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Kommunikation: Die Illusion des Verstehens

Spricht man nicht dieselbe Sprache, kommt es schnell zu Missverständnissen. Eine Grund dafür: Die Beteiligten einer Unterhaltung überschätzen ihre Kommunikationsfähigkeiten.
Junger bärtiger Mann mit Karte fragt eine Frau, die in einem Café sitzt, nach dem Weg.
Sprechen zwei Menschen unterschiedliche Sprachen, glauben sie meist, trotzdem erfolgreich kommuniziert zu haben, und überprüfen diese Annahme nur selten.

Einer Studie der University of Chicago zufolge überschätzen Menschen systematisch, wie gut sie ihr Gegenüber verstehen, selbst wenn sie dessen Sprache nicht beherrschen. Bei den Sprechern trat der Effekt ebenfalls auf: Sie waren sich übermäßig sicher, dass die anderssprachigen Hörer schon wüssten, was gemeint ist.

In dem Experiment wurden chinesische Muttersprachler gebeten, mehrdeutige Sätze in vorgegebenen Lesarten vorzutragen. Ein Satz wie »Was ist bei dir los?« kann je nach Kontext suggestiv, verdächtigend, vorwurfsvoll oder einfach neugierig klingen. Das Team um Becky Lau spielte die Aufnahmen 120 US-Amerikanerinnen und -Amerikanern vor. Diese wählten dann aus den vier Möglichkeiten aus, was ihrer Meinung nach damit gemeint war. Anschließend gaben sie an, wie sicher sie sich mit ihrer Auswahl waren. Auch die Sprecher und Sprecherinnen schätzten ab, wie gut jemand ohne Chinesischkenntnisse den Satz verstehen würde.

Mit vier Möglichkeiten lag die Ratewahrscheinlichkeit bei 25 Prozent. In 35 Prozent der Fälle identifizierten die US-Amerikaner das Gemeinte korrekt, sie waren also besser als der Zufall. Sie hatten aber angegeben, die Aufnahmen in 65 Prozent der Fälle erfolgreich dechiffriert zu haben, überschätzten somit ihr Verständnis um 30 Prozentpunkte. Die chinesischen Teilnehmenden lagen mit ihrer Einschätzung, man würde sie auch ohne Sprachkenntnisse verstehen, um 15 Prozentpunkte über dem tatsächlichen Wert. »Fehlkommunikation kann für den Einzelnen und die Gesellschaft kostspielig sein«, schreiben die Autoren. »Sprecher und Zuhörer könnten glauben, erfolgreich kommuniziert zu haben, und überprüfen diese Annahme nur selten.«

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