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Anthropologie: Küstenroute

"Out of Africa" - unter diesem Schlagwort firmiert die inzwischen weit gehend akzeptierte Hypothese, nach der alle Menschen von wenigen Auswanderern abstammen, die einst von Afrika aus aufbrachen, die ganze Welt zu erobern. Doch welche Route schlugen diese Pioniere ein?
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Vermutlich gehört sie zu den erfolgreichsten Arten der Evolution. Sie trotzte jedem Klima und breitete sich mit rasanter Geschwindigkeit über die gesamte Erde aus. Nur wenige zehntausend Jahre – in der Geschichte des Lebens ein Lidschlag – genügten ihr, um den Planeten zu erobern. Die Rede ist von Homo sapiens – dem anatomisch modernen Menschen.

Sicher ist, dass der Ursprung des Menschen in Afrika zu suchen ist. So stammen die ältesten Funde von Homo sapiens aus dem heutigen Äthiopien und werden – erst jüngst wieder frisch datiert – auf knapp 200 000 Jahre geschätzt. Und die meisten Anthropologen sind davon überzeugt, dass die gesamte heutige Menschheit von nur wenigen mutigen Auswanderern abstammt, die irgendwann vor 100 000 Jahren den Schwarzen Kontinent verließen, um "Out of Africa", also jenseits von Afrika ihr Glück zu finden. Doch welchen Weg nahmen diese Auswanderer?

Nahe liegend erscheint, aus Ostafrika schnurstracks nach Norden aufzubrechen und dem Nil zu folgen. Dazu passt, dass die ältesten H.-sapiens-Fossilien außerhalb Afrikas aus Israel stammen und auf etwa 90 000 Jahre zurückblicken können. Von hier aus wäre es eigentlich ein Katzensprung bis nach Europa. Doch vermutlich erst vor 40 000 bis 30 000 Jahren betraten die ersten modernen Menschen den europäischen Kontinent und verdrängten nach und nach den hier schon lange heimischen Neandertaler. Das weit entfernte Australien hatten die Auswanderer aber nachweislich schon vor 45 000 Jahren erreicht. Kannten sie vielleicht eine Abkürzung?

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Orang Asli | Die Orang Asli, die Ureinwohner Malaysias, leben heute zurückgezogen in den Bergen.
Zwei Arbeitsgruppen haben sich jetzt unabhängig voneinander auf die Suche nach dieser Abkürzung begeben. Als Maß für die Reisegeschwindigkeit nahmen die Forscher jedoch nicht irgendwelche alten ausgebuddelten Knochen, sondern die permanent tickende molekulare Uhr in unseren Mitochondrien. Diese häufig als "Kraftwerke der Zellen" bezeichneten Zellorganellen besitzen praktischerweise ein von den Chromosomen unabhängiges Erbgut, das fast ausschließlich mütterlicherseits weitergegeben wird. Da sich diese mtDNA über die Generationen mit der Zeit verändert, können die Humangenetiker mit vergleichenden Analysen verschiedener Individuen einen Stammbaum aufstellen und grob abschätzen, wann die Verzweigungen in diesem Stammbaum auftraten.

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Speicheltest | Aus den Speichelproben der Orang Asli isolierten die Forscher die mtDNA und bestimmten damit das Alter der Ureinwohner Malaysias auf etwa 65 000 Jahre.
Vincent Macaulay von der Universität Glasgow machte sich nun zusammen mit seinen Kollegen auf den Weg nach Malaysia. Zurückgezogen in den Bergen leben hier die Orang Asli, die Ureinwohner der malaiischen Halbinsel. 260 Individuen verschiedener Stämme standen den Forscher für einen kleinen Speicheltest zur Verfügung.

In der mtDNA der Orang Asli spürten die Forscher mtDNA-Abschnitte auf, die sonst nicht auf der Welt vorkommen. Ihr geschätztes Alter: 63 000 bis 44 000 Jahre [1].

Eine ähnliche Untersuchung machten die Forscher um Kumarasamy Thangaraj vom indischen Zentrum für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad. Sie wählten allerdings noch abgelegenere Völker: die durch die Tsunami-Katastrophe kurz im Rampenlicht der Öffentlichkeit auftauchenden Bewohner der Andamanen und Nikobaren.

Auch hier kamen die Forscher zu einem ähnlichen Ergebnis: Die mtDNA verriet, dass zumindest die Bewohner der Andamanen seit etwa 65 000 Jahren isoliert leben. Die Nikobaresen sind dagegen enger mit den Völkern vom südostasiatischen Festland verwandt und blicken wohl auf nur 18 000 Jahre Insulanerdasein zurück [2].

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Küstenroute | Ostwärts: Von Ostafrika aus wählten die Auswanderer vor 65 000 Jahren die Küstenroute und zogen entlang des Indischen Ozeans Richtung Australien. Erst als sich das Klima vor schätzungsweise 50 000 Jahren veränderte und einen Weg durch die Arabischen Wüsten ermöglichte, brachen sie auf nach Europa.
Beide Ergebnisse zeigen, dass sich die Menschheit vor etwa 65 000 Jahren direkt Richtung Osten aufmachte. Wie die Forscher vermuten, überquerten die Auswanderer von Ostafrika aus zunächst das Rote Meer und zogen dann immer weiter an der Küste entlang über die Arabische Halbinsel, Indien und Südostasien, bis sie schließlich Australien erreichten. "Die südliche Route wurde bisher als einer von mehreren Wegen des anatomisch modernen Menschen aus Afrika gesehen", erläutert Macaulay. "Wir gehen jedoch davon aus, dass es der einzige Weg war."

Auf diesem Weg müssen die Menschen sehr schnell vorangekommen sein. Die Forscher schätzen, dass die Reisenden für die 12 000 Kilometer lange Strecke an der Küste des Indischen Ozeans etwa 3000 Jahre benötigten, also mit vier Kilometern pro Jahr vorwärts kamen.

Vielleicht trieb schlicht der Hunger die damaligen Menschen vorwärts. Denn am Meer gab es Fische und Schalentiere, von denen sich zunächst gut leben ließ, die aber auch schnell zur Neige gingen. "Es ist sogar möglich, dass der eigentliche Grund für den Aufbruch nach Osten in den abnehmenden Fischbeständen im Roten Meer während der Eiszeit vor 70 000 Jahren liegt", ergänzt Macaulay.

Gab es demnach wirklich nur einen Weg aus Afrika? Andere Forscher bleiben skeptisch. "Ich bin nicht ganz davon überzeugt, dass es nur eine kleine, schnelle Ausreise gab", meint der Anthropologe Chris Stringer vom Naturkundemuseum in London. "Aber die Küstenroute erscheint einleuchtend."

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