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News: Kosmische Spekulation

Rezession und Aufschwung bestimmen in schöner Regelmäßigkeit unser Wirtschaftsleben. Wenn auch die Konjunkturdaten letztendlich menschengemacht sind, bestimmt vielleicht auch der Kosmos über Wohl und Weh der Ökonomie. Zumindest bei den Weizenpreisen in England könnte er ein Wörtchen mitgeredet haben.
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Nächstes Jahr wird alles besser. Dann ist das Tal der Tränen überschritten; mit unser Wirtschaft geht es wieder aufwärts – heißt es. Doch wer ist schon Prophet? Niemand kann in die Zukunft schauen und sagen, dass der viel gepriesene Aufschwung auch wirklich kommt. Vielleicht hilft hier ein Blick in die Sterne...

Keine Angst, wissenschaft-online wird auch in Zukunft Astrologie nicht als neues Fachgebiet aufnehmen. Aber die Idee, dass kosmische Einflüsse unser Wirtschaftsleben beeinflussen könnten, ist durchaus ernst gemeint. Und zwar ist hier die Rede von einem bestimmten Stern: der Sonne.

Diese weist nämlich regelmäßige Aktivitätsmuster auf, die sich in dem etwa elfjährigen Sonnenfleckenzyklus zeigen. Wenn sich nun die Sonne wieder besonders regt, dann beeinflusst der heftige Sonnenwind das Magnetfeld der Erde und damit letztendlich auch das Wettergeschehen. Denn ein starker Sonnenwind reduziert die auf die Atmosphäre eintreffende kosmische Strahlung des Weltraums, die wiederum Teilchen in der Atmosphäre ionisiert. Dadurch fehlen hier Kristallisationskeime für Regentropfen. Kurz gesagt: Je mehr Sonnenflecken, desto weniger Wolken.

Bereits der deutsch-englische Astronom Friedrich Wilhelm Herschel kam auf den Gedanken, dass sich der klimabeeinflussende Sonnenfleckenzyklus auch in Wirtschaftsdaten niederschlagen müsste. Als er jedoch in einem Vortrag 1801 eine Korrelation zwischen Sonnenflecken und britischen Weizenpreisen forderte, wurde er derart verspottet, dass er seine Idee schnellsten wieder fallen ließ. Nicht besser erging es dem Wirtschaftstheoretiker William Stanley Jevons, der Ende des 19. Jahrhunderts Herschels Gedanken wieder aufgriff.

Jetzt versuchten sich zwei Forscher aus Israel, Lev Pustilnik vom Israel Cosmic Ray Center und Gregory Yom Din vom Golan Research Institute, erneut an Herschels Hypothese. Dabei ergab sich jedoch ein kleines Problem. Zwar verfügten die beiden Forscher über umfangreiches statistisches Material der englischen Weizenpreise für den Zeitraum von 1249 bis 1703, das ein stetes Auf und Ab der britischen Ökonomie seit dem Ende des Mittelalters belegt. Sonnenflecken wurden jedoch erst seit 1611 regelmäßig beobachtet, und die Zeit zwischen 1645 und 1715 fällt in das so genannte Maunder-Minimum, in der die Sonne sich fast gar nicht regte, es also auch wenig Sonnenflecken zu sehen gab.

Allerdings fanden die Wissenschaftler einen indirekten Hinweis auf historische Sonnenflecken, und zwar im grönländischen Eis. Denn die Konzentration des Isotops Beryllium-10, archiviert in Eisbohrkernen, hängt direkt von der kosmischen Strahlung und damit von der Sonnenaktivität ab. Dadurch konnten die Forscher die Aktivität unseres Heimatsterns für den Zeitraum von 1600 bis 1700 rekonstruieren und mit den englischen Weizenpreisen vergleichen.

Und die beiden Wissenschaftler entdeckten tatsächlich einen statistischen Zusammenhang: Immer dann, wenn sich in dem hundertjährigen Zeitraum die Sonne besonders schwach zeigte, stiegen die Weizenpreise – und umgekehrt. Offensichtlich, so spekulieren die Forscher, führte die dichtere Bewölkung während eines Minimums der Sonnenaktivität zu härteren Wintern und heftigeren Regenfällen, wodurch die Ernte wiederum gefährdet wurde – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Preise. Auch die regelmäßigen Höhen und Tiefen des britischen Weizenmarktes in den Jahrhunderten zuvor sollen, zumindest zum Teil, auf das regelmäßige Auf und Ab der Sonnenaktivität zurückzuführen sein.

Lohnt sich also doch der Blick in die Sterne – oder besser auf den Stern –, um zukünftige Wirtschaftsdaten vorauszusagen? Wohl kaum. Schließlich waren die von den beiden Wissenschaftlern ausgewerteten Verhältnisse überschaubar: Bis zum Beginn der Industrialisierung blieb die britische Wirtschaft auf der Insel fast ganz auf sich selbst gestellt und wurde nur wenig von außen beeinflusst. Im heutigen globalen Dorf sind die Volkswirtschaften derart eng miteinander verflochten, dass die Stimme des Kosmos wohl nur noch wenig Gewicht hat.

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