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News: Kolumbus ist unschuldig

Als sich Kolumbus nach seiner folgenreichen Entdeckung der Neuen Welt wieder auf den Heimweg machte, hatte er eine ganze Reihe faszinierender Mitbringsel an Bord. Ein alles andere als nettes Souvenir von jenseits des Ozeans hat man ihm allerdings jahrelang vorgehalten - die Syphilis. Zu Unrecht, meinen britische Wissenschaftler. Denn schon Skeletten aus dem 14. und 15. Jahrhundert steckte die Krankheit im wahrsten Sinne des Wortes in den Knochen. Der zweifelhafte Ruhm für den Überbringer gebührt daher wohl eher den Wikingern.
Amerika – die Neue Welt – brachte den Menschen im alten Europa viele Neuigkeiten, ohne die unser Leben heute kaum noch vorstellbar wäre: Tabak, Kakao, scharfe Chilis und, nicht zu vergessen, Kartoffeln. Allerdings hatten die mittelalterlichen Seefahrer nicht nur schöne Dinge im Reisegepäck. Sie schleppten auch Krankheiten mit nach Hause, welche die hiesige Bevölkerung dahinrafften wie die Masern die Ureinwohner Südamerikas.

Auch die Syphilis schaffte irgendwann den Sprung über den großen Ozean. Denn wie Ausgrabungen an prähistorischen Grabstätten in Mittel- und Südamerika zeigten, trat die Krankheit dort schon sehr viel früher als in Europa auf. Lange Zeit verdächtigte man daher die Mannschaft von Kolumbus' Schiffen als ungewollte Transportvehikel für das Bakterium Treponema pallidum. Denn um 1500, kurz nach der Rückkehr der Seefahrer, grassierte in Europa eine heftige Syphilis-Epidemie mit zahlreichen Toten, deren Skelette die charakteristischen Spuren der Krankheit aufweisen – verdickte Arm- und Beinknochen sowie Vernarbungen am Schädel. An älteren Knochenresten konnten Archäologen hingegen lange Zeit keine derartigen Anzeichen finden.

In den letzten zehn Jahren haben Forscher aber immerhin etwa ein Dutzend Skelette ausgegraben, die ebenfalls Spuren der Syphilis aufweisen. So richtig entschuldigt waren Kolumbus' Männer damit aber immer noch nicht. Erst als Anthea Boylston und ihre Mitarbeiter von der University of Bradford nun Hinweise auf eine Mini-Epidemie präsentierten, die bereits vor Kolumbus' Geburt stattgefunden haben musste, scheint der Ruf der Seefahrer wiederhergestellt.

Die Wissenschaftler haben 245 Skelette auf einem Friedhof von Hull im Nordosten Englands ausgegraben, der zwischen 1319 und 1539 benutzt wurde. Dabei entdeckten sie die Überreste von drei Menschen, die eindeutig an der Krankheit gelitten hatten, und mehr als hundert weitere mit zwar schwachen, aber charakteristischen Spuren. Der Mann mit den offensichtlichsten Anzeichen starb zwischen 1300 und 1450, wie die Forscher mit Hilfe der Radiokarbonmethode datierten. Wahrscheinlich war er ein Angehöriger des angrenzenden Klosters.

Auch wenn kein Zweifel daran besteht, dass diese Menschen Syphilis hatten, so ist George Armelagos von der Emory University in Atlanta, ein Verfechter der Kolumbus-Hypothese, doch nicht so ganz überzeugt. "Die kleine Zahl der Fälle ist immer noch verwunderlich", meint er. "Es ist nicht die epidemiologische Verteilung, die man erwartet."

Aber wenn es nun nicht Kolumbus und seine Mannen waren, wer war es dann? Manche Wissenschaftler schieben die Schuld jetzt den Wikingern in die Schuhe, die bekanntermaßen schon Jahrhunderte vor Kolumbus die Ostküste Kanadas erreichten. Der Sprung auf die britische Insel war dann nur noch ein kleiner Hüpfer, denn um 1300 besuchten die Wikinger mehrmals die englische Küste. Und das passt gut zu den Todesdaten der Menschen auf dem Friedhof in Hull.

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