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News: Krieg der Ameisen

Die genetische Vielfalt ist ein ganz entscheidender Faktor für das Überleben einer Art. Aber wie bei jeder Regel gibt es natürlich auch hierzu eine Ausnahme. Eine argentinische Ameise erobert die Welt mit einer genau entgegengesetzten Strategie: Sie gründete in den Vereinigten Staaten eine Art 'Superkolonie' aus vielen genetisch sehr eng verwandten Individuen, die zur Zeit alle heimischen Ameisenarten verdrängen.
Im 19. Jahrhundert wurde die argentinische Ameisenart Linepithema humile durch Schiffe, die Kaffee aus Südamerika nach New Orleans transportierten, in die USA eingeschleppt. Seit dieser Zeit verbreitete sich das kleine Geschöpf bis nach Kalifornien, wo es mittlerweile so stark dominiert, dass es die heimischen Ameisenarten verdrängt. Selbst bis nach Europa, Südafrika und Australien gelangte die invasive Spezies.

Solche Neugründungen entstehen in der Regel aus wenigen nah verwandten Individuen, weshalb die Population nur eine sehr enge genetische Variabilität besitzt. Dieser genetische Flaschenhals erhöht die Gefahr, dass eine Krankheit oder die Veränderung einer einzelnen Umweltbedingung die gesamte Lebensgemeinschaft ausrotten kann. Aber die argentinische Ameise vermehrt und verbreitet sich in den USA sehr erfolgreich, und wie der Biologe Neil Tsutsui und seine Kollegen von der University of California in San Diego herausfanden, hilft ihnen der Flaschenhals sogar dabei (Proceedings of the National Academy of Sciences vom 23. Mai 2000, Abstract).

Die in Kalifornien lebenden argentinischen Ameisen kämpfen nicht gegen Tiere aus anderen Nestern und betreuen sogar gegenseitig ihre Brut. Dieser enge Familienzusammenhalt ist dagegen bei den Ameisen in Argentinien sowie bei den in den USA einheimischen Arten nicht zu beobachten. "Wenn man ein Tier aus San Diego nimmt und es in ein Nest in San Francisco setzt, spaziert es da hinein, als wäre es dort zu Hause", erklärt Tsutsui. "Wenn man dagegen in Argentinien eine Ameise aufhebt und sie nur zu einem 50 Meter entfernten Nest trägt, wird sie in Stücke gerissen."

Der Wissenschaftler hält die enge genetische Verwandtschaft für den Grund, dass die Tiere sich nicht als Feinde ansehen. Daher untersuchte er Dutzende von Nestern in Kalifornien und Argentinien. Dabei entdeckte er sieben Gene, die in zahlreichen verschiedenen Versionen, auch Allele genannt, vorkommen. Die Insekten eines Nests in Kalifornien hatten zwischen 75 und 100 Prozent der Allele gemein, während in Argentinien die Ähnlichkeit nur bei etwa 40 Prozent lag. Außerdem zeigte sich, dass zwei Ameisen in einem Einmachglas umso heftiger miteinander kämpften, je weiter sie genetisch auseinanderlagen.

Somit beherbergt Kalifornien vermutlich die größte Ameisenkolonie der Welt, da alle Individuen derart eng miteinander verwandt sind. Sie verschwenden keine Energien auf Aggressionen, sondern können sich ausschließlich um die Futtersuche kümmern. Das ist der Grund, warum heimische Arten nicht mit ihnen konkurrieren können.

Eine Möglichkeit, die Ausbreitung der argentinischen Ameise in den Griff zu bekommen, wäre es, wenn man genetisch entferntere Kolonien in das Gebiet einführte. "So bekämpfen wir Feuer mit Feuer", sagt Tsutsui und gibt aber zu, dass diese Strategie auch Risiken birgt. Andere Bekämpfungsstrategien, die sich die genetische Ähnlichkeit der Tiere zu Nutze machen, wie das Einführen von Parasiten, ziehen dann nicht mehr.

Kenneth Ross, ein Experte für Feuerameisen von der University of Georgia, weist auf ein weiteres Problem hin. Der Flaschenhals könnte dazu geführt haben, dass sich viele schadhafte oder schädliche Gene durch Mangel an Alternativen in den Tieren angereichert haben. Die Erhöhung der Variabilität könnte den Ameisen somit durchaus auch nutzen. Aber Ross ist der Ansicht, dass die argentinischen Ameisen in naher Zukunft ihren Meister finden werden. Die sehr viel aggressiveren Feuerameisen haben bereits einen Vorstoß nach Südkalifornien gewagt. "Ich denke, dass sie die argentinischen Ameisen vollständig überrennen werden", erklärt er.

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