Hybride Kriegsführung: So befeuert KI den Einsatz neuartiger Biowaffen

Nicht jede Waffe macht Lärm. Manche wirken lautlos. Doch während Cyberangriffe, Desinformation und die Sabotage kritischer Infrastruktur längst etablierte Instrumente in der kriegerischen Auseinandersetzung sind, eröffnen Fortschritte in der Biotechnologie ganz neue Möglichkeiten für Konfliktparteien. So können etwa Mikroorganismen sowie veränderte Pflanzen und Tiere gezielt als Biowaffen eingesetzt werden, um unbemerkt die Nahrungsversorgung eines Gegners zu attackieren.
Verstärkt wird diese Sorge nun durch rasche Fortschritte in der künstlichen Intelligenz: Bereits seit einigen Jahren kann eine Anwendung der Google-Tochter Deepmind namens AlphaFold die dreidimensionale Struktur von Proteinen allein aus ihrer Aminosäuresequenz berechnen. Dieser entscheidende Schritt zum Verständnis der biologischen Funktion von Eiweißen lässt sich damit weitgehend automatisiert durchführen.
Hinzu kommt, dass KI inzwischen DNA-Sequenzen neuartiger Viren und Bakterien entwerfen kann, die sich potenziell als Biowaffen eignen, und die sich anschließend in kommerziellen Laboren synthetisieren lassen. Vor dieser Entwicklung warnen jetzt mehr als 60 Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager aus den Bereichen KI, Biotechnologie und Sicherheit in einem offenen Brief an die US-Regierung und den Kongress. Zu den Unterzeichnenden gehören Sam Altman von OpenAI, Dario Amodei von Anthropic sowie Demis Hassabis, Chef von Google DeepMind und Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 2024.
»KI-Systeme schneiden mittlerweile besser ab als Virologen mit Doktortitel, wenn es um Fragen zu hochtechnischen Laborverfahren in deren eigenen Fachgebieten geht«Offener Brief an die US-Regierung
»KI-Systeme entwickeln sich rasant weiter, und neben den enormen Vorteilen für Wissenschaft und Medizin besteht die reale Gefahr, dass die Wissensbarrieren, die Kriminelle bisher daran gehindert haben, in den Besitz biologischer Waffen zu gelangen, sich auflösen«, heißt es in dem Brief. KI-Systeme »schneiden mittlerweile besser ab als Virologen mit Doktortitel, wenn es um Fragen zu hochtechnischen Laborverfahren in deren eigenen Fachgebieten geht«, warnen die Branchenführer.
Ernährungssysteme sind Achillesferse
Biowaffen direkt gegen die Bevölkerung einzusetzen, ist nur ein Weg, wie terroristische oder staatliche Aggressoren Schaden anrichten können. Weniger auffällig, aber möglicherweise ebenso folgenreich wäre es, das Ernährungssystem ins Visier zu nehmen. Zwar sind Angriffe auf die Ernährungsgrundlagen der Zivilbevölkerung von den Genfer Konventionen verboten, verstoßen also gegen das Völkerrecht. Doch die Bedeutung solcher Vereinbarungen schrumpft, während das Spektrum der potenziellen Szenarien, etwa einer »botanischen« Kriegsführung, wächst: Staaten, Terrorgruppen und andere Akteure könnten manipuliertes Saatgut ausbringen, das Erträge mindert oder Pflanzen ungenießbar macht. Ebenso denkbar ist das gezielte Ausbringen von Pilzen oder Insekten, die sich selbst verbreiten, oder die Nutzung pflanzlicher Toxine, die Menschen oder die Bodenfruchtbarkeit schädigen.
Die Möglichkeiten, Organismen gezielt genetisch zu verändern, nehmen stetig zu. Eine wichtige Rolle dabei spielen sogenannte Genscheren, für deren Entwicklung die in Berlin forschende Mikrobiologin und Genetikerin Emmanuelle Charpentier 2020 zusammen mit einer Kollegin den Chemie-Nobelpreis erhalten hat. Mit solchen Verfahren lassen sich Erbanlagen und damit auch die Bauanleitungen für Proteine präzise verändern, ergänzen oder gezielt stilllegen – oft, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Das eröffnet einerseits weitreichende Chancen, Medizin und Landwirtschaft zu revolutionieren. Zugleich wirft die Technologie aber zahlreiche sicherheitspolitische und ethische Fragen auf.
Vor diesem Hintergrund warnen Fachleute vor möglichen Missbrauchsszenarien. So betont etwa Una Jakob, Leiterin der Arbeitsgruppe »Biologische und chemische Abrüstung und Sicherheit« am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF) in Frankfurt: »Die moderne Biotechnologie mit den Möglichkeiten der Genom-Editierung vergrößert den Werkzeugkasten für gezielte Eingriffe nicht nur, um Ernten zu steigern und Nutzpflanzen widerstandsfähiger zu machen, sondern eventuell auch für das exakte Gegenteil.« Auch das Auswärtige Amt verweist auf neue Risiken, die aus der Konvergenz von Biotechnologie und künstlicher Intelligenz entstehen – etwa, wenn sich genetische Sequenzen zunehmend rechnerisch entwerfen lassen.
Bricht in einer Region oder in einem Land mitten in einem Konflikt die Agrarproduktion für den eigenen Konsum oder den Export als wichtige Einnahmequelle zusammen, könnte das dramatische Folgen haben.
Biologische Agenzien in feindseliger Absicht
Genau das macht einen Präzedenzfall aus dem Afghanistankrieg so brisant. Ende 2025 erschien in der »Washington Post« ein Exklusivbericht, demzufolge der US-Geheimdienst CIA zwischen 2004 und 2015 in zahlreichen Nacht-und-Nebel-Aktionen mit Flugzeugen aus großer Höhe erhebliche Mengen speziell gezüchteter Mohnsamen über Afghanistan abgeworfen haben soll. Das Ziel: den dortigen Anbau von Schlafmohn für die Opiumproduktion zu sabotieren und damit eine wichtige Einnahmequelle afghanischer Warlords zu schmälern.
Die Mohnpflanzen des CIA-Programms, hieß es in dem Bericht, seien so gezüchtet worden, dass sie kaum Morphin enthielten, den Ausgangsstoff nicht nur für pharmazeutische Schmerzmittel, sondern auch für Heroin. In der fraglichen Zeit war Afghanistan zum weltweit wichtigsten Produzenten des Rohstoffs für die illegale Droge aufgestiegen. »Sobald die Samen ausgebracht waren, bestand das Ziel darin, dass die keimenden Pflanzen sich mit den einheimischen Pflanzen kreuzen und im Lauf der Zeit zur dominierenden Sorte werden.« Das sollte die Menge an erzeugtem Opium reduzieren.
Offen blieb, auf welchem Weg die Mohnsamen derart verändert worden sein sollten, dass sie kaum noch Opium enthielten. Neben klassischen Züchtungsverfahren wie Kreuzungen kommen dafür auch biotechnologische Methoden infrage, bei denen gezielt Gene verändert werden.
Die »Washingron Post« berief sich auf 14 interviewte Insider, die Kenntnis von dem als streng geheim eingestuften Programm gehabt haben sollen, nannte aber keine Namen. Eine Stellungnahme der CIA blieb aus. Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, über keine eigenen Erkenntnisse zu dem Fall zu verfügen.
»Jedes potenzielle biologische Agens könnte unter diese Definition fallen, wenn es für nicht-friedliche Zwecke eingesetzt wird«Barry de Vries, Rechtswissenschaftler
Auch wenn nicht offiziell bestätigt ist, dass das Mohn-Projekt so stattgefunden hat, wirft bereits das geschilderte Szenario grundlegende Fragen auf: Selbst wenn es um die Bekämpfung des illegalen Drogenanbaus gegangen sein sollte, weisen Fachleute darauf hin, dass entsprechende Eingriffe als Einsatz biologischer Waffen gewertet werden könnten – und damit gegen das seit 1975 geltende internationale Verbot verstoßen würden.
Das UN-Übereinkommen definiert Biowaffen bewusst breit; Herkunft oder Herstellungsweise spielen keine Rolle. »Jedes potenzielle biologische Agens könnte unter diese Definition fallen, wenn es für nichtfriedliche Zwecke eingesetzt wird«, sagt Barry de Vries, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Öffentliches Recht und Internationales Recht an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Völkerrechtliche Bewertung des Vorfalls
Während die USA den Kampf gegen illegale Drogen auch in anderen Zusammenhängen als friedlichen Zweck definiert hätten, lasse die Biowaffen-Konvention, so de Vries, durchaus eine andere Lesart zu: »Es könnte auch argumentiert werden, dass die Zerstörung von Drogenpflanzen und damit der Einkommensgrundlage lokaler Gruppen nicht unter den Begriff des friedlichen Zwecks fällt, insbesondere dann, wenn ein Teil der Zielsetzung möglicherweise darin bestand, die Taliban durch die Unterbrechung ihrer Finanzierungsquellen zu schwächen«, sagt er. Neben der Frage, ob sich die Ereignisse tatsächlich wie in der »Washington Post« geschildert zugetragen haben, müsse daher auch geklärt werden, wie ein solcher Einsatz völkerrechtlich zu bewerten wäre – und ob er bereits unter das Verbot biologischer Waffen fällt.
Sollte die afghanische Regierung solchen Maßnahmen nicht zugestimmt haben, erscheine es zumindest nachvollziehbar, von einem Einsatz biologischer Waffen zu sprechen, sagt de Vries. Gunnar Jeremias, Biowaffenforscher am Carl Friedrich von Weizsäcker‑Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung der Universität Hamburg, formuliert es noch deutlicher: »Ob das jetzt sich gegen Rauschgiftanbau oder gegen Maisanbau richtet, ist eigentlich egal – sobald man veränderte biologische Agenzien in feindseliger Absicht ausbringt, ist es eine Biowaffe«, sagt er.
Aus demselben Grund hatten 2018 deutsche und französische Wissenschaftler vor einem Forschungsprogramm der US-Agentur DARPA namens »Insect Allies« gewarnt. Ziel des Projekts war es, Methoden zu entwickeln, wie Insekten genetisch veränderte Viren auf Nutzpflanzen übertragen können. Diese sollten Bedrohungen jedweder Art für die Ernährung der US-Bevölkerung abwenden – zum Beispiel auch für den Fall, dass ein Gegner genmanipulierte Pflanzen zu feindlichen Zwecken in den USA ausbringt. Während also die Viren die Pflanzen infizieren und unschädlich machen sollen, dienen Insekten als Vektoren, um die Abwehr-DNA in die Pflanzen zu schleusen.
Eine solche Technologie könnte leicht auch zu offensiven Zwecken genutzt werden, warnten die Forscher im Wissenschaftsjournal »Science«. Sie ermögliche es, vererbbare Eigenschaften von Pflanzen außerhalb des Labors zu verändern also direkt während des Anbaus auf dem Feld. »Das Insect Allies-Programm könnte das Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen verletzen, sofern die von der DARPA angeführten Ziele nicht plausibel sind«, erklärt die Völkerrechtlerin Silja Vöneky von der Universität Freiburg.
Möglichkeiten, biologisches Wissen und Biotechnologie zu kriegerischen Zwecken zu missbrauchen, gibt es viele – ob nun klassische Pflanzenzucht oder hochmoderne Genscheren. Deshalb fordern Experten wie Una Jakob und Gunnar Jeremias, das Biowaffen-Übereinkommen der Vereinten Nationen um einen wirksamen Verifikationsmechanismus zu ergänzen, der Kontrollen und Untersuchungen vor Ort ermöglicht. Anders als bei Abkommen zu nuklearen und chemischen Waffen fehlt ein solches Instrument bislang.
»Deutschland setzt sich für die Entwicklung von wissenschaftlich fundierten und technisch umsetzbaren Maßnahmen für ein künftiges Verifikationsregime ein«Auswärtiges Amt
»Schon der Vorwurf, dass ein Land Biowaffen eingesetzt hat, wiegt schwer und kann auch zur Rufschädigung genutzt werden«, sagt Jakob. Sie verweist auf die falschen Behauptungen aus Russland, die USA unterhielten in der Ukraine Labore zur Herstellung von Biowaffen. Auch um solchen Falschinformationen vorzubeugen, sei ein verlässliches Verfahren nötig, mit dem sich Verdachtsfälle unabhängig prüfen lassen. Bisher würden bei den UN-Verhandlungen darüber aber nur sehr langsam Fortschritte erzielt. Ein erster Anlauf aus den 1990er-Jahren wurde 2001 unter anderem auf Druck der USA gestoppt. Immerhin verständigten sich die Vertragsstaaten 2022 darauf, neue Gespräche aufzunehmen. »Die nächste Chance für substanzielle Fortschritte bietet die Überprüfungskonferenz 2027.«
Für diesen Prozess hat das Auswärtige Amt den Vereinten Nationen bereits konkrete Vorschläge unterbreitet: »Deutschland setzt sich für die Entwicklung von wissenschaftlich fundierten und technisch umsetzbaren Maßnahmen für ein künftiges Verifikationsregime ein«, erklärt das AA.
Zweifel an der Umsetzbarkeit des Mohn-Projekts
Ob die USA in Afghanistan wirklich manipuliertes Saatgut für Mohn ausgebracht haben, bleibt indes unklar. Botanikerinnen und Botaniker, die auf Schlafmohn spezialisiert sind, halten ein solches Vorgehen zwar grundsätzlich für denkbar, zweifeln jedoch an der praktischen Umsetzbarkeit. Ein zentrales Problem bestehe etwa darin, dass Mohnsamen sehr wenig wiegen und entsprechend leicht vom Wind verweht werden können. Um ausreichende Mengen zielgenau auszubringen, wären zahlreiche Abwürfe in einem sehr engen Zeitfenster im Herbst nötig. »Für eine erfolgreiche Aussaat hätten die Flugzeuge sehr tief fliegen müssen, damit die Samen nicht einfach weggeblasen werden«, sagt die ungarische Wissenschaftlerin Éva Zámboriné Németh, eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Pflanzenzucht beim Mohn. Ein solches Vorgehen hätten die Opiumbauern vermutlich bemerkt.
Doch selbst wenn die Samen zur richtigen Zeit an den richtigen Stellen gelandet wären, hätten sie sich erst noch gegen das heimische, besser an die örtlichen Bedingungen angepasste Saatgut durchsetzen müssen. Morphinarme Sorten seien den üblichen Mohnvarianten aber tendenziell unterlegen, sagt Katharina Luhmer vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn. »Das könnte daran liegen, dass Alkaloide die Pflanzen gegen Insekten und Mikroorganismen schützen und der Schutz ohne Morphine schwächer ausfällt.« Zudem wird die Eigenschaft, wenig Morphin zu bilden, nicht dominant vererbt. Entsprechend würden sich nach wenigen Generationen wieder morphinreiche Pflanzen durchsetzen. Eine solche Maßnahme müsste daher mit erheblichem Aufwand regelmäßig wiederholt werden.
Sollte das Programm so stattgefunden haben wie berichtet, wäre sein Erfolg ohnehin gering gewesen. Dem »Afghanistan Opium Survey 2025« der Vereinten Nationen zufolge hat sich die jährliche Opiumproduktion in dem Land von rund 2500 Tonnen zu Beginn der 2000er-Jahre bis 2015 etwa verdoppelt, um dann in den Jahren 2017 und 2018 sogar auf mehr als 7000 Tonnen zu steigen. Erst nach der Machtübernahme der Taliban infolge des überstürzten Abzugs der internationalen Truppen Mitte 2021 verzeichnete die UNO einen drastischen Rückgang auf zuletzt nur noch wenige Hundert Tonnen.
Der Journalist Warren Strobel, Autor des Enthüllungsartikels in der »Washington Post«, sagt hingegen, das Programm habe seinen Informanten zufolge »zumindest eine Zeit lang an manchen Orten durchaus funktioniert«. Letztlich seien die Verantwortlichen jedoch zu dem Schluss gekommen, dass der Aufwand in keinem angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehe.
Beflügelt durch Drohnen?
Diese Abwägung könnte aber angesichts der immer effektiveren Werkzeuge der Biotechnologie schnell anders ausfallen. Zugleich eröffnet die rasche Entwicklung unbemannter Systeme neue Möglichkeiten des Missbrauchs: Drohnen könnten den bislang aufwendigen Abwurf aus Flugzeugen ersetzen. Sicherheitsforscherin Jakob warnt, Drohnen könnten gerade im Agrarbereich ein geeignetes Transportmittel, um etwa manipuliertes Saatgut oder Schädlinge unauffällig zu verteilen: »Drohnen erleichtern es, gut getarnt und schwer rückverfolgbar manipuliertes Saatgut oder Schädlinge am richtigen Ort auszubringen, ohne dass es dafür eigene Soldaten am Boden braucht«, sagt sie.
Vor diesem Hintergrund fordern die Führungskräfte aus KI‑, Biotechnologie- und Sicherheitsbranche in ihrem offenen Brief an die US-Regierung konkrete Gegenmaßnahmen. In einem ersten Schritt wollen sie erreichen, dass Bestellungen synthetischer DNA bei kommerziellen Anbietern systematisch geprüft und dokumentiert werden, um potenzielle Risiken früh zu erkennen und nachvollziehbar zu machen. Da sich die zugrunde liegenden Technologien rasant entwickeln, sei ein solches Vorgehen dringend geboten – der Kongress müsse rasch handeln, heißt es in dem Schreiben.
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