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Kommunikation: Was singende Fledermäuse über den menschlichen Spracherwerb verraten

Fledermäuse gelten als Meister der Echoortung, doch einige Arten nutzen ihre Stimme auch für eine Art Gesang, den sie als Jungtiere erlernen. Dabei offenbaren die Flattertiere verblüffende Parallelen zum menschlichen Spracherwerb.
Eine Fledermaus hängt an einem Baumstamm. Die Fledermaus hat ein dunkles Fell und ist in einem natürlichen Umfeld mit unscharfem grünem Hintergrund zu sehen. Sie scheint aufmerksam zu sein und blickt nach oben.
Ein Junges der Großen Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata) plappert vor sich hin. Durch dieses Babbeln übt es nach und nach den typischen Territorial- und Balzgesang ein.

Kurz nach Sonnenaufgang hängt eine Gruppe Fledermäuse dicht gedrängt an einem großen Brettwurzelbaum im Tieflandregenwald von Costa Rica. Für uns erscheint es als stille Szenerie: kleine Körper, zusammengefaltete Flügel, kaum Bewegung. Akustisch passiert jedoch viel. Ein Männchen setzt zu einer längeren Lautsequenz an, wiederholt sie, variiert sie leicht, und aus der Nachbarschaft antwortet ein Artgenosse. Es handelt sich um einen Wechselgesang – nur spielt er sich in einem Frequenzbereich ab, der für uns Menschen ohne Technik nahezu unhörbar ist.

Fledermäuse sind berühmt für ihre Echoortung: kurze, meist hochfrequente Rufe, die Echos aus der Umwelt liefern und dadurch die Navigation sowie die Jagd der nachtaktiven Tiere ermöglichen. Diese Signale sollen Informationen über die direkte Umgebung vermitteln und eignen sich daher kaum, um soziale Botschaften über weite Strecken zu transportieren. Hierfür nutzen die Flattertiere typische Soziallaute, die je nach Spezies unterschiedlich ausfallen. Einige Arten produzieren wie Vögel klare Töne, andere harsche Rufe wie etliche Säugetiere. Und manche – singen.

Das erscheint zunächst überraschend. Tatsächlich konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieses Verhalten, das sich durchaus mit dem von Singvögeln vergleichen lässt, bei mehreren Gruppen von Fledermausarten beobachten. Dabei verwenden Bioakustiker den Begriff »Gesang« keineswegs als romantische Metapher, sondern als eindeutige Definition. Es handelt sich um komplex strukturierte, häufig stereotyp wiederholte Lautfolgen, die sexuell selektiert sind, also im Zusammenhang mit Territorialität und Partnerwerbung produziert werden. Fledermäuse singen sowohl im Quartier als auch im Flug, manche saisonal, andere das gesamte Jahr hindurch. Einige Arten wiederholen stets dasselbe Motiv, andere kombinieren einzelne Noten virtuos zu immer neuen Abfolgen.

Harem | Um ein Männchen der Großen Sackflügelfledermaus schart sich eine Gruppe von mehreren Weibchen. Diesen Harem verteidigt es mit lauten Territorialgesängen gegenüber Konkurrenten.

Nun lässt sich Gesang, anders als Echoortung, nicht einfach im Labor untersuchen. Er entsteht in einem dichten sozialen Geflecht und hängt vom Verhalten der Rivalen, der Geschlechtspartner sowie der jeweiligen Situation ab. Ohne diesen Kontext singen Fledermäuse nicht. Systematisch erforschen können wir ihren Gesang daher erst, seitdem sich die notwendige Technik zur Beobachtung und Aufnahme der Sänger als feldtauglich genug erwiesen hat.

Ein Meistersänger

Um zu verstehen, wie Gesänge bei den fliegenden Säugetieren wirken und wie sie entstehen, haben wir uns auf eine Spezies konzentriert: Die Große Sackflügelfledermaus (Saccopteryx bilineata) lebt in tropischen Regionen Mittel- und Südamerikas und jagt nachts nach Insekten. Tagsüber ziehen sich die Tiere an der Außenseite eines Baums oder eines Felsüberhangs in Kolonien mit bis zu 60 Individuen zurück, die sich in mehrere Haremgruppen aufteilen. Dabei besetzen dominante Männchen je ein kleines Territorium von ein bis zwei Quadratmetern Größe, in dem sich mehrere Weibchen dazugesellen und jeweils ein Junges pro Jahr zur Welt bringen. Das Haremmännchen ist jedoch nicht zwangsläufig der genetische Vater aller Jungtiere in seinem Revier, denn die deutlich größeren Weibchen suchen sich ihre Geschlechtspartner aus. Für uns Wissenschaftler ist diese Untreue von Vorteil, weil wir so die soziale Rolle entkoppelt von der Verwandtschaft untersuchen können.

Lauschangriff | Die Kolonien der Großen Sackflügelfledermaus ruhen am Tag an Baumstämmen oder wie hier in Höhlen. Dort können Wissenschaftler bequem die verschiedenen Gesangseinlagen der Tiere aufzeichnen.

Der Grund, warum sich ausgerechnet die Große Sackflügelfledermaus so gut erforschen lässt, erscheint vergleichsweise pragmatisch: Für Fledermäuse sind die Tiere außerordentlich lichttolerant, und sie gewöhnen sich schnell an einen menschlichen Beobachter, sofern man achtsam mit ihnen umgeht. Zudem halten sie untereinander einen Abstand von mindestens einer Körperlänge ein, was es uns erleichtert, einzelne Individuen zu beobachten und deren Laute aufzunehmen. Daher können wir von ihnen Daten derart detailliert erfassen, wie es bei wild lebenden Fledermäusen sonst nur selten möglich ist.

Neben den Echoortungsrufen verfügen Sackflügelfledermäuse über ein reichhaltiges Repertoire an Soziallauten: Sie »schwätzen« mit ihren Artgenossen, »bellen« und »kreischen« bei Konflikten, und die Männchen »pfeifen« den Weibchen hinterher. Eine Besonderheit stellt der Territorialgesang dar, den die Haremmännchen jeden Morgen und jeden Abend von sich geben, um ihr Revier zu verteidigen. Dabei handelt es sich um eine etwa zweisekündige Sequenz, in der tonale, hochfrequente Noten in harsche, tieffrequente übergehen. Letztere sind sogar für menschliche Ohren hörbar.

Territorialgesang einer Großen Sackflügelfledermaus (zweifach verlangsamt)

Der Gesang dient dem Fledermausmännchen als aktives Konfliktmanagement, wobei es sich einen akustischen Schlagabtausch mit einem Konkurrenten liefert, wie wir mit Playback-Experimenten belegen konnten: Als wir einem Haremmännchen die Darbietung eines anderen präsentierten, begann es seinerseits zu singen. Veränderten wir künstlich die Tonhöhe der vorgespielten Passage, passte das herausgeforderte Männchen seine Antwort an. Bei einem tiefer klingenden Gesang antwortete es häufiger und länger als bei einem höheren. Das spricht dafür, dass die Tiere die Schallfrequenz als Hinweis auf die potenzielle Bedrohung durch einen Rivalen nutzen.

Der Gesang dient dem Fledermausmännchen als aktives Konfliktmanagement

Der Territorialgesang richtet sich natürlich auch an das andere Geschlecht. Junge Weibchen der Großen Sackflügelfledermaus verlassen vor der ersten Paarungszeit ihre Geburtskolonie, um sich einer neuen Kolonie – meist lebenslang – anzuschließen. Diese finden sie über den Territorialgesang der Männchen, der im Morgengrauen wie ein akustisches Leuchtfeuer durch den Wald hallt.

Wie unsere Playback-Experimente ergaben, hören die Weibchen dabei genau zu. Sie bevorzugen einen Territorialgesang mit demselben Dialekt, den sie in ihrer Jugend wahrgenommen haben. Anders klingende Sänger verschmähen sie dagegen. Diese Vorliebe für den bekannten Sound hat weitreichende Konsequenzen: Die Dialektgrenzen wirken als Abwanderungsbarrieren für die Weibchen, wodurch sich die einzelnen Populationen genetisch auseinanderdifferenzieren.

Fledermausgesang | Am Spektrogramm eines singenden Fledermausmännchens lassen sich die einzelnen Strophen des Territorial- und des Balzgesangs voneinander unterscheiden.

Die Männchen haben noch eine zweite akustische Karte im Ärmel: den Balzgesang. Der richtet sich ausschließlich an weibliche Individuen und ist nicht nur deutlich komplexer als der Territorialgesang, sondern dauert auch länger. Bis zu eine Stunde singt ein Männchen in der Paarungszeit, um ein einzelnes Weibchen zu betören – wobei sich in seinem Harem acht von ihnen tummeln können. Viel Zeit für Schlaf bleibt da tagsüber nicht. Doch die Mühe kann sich lohnen: Männchen mit einem besonders variablen Balzgesang verzeichnen einen höheren Fortpflanzungserfolg als weniger virtuose. Zudem kombinieren die Tiere ihre musikalische Einlage mit einem auffälligen Schwirrflug und sondern dabei aus ihren Flügeltaschen Duftstoffe ab. Die Weibchen verfügen also über viele Wege, die Qualität der Troubadoure einzuschätzen.

Früh übt sich

Wie etliche andere Säugetiere müssen die Fledermäuse ihren typischen Gesang erst erlernen. Schon wenige Wochen nach ihrer Geburt produzieren junge Sackflügelfledermäuse minutenlange Sequenzen, in denen sie Teile der Lautäußerungen erwachsener Tiere wiederholen, variieren und allmählich stabilisieren. Einzelne Noten des Territorialgesangs tauchen ebenfalls bereits früh in solchen Übungssequenzen auf. Mit zunehmendem Alter bildet sich daraus ein kompletter Territorialgesang.

Bis zu eine Stunde singt ein Männchen, um ein Weibchen zu betören

Eine solche Entwicklung lässt sich nicht allein durch Reifung erklären, denn die Jungtiere imitieren gezielt den Gesang des Männchens, das sie täglich hören, auch wenn sie nicht mit diesem verwandt sind. Die beobachtete Angleichung beruht also keineswegs auf genetischer Verwandtschaft, sondern unterstreicht, welch zentrale Rolle der akustische Input für den Gesangserwerb spielt. Damit gehört Saccopteryx bilineata zu den wenigen Fledermausarten, bei denen vokales Lernen belegt ist. Wahrscheinlich gibt es jedoch deutlich mehr Spezies, die dazu in der Lage sind. Die Echoortung erfordert schließlich gleichfalls ein hohes Maß an stimmlicher Kontrolle und präziser auditorischer Verarbeitung. Es könnte daher durchaus sein, dass viele Arten diese Lernfähigkeiten bei sozialen Lautäußerungen nutzen.

Bemerkenswerterweise erlernen die Jungtiere beider Geschlechter den Gesang, obwohl als Erwachsene nur die Männchen singen. Noch verstehen wir nicht vollständig, warum das so ist. Vielleicht prägen sich die Weibchen damit die charakteristischen Laute des anderen Geschlechts ein, um später das Potenzial möglicher Partner besser beurteilen zu können.

Sieht man sich die Übungssequenzen der Jungen näher an, offenbart sich etwas Aufschlussreiches: Die Tiere wiederholen Einzelelemente oder Silbenpakete sehr schnell, und deren Abfolge besitzt eine regelmäßige Zeitstruktur – ein typisches Muster, wenn ein motorisches Programm eingeübt und stabilisiert wird. Die Wiederholung vermindert die Varianz der Elemente, macht Fehler sichtbar und erlaubt eine feinere Korrektur; der Rhythmus hilft, die ausgestoßenen Laute mit dem Gehörten zu vergleichen. Dieses vokale Übungsverhalten, das wir bereits 2006 bei Saccopteryx bilineata nachgewiesen haben, zeigt damit deutliche Parallelen zum menschlichen Spracherwerb. Kleinkinder produzieren ebenfalls lange Übungssequenzen, wenn sie sprechen lernen. Bei dem charakteristischen »ba-ba-ga-da-du«, das babbelnde Kinder von sich geben, hören sie sich selbst, üben die typischen Laute der Sprache ein und werden durch die Reaktion der Erwachsenen in ihren Bemühungen verstärkt.

Mutter und Kind | Ein Fledermausweibchen behütet sein Junges und kommuniziert dabei mit ihm in einer typischen »Ammensprache«.

Wie menschliche Säuglinge erfahren auch junge Sackflügelfedermäuse elterliche Förderung. Wenn ausgewachsene Individuen mit Jungtieren kommunizieren, verfallen sie in eine spezielle Tonlage und Klangfarbe – ähnlich wie die »Babysprache«, die wir häufig automatisch bei Kleinkindern einsetzen. Dieses Feedback, das den Nachwuchs bei seinen Gesangsübungen unterstützt, geben vor allem die Muttertiere, obwohl sie ja selbst nicht singen. Insgesamt zeigen sich die Mütter ihren Jungtieren gegenüber sehr zugewandt und interagieren mit ihnen, während diese den Gesang üben. Wie wir 2025 belegen konnten, profitieren die Jungen davon deutlich: Sie lernen schneller zu singen und verfügen dann auch über ein reichhaltigeres Repertoire an Gesangsstrophen.

Fledermäuse als Fenster zur Evolution

Bei aller bisher gefundenen Ähnlichkeit – Fledermäuse sprechen nicht. Trotzdem liefern sie interessante Erkenntnisse darüber, wie menschliche Sprache entstanden sein könnte. Hier kommt die Biolinguistik ins Spiel: eine noch vergleichsweise junge Wissenschaftsdisziplin, die versucht, Sprache als biologisches Phänomen zu verstehen (siehe »Kurz erklärt«). Sie betrachtet die kognitiven, sensorischen und motorischen Voraussetzungen für Sprache und wie sie sich im Individuum herausbilden sowie welche Teile davon überhaupt einzigartig menschlich sind.

Kurz erklärt: Biolinguistik

Die Biolinguistik ist ein noch junges Forschungsfeld, das Sprache nicht nur als kulturelle Errungenschaft betrachtet, sondern auch als biologischen Baukasten: Wie konnte ein Kommunikationssystem entstehen, das aus endlich vielen Lauten potenziell unendlich viele neue Äußerungen formen kann und dabei Struktur und Bedeutung trägt? Um dieser Frage näherzukommen, bündelt die Biolinguistik Ansätze aus Kognitionswissenschaft, Verhaltensbiologie, Neurowissenschaft, Genetik, Anthropologie, vergleichender Psychologie und theoretischer Linguistik. Im Kern geht es um eine Zerlegung der »Sprachfähigkeit« in prüfbare Komponenten: Signale (wie Laute erzeugt und gelernt werden), Strukturen (wie Einheiten zu Sequenzen kombiniert werden) und Bedeutungen (Semantik, Referenz, pragmatische Nutzung). Ein zentraler Motor ist dabei der vergleichende Ansatz: Welche Bausteine sind tatsächlich einzigartig menschlich und welche finden sich auch bei Tieren?

Vor diesem Hintergrund sind Fledermäuse ein dankbares Studienobjekt. Als akustische Spezialisten erfordert ihr Alltag die präzise Kontrolle und Verarbeitung von Schall. Von einigen Arten wie Saccopteryx bilineata wissen wir, dass sie bezüglich Lauterzeugung sehr lernfähig sind und komplexe Sequenzen verwenden, bei denen sie Einzelelemente miteinander kombinieren. Indem wir die Lern- und Kommunikationssysteme von Fledermäusen denen anderer Tierarten wie dem Gesang bei Vögeln oder den vielschichtigen Lautäußerungen von Walen gegenüberstellen, offenbart sich, welche Mechanismen während der Evolution mehrmals wiederkehrten und welche vermutlich erst spezifisch für die menschliche Sprache entstanden. Dass Fledermäuse singen, ist somit mehr als nur eine kuriose Fußnote zur Echoortung: Es erweist sich als ein Fenster zur Evolution komplexer Kommunikation.

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