Familienkonflikte: Soll unser Kind Abitur machen?

In manchen Familien ist das ein heikles Thema: Die Eltern wollen, dass das Kind Abitur macht, doch der Nachwuchs hat keine derartigen Ambitionen. Oder umgekehrt: Die Eltern halten den Wunsch ihres Kindes für unrealistisch und bremsen seinen Ehrgeiz. Wie sich solche unterschiedlichen Vorstellungen über die Schulzeit hinweg entwickeln, haben Jascha Dräger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und Kaspar Burger von der Universität Potsdam anhand von Langzeitdaten untersucht. Ihr Fazit im Fachjournal »Advances in Life Course Research«: Die Bildungswünsche gleichen sich in der Regel an – weil sich die Kinder anpassen.
Für ihre Analyse griffen die Forscher auf das Nationale Bildungspanel zurück, eine große deutsche Längsschnittstudie mit Daten von rund 4200 Kindern im 3. bis 7. Schuljahr sowie rund 3900 Kindern im 5. bis 9. Schuljahr. Jedes Jahr hatten die Kinder angegeben, welchen Schulabschluss sie sich unabhängig von ihren aktuellen Leistungen wünschten, und zusätzlich sollte ein Elternteil seine Wünsche für das Kind äußern. Die möglichen Antworten wurden auf eine Frage reduziert: Abi oder kein Abi?
In fast allen betrachteten Klassenstufen hatten ein paar Prozent der Kinder höhere Ambitionen als ihre Eltern. Mit Ausnahme der 3. Klasse: Hier hofften 77 Prozent der Eltern, aber nur 71 Prozent der Kinder auf das Abitur. Wie oft Eltern und Kind in späteren Jahren noch uneins waren, hing von der Schulform ab. War das Kind bereits auf dem Gymnasium, lautete das Ziel beiderseits fast immer: Abitur. Wechselte das Kind nach der 4. Klasse nicht aufs Gymnasium, sah die Sache anders aus. Zu Beginn der weiterführenden Schule hatten 45 Prozent der Eltern ein anderes Ziel im Auge als das Kind.
Waren sich Eltern und Kind jedoch erst einmal einig, blieb es in der Regel dabei. Das Ziel Abitur etwa erwies sich sogar zu 90 Prozent als stabil. Ein Dissens dagegen bestand nur in weniger als jedem dritten Fall über den gesamten Beobachtungszeitraum fort; bei Jüngeren mit niedrigerem Bildungsziel sogar nur in rund jedem fünften Fall.
Am stärksten nahmen die Meinungsverschiedenheiten zum Ende der Grundschule ab – vor allem, weil viele Kinder auf die Wünsche ihrer Eltern einschwenkten. Der Anteil halbierte sich von der 3. bis zur 5. Klasse von 30 auf 15 Prozent und blieb bis zur 9. weitgehend konstant. Von der 3. bis zur 6. Klasse übernahmen meist die Kinder die Ziele ihrer Eltern; in den Klassen 6 bis 9 hingegen passten sich die Eltern fast ebenso häufig an wie umgekehrt.
Die Rolle des Schulsystems
Dass sich jüngere Kinder stärker an den Eltern orientierten, erklären Dräger und Burger damit, dass diese letztlich die Entscheidungen treffen. Es sei »plausibel«, dass die Wahl der weiterführenden Schule dazu beitrage, dass sich die Vorstellungen angleichen. Die Kinder setzen sich dann gegebenenfalls höhere oder weniger hohe Ziele, als sie ursprünglich wollten. Das deutsche Schulsystem könnte also zu den frühen Konflikten und ihrer Lösung beitragen, indem es Kinder schon in jungen Jahren auf verschiedene Bildungswege verteilt. In Ländern mit Gesamtschulen könnten die Ergebnisse entsprechend anders ausfallen.
In der vorliegenden Studie wurden fast ausschließlich Mütter befragt. Ob Väter die gleichen Erwartungen hegen, ist unklar. Den Autoren zufolge gelten die zentralen Befunde jedoch unabhängig von einigen anderen Einflussgrößen wie dem Bildungsgrad oder Migrationshintergrund der Eltern.
Wie sich die geschilderten Konflikte auf die Kinder auswirken können, legte bereits eine andere repräsentative Studie in Deutschland nahe: Wenn Eltern deutlich mehr von ihren Kindern erwarteten, als diese erfüllen konnten, fielen deren Leistungen schlechter aus. Einer britischen Untersuchung zufolge senkt sogar jede Form von Diskrepanz – sei es eine zu hohe oder zu niedrige Erwartung an das Kind – dessen Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss.
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