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News: Künstliche Blase mit Körperzellen

Eine künstlich hergestellte Harnblase aus körpereigenem Gewebe verrichtet bei Hunden zum ersten Mal für längere Zeit normal ihren Dienst. Damit steigen die Chancen, auch Menschen mit dieser Technik helfen zu können. Weltweit leiden etwa 400 Millionen Menschen an Blasenkrankheiten. Ein Austausch oder eine chirurgische Reparatur des Organs werden relativ häufig notwendig, Spenderorgane jedoch sind rar und Kunststoffblasen funktionieren bisher nur sehr eingeschränkt.
Jezt haben Mediziner an der Harvard Medical School in Boston eine Alternative zur klassischen Transplantation gefunden. Sie kultivierten körpereigene Blasenzellen und pflanzten sie auf eine Matrix aus synthetischem Material. Die künstlichen Blasen arbeiteten bei den Versuchstieren über zehn Monate lang zufriedenstellend (Nature Biotechnology, Februar 1999).

Sechs Beaglen wurden mittels Biopsie jweils zwei verschiedene Arten von Blasenzellen entnommen – sogenannte urolethische Zellen, die den Harntrakt innnen auskleiden, und Muskelzellen von der äußeren Blasenoberfläche. Diese Zellen wurden im Labor kultiviert, bis sie etwa eine Fläche von jeweils 25 Quadratzentimetern bedeckten. Sie wurden dann auf eine Polymermatrix aufgebracht oder "ausgesäht", deren Form einer Hundeblase enstprach. Die Muskelzellen kamen auf die äußere Fläche, die urolethischen Zellen auf die innere, wie es dem Aufbau einer natürlichen Blase entspricht. Das dazwischenliegende Matrixmaterial wurde so gewählt, daß es im Laufe der Zeit im Körper biologisch abgebaut wird.

Den Hunden wurden ihre natürliche Blasen entfernt und die neu geschaffenen künstlichen Organe eingesetzt. Nach nur einem Monat zeigten diese eine normale Zellorganisation und neue Blutgefäße begannen sich auszubilden. Nach drei Monaten zerfiel die Polymermatrix. Die Kapazität der künstlichen Organe lag bei 95 Prozent der ursprünglich vorhandenen körpereigenen Blasen. Auch nach Beendigung des elfmonatigen Experimentes arbeiteten sie normal. Im Vergleich dazu litten Hunde, denen lediglich ein Polymer-Transplantat eingesetzt wurde, an Problemen wie Vernarbungen und abnormer Muskelentwicklung und erreichten nur 46 Prozent ihrer natürlichen Blasenkapazität.

Noch ist nicht klar, ob solche Organe auch über sehr lange Zeit ihren Dienst tun können. Trotzdem glauben die am Experiment beteiligten Forscher, daß "in nicht allzuferner Zukunft klinische Szenarien denkbar werden, in denen der Patient, dem eine Rekonstruktion des Harntrakts bevorsteht, sich nur einer kleinen minimalinvasiven Gewebeentnahme unterziehen" müßte. Das Gewebe würde dann kultiviert und in halbsynthetische Organe eingebaut. Bis das Verfahren soweit entwickelt ist, daß es an Menschen erprobt werden kann, rechnen die Forscher aber noch mit einigen Jahren.

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