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Kooperieren, teilen, streiten: Kinder entwickeln prosoziales Verhalten auf zwei Wegen

Sind Kinder von Natur aus freundlich und hilfsbereit – oder müssen sie das erst lernen? Eine große Studie legt nahe: Schon die Kleinsten verhalten sich verblüffend sozial. Werden die Kinder älter, verlassen sie sich allerdings nicht mehr allein auf ihre Intuition. Das hat Folgen.
Zwei Kinder stehen draußen vor einem Gebäude. Das jüngere Kind trägt einen grauen Schneeanzug und eine cremefarbene Mütze. Das ältere Kind, mit einem rosa Rucksack, kniet und gestikuliert freundlich. Im Hintergrund sind Pflanzen und eine Glastür zu sehen. Die Szene wirkt fröhlich und zeigt eine Interaktion zwischen den Kindern.
»Das schaffen wir gemeinsam!« Viele soziale Gesten werden in der Kindheit erlernt. Neue Daten zeigen, wie sich intuitive und überlegte prosoziale Entscheidungen vom Kindes- bis zum frühen Jugendalter verändern.

Ups, jetzt ist Philipps Nuckel im Sand gelandet. Sofort unterbricht die 18 Monate alte Emma ihr Spiel und hebt den Schnuller auf, um ihn dem Baby zurückzugeben. Wie lieb von der Kleinen! Doch woraus speist sich die Geste: Werden Menschen etwa schon hilfsbereit geboren, oder hat Emma das in den ersten Lebensmonaten »gelernt«? Und wie verändert sich das soziale Gespür, wenn die Kinder älter werden? Ein Team um den Psychologen Francesco Margoni hat die soziale Entwicklung erstmals durch Experimente mit mehr als 530 Drei- bis Zehnjährigen in Mailand detailliert nachgezeichnet – und stellte fest, dass verschiedene Wege zum guten Miteinander führen.

Sind Kinder von Natur aus kooperativ und hilfsbereit?

Die Forscher beobachteten im »Diktatorspiel«, dass bereits die Jüngsten ihre Süßigkeiten teilten – ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Tatsächlich präsentieren sich schon 14 Monate alte Kleinkinder hilfsbereit. Vieles spricht dafür, dass uns ein gewisses Maß an prosozialem Verhalten angeboren ist: ein Bauchgefühl fürs Gute, das sich nicht leicht zerstören lässt. Das legt auch die aktuelle Studie nahe. Dreijährige spendeten spontan Bonbons in einen gemeinsamen Topf, als man ihnen erklärte, dass sie hinterher mehr Süßigkeiten zurückbekommen würden – aber nur, falls ihre Altersgenossen ebenfalls mitmachen und »einzahlen«. Davon gingen die Kinder offenbar intuitiv aus. Forderte man sie dagegen auf, vor der Entscheidung nachzudenken, trennten sie sich zögerlicher von ihren Schätzen.

Viele Eltern fürchten, das Urvertrauen ihres Nachwuchses könnte in der Schule einen Knacks bekommen, wenn Wettbewerb, soziales Vergleichen und unfaires Verhalten an der Tagesordnung sind. Falls dem in Mailands Grundschulen so ist, dann schadete das den prosozialen Impulsen der untersuchten Kinder offenbar nicht: Mussten sie sich schnell (und somit mutmaßlich intuitiv) entscheiden, agierten auch ältere Kinder im Kooperationsspiel weiterhin genauso gemeinschaftsorientiert wie jüngere. Insgesamt erweise sich die prosoziale Intuition in der Kindheit als robust, selbst wenn sich die Lebensumstände ändern, folgern die Forscher. Hatten die Kinder allerdings Zeit, abzuwägen, ergab sich ein überraschendes Bild: Im Kindergarten kooperierten sie nach reiflicher Überlegung eher schlechter, ab acht Jahren dagegen prosozialer als Kinder, die spontan wählen mussten.

Gefühl und Vernunft – zwei Quellen speisen soziales Verhalten

Kinder handeln also schon in jungen Jahren oft intuitiv prosozial, und das bleibt meist auch so, wenn sie älter werden. Mit wachsender geistiger Reife sind sie aber immer besser in der Lage, abstrakte Regeln anzuwenden, die Folgen ihres Tuns einzuschätzen sowie Ungleichheit zu erkennen. Tatsächlich waren die Kinder mit zunehmendem Alter immer weniger bereit, unfaire Entscheidungen zu akzeptieren: Während es Dreijährige noch gutmütig hinnahmen, wenn ein Kind ungerecht teilte, ächteten ältere solches Verhalten. »Wir (Menschen) müssen nicht erst beigebracht bekommen, freundlich zu sein«, kommentiert der Psychologe Tobias Grossmann von der University of Virginia die Studie, an der er nicht selbst beteiligt war: »Aber während wir heranwachsen, lernen wir, uns bewusst für Freundlichkeit zu entscheiden.«

  • Quellen

Margoni, F. et al., Nature Human Behavior 10.1038/s41562–026–02 487–4, 2026

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