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News: Kriegsgewinn durch 25-Bit-Computer

Die Landung der Alliierten in der Normandie 1944 und den darauf folgenden Sieg über Hitler verdankt die Welt einem Computer. 'Colossus' wurde 1943 von T.H. Flowers, einem britischen Fernmeldeingenieur, konstruiert und ab 1944 eingesetzt, um Funksprüche der deutschen Wehrmacht zu dechiffrieren. Der erste elektronische und programmierbare Rechner der Welt bestand aus circa 2500 Elektronenröhren mit einem Arbeitsspeicher von immerhin 25 Bit. Derzeit wird er in Bletchley Park, im heutigen Museum für Dekodierung während des Zweiten Weltkriegs, wieder aufgebaut.
Unter der Leitung von Professor Max A. Newman konstruierte Tommy Flowers 1943 Colossus für die Post Office Research Laboratories in Dollies Hill, nördlich von London. Der Rechner bestand im wesentlichen aus Standardteilen der Fernmeldetechnik. Dabei kombinierte Flowers elektrisch bedienbare Röhrentechnik mit dem schon von Konrad Zuse verwendeten Binärsystem. Erstmalig entstand somit ein elektronischer Rechner, der nur noch mechanisch programmiert werden mußte. In seinem Speicher war Platz für fünf Zeichen mit jeweils fünf Bits. 5 000 Zeichen konnten pro Sekunde mit Lochstreifenpapier eingelesen werden, die Ausgabe erfolgte über eine Schreibmaschine.

Ziel der Anstrengung war es, die kodierten Funksprüche der Deutschen für die Alliierten zu dechiffrieren. Die Deutschen bedienten sich hierfür einer Lorenzmaschine des Typs SZ42. Der Originaltext wurde durch Bit-pro-Bit-Addition zweier "Zufallszahlen" in einer Maschine chiffriert und konnte mit einer weiteren Maschine wieder dekodiert werden, wenn die Anfangsposition der kodierenden Maschine bekannt war. Die Alliierten waren zwar in Besitz einer solchen Maschine, kannten aber die Startbedingungen nicht.

Hitler fühlte sich seiner Sache sicher, auch wenn die beiden "Zufallszahlen" nicht wirklich zufällig gewählt, sondern der Einfachheit halber einer langen Zahlenfolge mit 1019 Möglichkeiten entnommen waren. Aufgrund der Vielzahl der möglichen Kombinationen waren die Codes zwar prinzipiell zu knacken, aber nur mit praktisch unmöglichem Aufwand. So wurden streng geheime Botschaften zwischen Hitler und seinen Generälen verschlüsselt über den Äther geschickt, in der Gewißheit, daß die Informationen den Alliierten allenfalls Monate später zugänglich wären.

Colossus war jedoch in der Lage, Funksprüche innerhalb von zwei Tagen zu dechiffrieren, für welche die 12 000 Angestellten in Bletchley Park sonst mehrere Monate gebraucht hätten. Er stellte innerhalb relativ kurzer Zeit alle möglichen Einstellungen der Chiffriermaschinen nach und decodierte so den Code. Damit verhalf er schließlich den Alliierten zur planmäßigen Landung in der Normadie.

Um Colossus eventuell in ähnlicher Situation wieder einsetzen zu können, wurde das Wunderwerk nach dem Krieg auf Anweisung Winston Churchills zerstört und seine Existens bis 1970 geheim gehalten. Die Logarithmen für die Dechiffrierung wurden sogar bis heute nicht veröffentlicht. Jetzt jedoch soll der 2,5 Meter hohe und sechs Meter lange Rechner im Bletchley Park Museum, dem einstigen Dechiffrierzentrum der Alliierten, wieder aufgebaut werden.

Keine leichte Aufgabe, denn nach der Zerstörung des Rechners 1960 wurden die Konstruktionspläne verbrannt und die Bauteile in der Fernmeldetechnik wiederverwertet. Daher versucht der Computerfachmann Tony Sale, Colossus mit Hilfe einiger ehemaliger Angestellten nach alten Fotos zu rekonstruieren. Doch besonders die Suche nach den Originalbauteilen erweist sich als schwierig. Teilweise sind sie möglicherweise heute noch irgendwo in der Gegend um Bletchley Park im Einsatz.

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