicht auf die Toilette gehen zu können – die anderen könnten ja denken, man habe Bulimie und wolle sich dort übergeben.«
Was aber passiert mit den aufgenommenen Kalorien bei konstitutionell dünnen Menschen? Wohin verschwinden sie? Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 hat hierzu einige Überraschungen geliefert. Als Bailly und ihr Team verschiedene Messdaten zur Körperzusammensetzung betroffener Frauen zusammenstellten, entdeckten sie etwas Unerwartetes: Konstitutionell Dünne haben beinahe normale Mengen an Fettgewebe in ihrem Körper. »Es ist wirklich ungewöhnlich, ein so geringes Körpergewicht mit einer ganz normalen Fettmasse kombiniert zu sehen«, sagt Bailly.
Woran es zu mangeln scheint, ist die Muskelmasse. Menschen mit anlagebedingt ungewöhnlich niedrigem Körpergewicht haben oft besonders wenig davon: Laut Untersuchungen weisen ihre Muskelfasern im Mittel einen etwa 20 Prozent kleineren Durchmesser auf. Möglicherweise ist auch die Knochenmasse bei diesen Personen verringert. Solche Fakten deuten darauf hin, dass anlagebedingte Schlankheit mit gesundheitlichen Nachteilen einhergeht. Obwohl es keine Studien dazu gibt, vermutet Bailly, dass besonders dünne Frauen mit zunehmendem Alter ein höheres Osteoporoserisiko tragen, also verstärkt zu Knochenschwäche neigen. Die geringere Muskelmasse wiederum könnte tägliche Aufgaben erschweren, die mit hohem Krafteinsatz einhergehen, etwa das Tragen von Einkaufskörben. Und sie könnte bedeuten, dass man im Krankheitsfall weniger Eiweißreserven besitzt, sagt Julien Verney, Physiologe im Stoffwechsel-Forschungslabor der University Clermont Auvergne.
Verschwenderischer Stoffwechsel lässt Kalorien ungenutzt
Zusätzlich zur abweichenden Körperzusammensetzung könnten konstitutionell dünne Personen besonders viele Kalorien »verschwenden«. Laut einigen Studien treiben sie zwar im Schnitt weniger Sport als andere Menschen, sind dafür aber hibbeliger und zappeliger, also körperlich unruhiger. Möglicherweise geben sie auch mehr Kalorien ab. Obgleich das nicht speziell für Menschen mit anlagebedingter Schlankheit untersucht wurde, ist bekannt, dass manche Personen bis zu 10 Prozent der aufgenommenen Kalorien über den Stuhl (und in geringerem Maße über den Urin) ausscheiden, während es bei anderen nur 2 Prozent sind. Eine niederländische Forschungsgruppe berichtete im Jahr 2013 von einer gesunden Versuchsteilnehmerin, die täglich 200 Kilokalorien mit ihrem Stuhl abgab – das entspricht dem Energiegehalt von etwa einem halben Liter Limonade.
Weitere Besonderheiten des Stoffwechsels konstitutionell dünner Menschen harren möglicherweise noch ihrer Entdeckung. »Wir haben kürzlich einige Hinweise gefunden, die auf eine höhere Stoffwechselaktivität ihres Fettgewebes hindeuten«, sagt Bailly. »Das wäre wirklich überraschend.« Aus anderen Studien liegen bereits Indizien vor, dass diese Personen oft mehr braunes Fettgewebe haben, das Fettsäuren oxidiert und mittels der damit einhergehenden Energiefreisetzung Wärme erzeugt.
Um hier mehr Klarheit zu bekommen, plant Lund eine stationäre Studie an der Universität von Kopenhagen. Deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden sich in eine abgeschlossene Messkammer begeben, deren Austausch mit der Umwelt streng kontrolliert wird. Das ermöglicht es, bei jeder Person die Energieaufnahme, den Energieumsatz und alle Arten der Energieabgabe (auch über den Stuhl, den Urin und die ausgeatmeten Gase) zu überwachen. Seit 2020 haben Lund und sein Team ein Netzwerk von möglichen Versuchsteilnehmern aufgebaut, die sich selbst als konstitutionell dünn bezeichnen – ein nützlicher Pool für künftige Forschungsarbeiten.
Erbfaktoren spielen eine wichtige Rolle
Wie schon die erwähnte Zwillingsstudie von 1990 zeigte, hat konstitutionelle Schlankheit eine starke genetische Komponente. Schätzungsweise drei von je vier Betroffenen haben Verwandte mit ähnlich dünner Statur. Eine Rolle dabei scheinen unter anderem die Gene FTO, MC4R und FAIM2 zu spielen, allesamt Erbanlagen, die auch an der Entstehung von Adipositas mitwirken. Obwohl die Details dahinter noch nicht geklärt sind, vermuten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass konstitutionell dünne Menschen besondere Aktivitätsmuster in solchen Genen aufweisen, die an der Energieproduktion beteiligt sind.
Eines dieser Gene, das die Aufmerksamkeit der Fachleute auf sich gezogen hat, ist ALK (für: Anaplastische Lymphomkinase). Als ein Forschungsteam den Erbfaktor bei Mäusen ausschaltete, wurden die Tiere trotz fettreicher Ernährung nicht fettleibig. Das galt sogar für Mäusestämme, die erblich bedingt eigentlich zu Adipositas neigen. Das ALK-Gen scheint im Gehirn zu wirken und dort an der Steuerung des Energieumsatzes in Fettzellen beteiligt zu sein.
Solche genetischen Mechanismen zu verstehen, könnte zu neuen Behandlungsmöglichkeiten sowohl für unter- als auch für übergewichtige Menschen führen, betont Lund. »Wenn man herausfindet, welcher körpereigene Mechanismus vor Übergewicht schützt, kann man versuchen, ihn in ein Medikament zu verwandeln«, erläutert der Forscher. Welche Durchbrüche damit möglich sind, zeigt nicht zuletzt das Beispiel der »Abnehmspritzen« mit den Wirkstoffen Semaglutid oder Tirzepatid.
Während Forscherinnen und Forscher dabei sind, die biologischen Mechanismen hinter anlagebedingter Schlankheit aufzuklären, hat Bella Barnes den Kampf gegen die unfreiwillige Grazilität selbst in die Hand genommen. Durch jahrelanges Ausprobieren hat sie nach und nach etwa 18 Kilogramm zugenommen, indem sie Krafttraining mit sorgfältigem, bewusstem Essen kombinierte. Anfangs hatte sie noch Schwierigkeiten, ihre angepeilte Kalorienzahl für den Tag zu erreichen; in solchen Fällen griff sie zu einer Packung Keksen oder Ähnlichem – Hauptsache, mit hohem Energiegehalt. Doch mit der Zeit fand sie einen ausgewogeneren Weg. »Nicht alle Kalorien sind gleich; man sollte Vollwertkost essen, und zwar eine Menge davon«, sagt sie heute.
Gewichtscoachin Barnes hat schon mehr als Hundert Frauen dabei geholfen, an Gewicht zuzulegen – und eine große TikTok-Fangemeinde gewonnen. Sie sagt, sie sei stolz auf den starken Körper, den sie sich in den zurückliegenden Jahren aufgebaut hat. Aber ein klein wenig mehr dürfe es noch sein. »Vielleicht noch zwei Kilo zusätzlich«, sagt sie, »das würde mich am glücklichsten machen.«
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