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Identität: Mit neuen Vorlieben fühlt man sich wie ein neuer Mensch

Liebe zur Kunst, Sinn für Ästhetik, Musikgeschmack: All das macht einen Menschen aus. Wer vom Kunstbanausen zum Kunstliebhaber wird, entwickelt damit mehr als nur ein neues Interesse.
Junge Frau bemalt eine Wand mit dem Bild einer FrauLaden...

Stellen Sie sich vor, Ihr Musikgeschmack würde sich dramatisch wandeln. Früher haben Sie klassische Sinfonien und Sonaten geliebt, neuerdings hören Sie Hiphop. Wären Sie dann noch dieselbe Person? Wie sehr hätten Sie sich verändert?

Beträchtlich! So lautete das mehrheitliche Urteil von rund 1300 Erwachsenen, als sie dieses und ähnliche hypothetische Szenarien von einem Forschungsteam der Berliner Humboldt-Universität vorgelegt bekamen. Wie die Gruppe um den Philosophen Joerg Fingerhut berichtet, empfanden sich die Befragten im Mittel nicht mehr als dieselbe Person.

Den Wechsel von Klassik zu Hiphop stuften die Versuchspersonen als ähnlich bedeutsam ein wie eine neue Religionszugehörigkeit und bedeutsamer als etwa eine neue Essensvorliebe. Die Vorstellung von einer neu entdeckten Passion für abstrakte an Stelle von traditioneller Kunst wirkte sich ebenso stark aus. Dabei kam es aber auch darauf an, wie sehr sich die Stile unterschieden: Beispielsweise lagen Rock und Pop nahe beisammen, Klassik und Hiphop weit auseinander. Diese »ästhetische Distanz« zwischen den veränderten Vorlieben hing eng zusammen mit dem Ausmaß, in dem sich die gefühlte Identität wandelte.

Für den Wandermuffel ist es nur ein kleiner Schritt

Als größte Veränderung unter den getesteten Szenarien empfanden die Versuchspersonen die Entwicklung vom Kunstbanausen zum Kunstliebhaber. Bei neuen Freizeitinteressen, zum Beispiel wenn ein ehemaliger Wandermuffel plötzlich begeistert wandern ging, war der Effekt hingegen eher klein. Es spielte keine Rolle, ob es sich um passive oder aktive Vorlieben handelte, etwa Musik zu hören oder selbst Musik zu machen, sagen Joerg Fingerhut und seine Kollegen. »Es ist die Beschäftigung mit Ästhetik, nicht die damit verbundene Aktivität, die das Urteil über die Identität bestimmt.«

Nur warum sind Identität und kulturelle Vorlieben überhaupt miteinander verknüpft? »Vielleicht entspringt die Liebe zur Kunst nicht allein dem Reiz ihrer intrinsischen Merkmale, sondern macht auch eine Aussage über das eigene Selbst«, vermuten die Studienautoren. Zum Beispiel könnten die Vorlieben signalisieren, ob jemand dieselbe kulturelle Identität teile und damit zu einer Gruppe von Gleichgesinnten gehöre.

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