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Traditionelle Medizin: Wie wirksam sind Blutegel, Schröpfen und Co?

Therapien mit Maden, Blutegeln, Bienengift oder Schröpfen erleben ein Comeback. Maden reinigen etwa Wunden, Blutegel werden bei Schmerzen eingesetzt. Doch die Wirksamkeit der Verfahren ist unterschiedlich gut belegt, manche bergen auch größere Risiken.
Eine Person liegt auf dem Bauch, während eine andere Person Schröpfgläser auf den Rücken der liegenden Person anbringt. Die Schröpfgläser sind transparent und werden mit einer Pumpe befestigt. Ein Handtuch bedeckt teilweise den Körper der liegenden Person. Die Szene zeigt eine therapeutische Schröpfbehandlung.
Beim Schröpfen erzeugen spezielle Gläser einen Unterdruck auf der Haut. Die Methode wird vor allem zur Behandlung von Muskel- und Gelenkschmerzen eingesetzt.

Fingerlange Blutegel saugen an schmerzenden Knien, Schröpfgläser hinterlassen kreisrunde blaue Flecken, Maden krabbeln in offenen Wunden. Was vielen als archaische Praktik erscheint, hat wieder den Weg in Behandlungszimmer gefunden. Diese Methoden stammen aus Zeiten, in denen medizinisches Wissen allein auf Beobachtung beruhte und die Menschen natürliche Ressourcen als Heilmittel nutzten. Mit dem Aufkommen der modernen Medizin im 19. Jahrhundert verloren solche Ansätze an Bedeutung – verschwunden sind sie jedoch nie. Viele dieser Verfahren werden heute der Alternativmedizin oder Komplementärmedizin zugerechnet. Die Alternativmedizin versteht sich als Ersatz für die klassische Medizin, die Komplementärmedizin hingegen als Ergänzung dazu.

Bis heute greifen Milliarden Menschen weltweit auf traditionelle Medizin zurück, in vielen Regionen mangels Alternativen. Aber auch in Ländern mit gut ausgebautem Gesundheitssystem sind sie verbreitet: In Deutschland haben knapp 70 Prozent der 18- bis 75-Jährigen mindestens einmal eine Behandlung aus dem Bereich der traditionellen oder komplementären Medizin in Anspruch genommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht die traditionelle Medizin weltweit weiterhin als wichtige Ressource für die Gesundheitsversorgung vieler Menschen. Gleichzeitig fordert sie mehr Forschung zu Nutzen und Risiken. Denn die wissenschaftliche Evidenz für viele dieser Praktiken ist oft schwach.

Nur ein Prozent der weltweiten Mittel zur Gesundheitsforschung fließen in Studien zur Wirksamkeit traditioneller Medizin. Diese Vernachlässigung schafft Raum für Grauzonen – und polarisiert. »Traditionelle Methoden werden von Teilen der konventionellen Medizin häufig pauschal als unseriös abgetan«, sagt Jost Langhorst, Chefarzt der Klinik für Integrative Medizin in Bamberg. Umgekehrt werde von heilpraktischer Seite oft argumentiert, wissenschaftliche Belege seien überflüssig, weil der Erfolg ja schon im Alltag sichtbar sei. »Beides dient nicht der Sache«, betont Langhorst.

Auch Holger Cramer plädiert für einen nüchternen Blick: »Grundsätzlich sind traditionelle Heilmethoden genauso der Forschung zugänglich wie konventionelle Therapien und sollten auch entsprechend untersucht werden«, sagt der Professor für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren am Universitätsklinikum Tübingen.

In Deutschland ergänzen Verfahren wie Akupunktur, Yoga oder Hydrotherapie, aber auch pflanzliche Arzneimittel zunehmend die Schulmedizin. Manche finden sich sogar in medizinischen Leitlinien wieder, insbesondere in der Krebs- und Schmerzmedizin. Ungewöhnlichere Methoden wie Blutegel, Maden, Bienengift oder Schröpfgläser fehlen in den Leitlinien bislang. Einige davon sind jedoch bei klar umrissenen Indikationen bereits klinisch etabliert.

»Als ich vor 20 Jahren das erste Mal mit Blutegeln gearbeitet habe, hat mir das anfangs einen Schauder über den Rücken laufen lassen. Heute bin ich absoluter Überzeugungstäter«Jost Langhorst, Internist und Gastroenterologe

Blutegel: Hilfe bei Schmerzen und Stauungen

Blutegel galten bereits im alten Ägypten als Mittel, um Krankheiten durch Aderlass zu behandeln. »Als ich vor 20 Jahren das erste Mal mit Blutegeln gearbeitet habe, hat mir das anfangs einen Schauder über den Rücken laufen lassen«, sagt Langhorst. »Heute bin ich absoluter Überzeugungstäter.« In seiner Klinik setzt er den medizinischen Blutegel Hirudo medicinalis häufig ein, unter anderem bei Menschen mit Kniearthrose. »Blutegel können Gelenke nicht reparieren, aber bei bis zu 70 Prozent der Patienten sehen wir eine Besserung der Symptome.«

Blutegeltherapie |

Blutegel kommen unter anderem bei Gelenkbeschwerden und venösen Stauungen zum Einsatz.

Langhorst und Cramer haben bereits 2014 vier kontrollierte Studien zur Blutegeltherapie bei Kniearthrose mit insgesamt 237 Patienten ausgewertet. Sie zeigten, dass Blutegel zumindest kurzfristig Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Gelenksteifigkeit lindern können. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Metaanalyse einer chinesischen Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2018, die drei bereits in der Analyse von Langhorst und Cramer eingeschlossene sowie eine neuere randomisierte kontrollierte Studie zusammenfasste. Allerdings fehlen für eine abschließende Beurteilung bislang größere Untersuchungen, die die Blutegeltherapie mit anderen empfohlenen Therapien oder einem Placebo vergleichen.

Blutegel kommen auch bei einer Vielzahl weiterer akuter und chronischer Erkrankungen zum Einsatz, etwa bei Tinnitus, Hautproblemen, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder sogar Krebs. Laut Übersichtsarbeiten gibt es jedoch nur wenige, sehr unterschiedlich aufgebaute Studien, die kaum belastbare Schlüsse erlauben. Vor allem in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie hat sich die Blutegeltherapie seit den 1980er-Jahren trotz fehlender Evidenz und allein auf Erfahrungswissen gestützt etabliert.

Dort setzen Ärzte Blutegel etwa ein, um venöse Stauungen – schwerwiegende Komplikationen nach chirurgischen Eingriffen – aufzulösen. Auf diese Weise können Blutegel beispielsweise helfen, wieder angenähte Finger zu retten. Auch in der plastischen Brustchirurgie werden sie in solchen Situationen eingesetzt, etwa bei Brustrekonstruktionen oder bei Durchblutungsstörungen der Brustwarze. In einer systematischen Auswertung von 18 Studien mit insgesamt 28 Patientinnen blieb in rund drei Vierteln der Fälle das betroffene Gewebe zumindest teilweise erhalten – allerdings fehlt ein direkter Vergleich mit anderen Behandlungen.

Wie lassen sich diese Effekte erklären? Der Blutegel beißt sich mit seinen Kalkzähnchen in die Haut des Menschen und saugt dessen Blut. Der Blutentzug senkt lokal den Druck in den Gefäßen. Zudem gibt der Parasit während des Saugens Speichel in die Bisswunde ab. Wie eine Übersichtsarbeit zeigt, enthält dieser mehr als 100 verschiedene bioaktive Proteine, die so in den Blutkreislauf des Menschen gelangen. Dazu zählen Substanzen, die unter anderem gerinnungs- und entzündungshemmend, schmerzlindernd, gefäßerweiternd und antimikrobiell wirken können. Zu den bekanntesten gehört das Hirudin, einer der stärksten natürlichen Gerinnungshemmer. Der deutsche Pharmakologe Fritz Markwardt hatte es Mitte des letzten Jahrhunderts im Egelspeichel charakterisiert und so das wissenschaftliche Interesse an Blutegeln neu geweckt.

Heute gelten medizinische Blutegel in Deutschland als Arzneimittel. Nur staatlich anerkannte Zuchtbetriebe dürfen sie an nachweislich qualifizierte Behandler und Apotheken abgeben. In Apotheken sind sie rezeptfrei erhältlich. Wild lebende Blutegel sind hingegen tabu: Sie können Krankheitserreger übertragen und stehen zudem in Deutschland und anderen europäischen Ländern unter Naturschutz.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen einer Behandlung mit Blutegeln zählen Nachblutungen und Infektionen mit Aeromonas-Bakterien, die als Symbionten im Darm der Blutegel leben. Daher weist die Packungsbeilage darauf hin, dass im Einzelfall – insbesondere bei immungeschwächten Menschen – eine begleitende antibiotische Therapie erwogen werden sollte. Laut Jost Langhorst ist diese in der Praxis jedoch meist nicht nötig. Nicht geeignet ist der Einsatz von Blutegeln unter anderem für Menschen, die blutverdünnende Medikamente einnehmen oder an Blutkrankheiten wie Anämie leiden. Auch während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei einem geschwächten Immunsystem raten Fachleute von der Behandlung ab.

Maden: Mit Larven Wunden reinigen

Schon vor mehr als 3000 Jahren sollen Aborigines und Maya Maden zur Wundreinigung genutzt haben. Dass von Maden befallene Verletzungen bei Soldaten vergleichsweise selten Infektionen entwickelten und besser heilten, schilderte ein Feldchirurg in Napoleons Armee Anfang des 19. Jahrhunderts. Systematisch untersucht und beschrieben hat das Phänomen erstmals der US-Chirurg William S. Baer. Er behandelte Soldaten im Ersten Weltkrieg und schrieb 1931, dass er bei zwei schwer verletzten Soldaten mit Abertausenden von Maden gefüllte Wunden vorfand, die anstatt mit Eiter »mit dem schönsten rosa Granulationsgewebe gefüllt waren, das man sich vorstellen kann«. Dieser erstaunliche Befund beeindruckte Baer so nachhaltig, dass er seine Beobachtungen später in seinem Krankenhaus auf die Behandlung operierter Patienten übertrug. In den 1930er-Jahren nutzten nahezu 1000 Chirurgen in Nordamerika die Methode, und sie kam in Hunderten von Kliniken zum Einsatz.

Madentherapie |

Steril gezüchtete Larven können chronische Wunden reinigen. Dafür werden sie meist auf Netzverbänden oder in speziellen Beuteln eingesetzt.

Doch durch die Entdeckung von Penizillin geriet die Madentherapie zunehmend in Vergessenheit – bis sie angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen Ende des 20. Jahrhunderts wiederbelebt wurde. »Maden sind heute in der Wundheilung durchaus etabliert«, sagt Langhorst. »Das ist nicht so exotisch, sondern Erfahrungsmedizin. Erste Evidenz liegt vor.« Tatsächlich kommt die Madentherapie zur Reinigung chronischer Wunden etwa infolge von Diabetes, Wundliegen oder Operationen zum Einsatz. Dazu nutzen Mediziner steril gezüchtete Larven der Goldfliege Lucilia sericata. Sie sind in Deutschland als Fertigarzneimittel zugelassen.

Um die Wunde zu reinigen, müssen die Larven nicht einmal direkt mit ihr in Kontakt kommen: Sie befinden sich in einem teebeutelähnlichen Netz, das auf der Wunde liegt. Die Tiere entfernen abgestorbenes Gewebe und schmierige Wundbeläge, indem sie Sekrete mit eiweißspaltenden Enzymen an die Wunde abgeben. So verflüssigen sie ganz gezielt nur abgestorbenes Gewebe, um sich davon zu ernähren – gesundes bleibt verschont. Die anfangs reiskorngroßen Maden wachsen schnell und müssen meist nach vier Tagen ausgewechselt werden. Weitere Stoffe aus dem Speichel hemmen Bakterien und fördern das Zellwachstum. Die antibakterielle Wirkung zeigte sich gegen verschiedene Krankheitserreger, darunter auch Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA). Ebenso stimulieren mechanische Reize durch Kieferwerkzeuge und Stacheln die Regeneration des Gewebes.

Doch wie gut kann diese Behandlung mit konventionellen Verfahren mithalten? Laut einer Metaanalyse eines taiwanesischen Forschungsteams aus dem Jahr 2025 verkürzt die Madentherapie die Dauer der Wundreinigung deutlich im Vergleich mit gängigen Wundbehandlungen. Zu Letzteren zählten Hydrogelverbände, Kompressionstherapien oder die gezielte chirurgische Entfernung von abgestorbenem, geschädigtem oder infiziertem Gewebe aus einer Wunde.

Auch ein Forschungsteam um Thao Lam von der University of Miami widmete sich in einer Metaanalyse der Frage, ob Maden womöglich gängigen Verfahren überlegen sind – etwa bei Druck- oder venösen Beingeschwüren, diabetischen Fußwunden oder Verbrennungen. Die Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Wundreinigung war zwar mehr als doppelt so hoch wie unter einer Standardbehandlung, der Unterschied war jedoch statistisch nicht signifikant. Für die Heilung ergab sich ein leichter, ebenfalls nicht signifikanter Vorteil. Auch bei typischen Problemkeimen wie Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa sowie bei Schmerzen während der Behandlung zeigten sich keine klaren Unterschiede. Die Madentherapie erscheint damit als mindestens gleichwertige Option zu konventionellen Methoden – ein therapeutischer Vorteil lässt sich bislang aber nicht sicher ableiten.

Bienengift: Schwache Evidenz und ernste Nebenwirkungen

Wer schon einmal von einer Biene gestochen wurde, kennt die unmittelbare Wirkung ihres Gifts: Schmerz, Rötung, Schwellung. Genau diesem Gift der Honigbienen, beispielsweise der einheimischen Art Apis mellifera, schreiben sogenannte Apitherapeuten heilendes Potenzial zu. Sie verabreichen das Apitoxin auf unterschiedliche Weise: durch gezielte Stiche lebender Bienen, als Injektion oder über eine Apipunktur an spezifischen Akupunkturpunkten bis hin zur äußerlichen Anwendung mit Salben.

»Es gibt zwar einige Studien zum Einsatz von Bienengift etwa bei chronischen Schmerzen, aber die Datenlage ist ziemlich diffus«Holger Cramer, Psychologe und Professor für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren

Bienengift enthält einen Mix biologisch aktiver Proteine, die Entzündungen hemmen, Schmerzen lindern, Nervenzellen schützen oder das Immunsystem beeinflussen. Der Hauptbestandteil Melittin gilt sogar als Kandidat für die Krebsforschung. Doch da er nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gewebe schädigen kann, ist seine medizinische Anwendung bislang stark eingeschränkt.

»Es gibt zwar einige Studien zum Einsatz von Bienengift etwa bei chronischen Schmerzen, aber die Datenlage ist ziemlich diffus«, sagt Cramer. Übersichtsarbeiten legen nahe, dass eine Bienengifttherapie bei Schmerzen, Parkinson und Akne helfen könnte. Für belastbare Schlussfolgerungen fehlen allerdings hochwertigere Studien sowie standardisierte Dosierungen und klar definierte Kriterien für den Behandlungserfolg. »Hinzu kommt, dass wir beim Bienengift ein relativ hohes Allergierisiko haben, das einer nicht überzeugenden Evidenz gegenübersteht.«

Bienengift |

Apitherapeuten verabreichen Bienengift durch gezielte Stiche, Injektionen oder Salben.

Nebenwirkungen sind in der Bienengifttherapie häufig – und zwar nicht nur vorübergehende wie lokaler Schmerz, Schwellung, Juckreiz, Schwindel oder Übelkeit, sondern potenziell lebensbedrohliche. In schweren Fällen drohen allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock. Angesichts dieser Risiken spielt Bienengift in der evidenzbasierten Medizin keine Rolle. Wissenschaftlich vielversprechender erscheint es, einzelne Stoffe im Bienengift wie Melittin genauer zu erforschen, um potenzielle Nutzen und Risiken präziser zu ermitteln.

Schröpfen: Mit Unterdruck gegen Schmerzen

Schon lange bevor man Blutkreislauf und Lymphsystem richtig verstanden hatte, wollten Menschen durch Schröpfen schädliche Stoffe aus dem Körper ziehen. Früher nutzten sie dafür Tierhörner oder Bambusstücke, heute setzen Therapeuten glockenförmige Gläser auf die Haut von Patienten, etwa um Muskelverhärtungen zu lösen. Den nötigen Unterdruck, um die Schröpfgläser zu fixieren, erzeugen sie mithilfe von Pumpen, Gummibällen oder kurz erhitzter Luft im Glas.

Der Unterdruck zieht die Haut in das Glas und dehnt das Gewebe. Die lokale Durchblutung nimmt zu, Blut- und Lymphbestandteile treten ins umliegende Gewebe über. So entsteht eine vorübergehende Entzündungsreaktion mit Rötung, Schwellung, Erwärmung und den typischen Blutergüssen – den Schröpfmalen.

Über die möglichen Wirkmechanismen gibt es verschiedene Theorien, deren Gültigkeit noch nicht geklärt ist. In der heutigen Naturheilkunde gilt Schröpfen hauptsächlich als eine Form der Reflextherapie. Demnach sollen bestimmte Hautareale über Nervenbahnen oder sogenannte Reflexzonen mit inneren Organen in Verbindung stehen und es darüber erlauben, Prozesse im Körperinneren zu beeinflussen. Möglicherweise hat jedoch auch die Behandlungssituation selbst eine entspannende Wirkung.

»Beim Schröpfen haben wir eine relativ gute Datenlage für die Verbesserung verschiedener Schmerzzustände, vor allem bei Nacken- und Rückenschmerzen«, sagt Cramer. Der Mediziner hat selbst Studien zum Schröpfen durchgeführt und im Jahr 2020 Daten aus 18 randomisierten Studien zur Behandlung chronischer Schmerzen analysiert. Das Ergebnis: Die Qualität der Daten ist zwar begrenzt, sie deuten aber darauf hin, dass Schröpfen zumindest kurzfristig Muskel- und Gelenkschmerzen lindern und den Bedarf an Schmerzmitteln senken könnte.

Zu einem ähnlichen Fazit kommt auch eine 2023 veröffentlichte Übersichtsstudie eines chinesischen Forscherteams, das 14 zusammenfassende Analysen ausgewertet hat. Demnach gibt es Hinweise auf eine schmerzlindernde Wirkung, vor allem bei Nacken‑ und Rückenschmerzen sowie Kniearthrose. Zugleich ist die Aussagekraft gering: Die meisten einbezogenen Studien weisen eine niedrige oder sehr niedrige Qualität auf.

Nebenwirkungen treten beim Schröpfen seltener auf als bei Schmerzmitteln. Die typischen blauen Flecken sind überwiegend harmlos und verschwinden nach kurzer Zeit wieder – sofern Menschen, die Blutgerinnungshemmer einnehmen oder zu Blutungen neigen, nicht behandelt werden. Beim sogenannten nassen Schröpfen besteht hingegen ein Infektionsrisiko. Hier punktieren die Behandler die Haut unter dem Schröpfglas mit einer Nadel, sodass sie leicht blutet.

Schröpfen kann Schmerzen oft kurzfristig und mit überschaubarem Risiko lindern. Zudem gibt es Hinweise, dass eine Schröpfbehandlung positiv auf Stoffwechsel und Körpergewicht wirken könnte. »Schröpfen wird traditionell auch für Erkrankungen der inneren Organe empfohlen, dafür haben wir aber keine aussagekräftigen Daten«, sagt Cramer. Das bedeute nicht automatisch, dass es unwirksam sei. Belastbare Aussagen zur Wirksamkeit seien auf dieser Grundlage derzeit jedoch nicht möglich.

Welche Heilverfahren aus der Komplementärmedizin sind sinnvoll?

Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich naturheilkundliche Heilverfahren nach heutigem Wissensstand einzuordnen sind. »Die Nachfrage von Patientinnen und Patienten spricht definitiv dafür, traditionelle Methoden nicht auszuschließen«, sagt Cramer. »Und die entstehende sowie teilweise schon fortgeschrittene Evidenzlage zeigt, dass Methoden existieren, die das Gesundheitssystem bereichern können.« Letzteres gilt für Blutegel- und Madentherapie, die für bestimmte Anwendungsbereiche sinnvolle Ergänzungen zu konventionellen Verfahren sein können. Für das Schröpfen finden sich vor allem Hinweise auf eine kurzfristige Schmerzlinderung, die jedoch auf einer begrenzten Datenbasis beruhen. Anders verhält es sich bei der Bienengifttherapie: Die unzureichende Datenlage zu möglichem Nutzen und ein erhöhtes Risiko sprechen gegen eine Anwendung.

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  • Quellen
  • Cramer, H. et al., The Journal of Pain 10.1016/j.jpain.2020.01.004, 2020
  • Hosseini, M. et al., Frontiers in Medicine 10.3389/fmed.2024.1417041, 2024
  • Lam, T. et al., Journal of Clinical Medicine 10.3390/jcm14020315, 2025

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