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Great Pacific Garbage Patch: Küstentiere besiedeln Plastikmüll auf hoher See

Im Pazifik haben sich zahlreiche Organismen dauerhaft auf umherschwimmenden Plastikteilen niedergelassen. Es entstehen unnatürliche Lebensgemeinschaften – mit unbekannten ökologischen Folgen.
Plastikmüll treibt im Ozean umher
Rund 79 000 Tonnen Plastikmüll treiben allein im »Great Pacific Garbage Patch«, einem Wirbel im Nordpazifik, umher.

Auf schwimmendem Plastikmüll im Pazifischen Ozean haben sich offenbar unzählige wirbellose Krustentiere angesiedelt. Das zeigt eine neue Studie, die nun im Fachmagazin »Nature Ecology & Evolution« veröffentlicht wurde. Der als »Great Pacific Garbage Patch« bezeichnete Müllstrudel ist bereits länger dafür bekannt, diversen Organismen als Floß zur Fortbewegung zu dienen oder auch als kurzfristige Bleibe. Das Ausmaß, in dem die immer zahlreicheren Plastikteile nun als dauerhaftere Behausung für Weich- und Krebstiere umfunktioniert werden, war bislang jedoch nicht gut beschrieben.

Erstautorin Linsey Haram und ihre Kollegen sammelten zwischen November 2018 und Januar 2019 insgesamt 105 Plastikteile aus dem Pazifik und fanden auf knapp 95 Prozent des analysierten Mülls Hinweise auf Lebewesen. Auf 70,5 Prozent der Trümmerteile machten sie Organismen ausfindig, die normalerweise in küstennahen Lebensräumen und nicht auf dem offenen Meer vorkommen. Von den insgesamt 484 identifizierten Individuen gehörten 80 Prozent zu einer Küstenspezies. Damit übertrafen sie zahlenmäßig die pelagischen Arten.

Einige der Tiere vermehren sich sogar in dieser fremden Umgebung. So registrierten die Forscher zum Beispiel insektenähnliche Arthropoden, die sich um Gelege kümmerten, und Anemonen, die kleine Klone von sich selbst sprießen ließen. Das bringe ökologische Probleme mit sich. »Wenn man sich vermehren kann, kann man sich ausbreiten«, sagte Linda Amaral-Zettler, Meeresmikrobiologin am Royal Netherlands Institute for Sea Research, gegenüber »Scientific American«. »Und wenn man sich ausbreiten kann, kann man in fremde Lebensräume eindringen.« Schließlich bleibe das Plastik nicht unbedingt im Pazifik, es werde ebenso an ferne Strände gespült, wo die Arten als unerwünschte Neozoen Wurzeln schlagen könnten.

Doch offenbar treibt das Plastik nicht nur küstennahe Arten ins Meer und anderswo wieder hinaus, sondern schafft auch unnatürliche Nachbarschaften, die die Forscher als »neopelagische Gemeinschaften« bezeichnen. Untersucht werden müsse nun, inwiefern die Tiere sich in die Nahrungsketten auf offener See einfügen oder diese durcheinanderbringen. Laut Linsey Haram siedeln die Arten an der Küste auf denselben Kunststoffen wie die auf dem Meer heimischen Arten und konkurrieren dort womöglich um Nahrung.

Der Great Pacific Garbage Patch umfasst inzwischen eine Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern und ist damit viermal so groß wie Deutschland. In ihm wirbeln rund 79 000 Tonnen Plastikmüll umher, fast die Hälfte davon sind Fischernetze. Der Müll stammt aus allen Teilen der Erde. Bei ihrem Treffen in Japan einigten sich die Energie- und Umweltministerinnen und -minister der G7-Staaten darauf, bis Ende 2024 ein internationales rechtsverbindliches Instrument gegen Plastikverschmutzung zu erarbeiten.

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