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Soziales Verhalten: Kulturelle Spielregeln

Vertrauen und Skepsis, Kooperation, Schmarotzertum und Bestrafung - was lässt sich nicht alles mit ein paar Münzen erforschen: Mit verschiedenen Spielen suchen Psychologen und Anthropologen die Grundlagen unseres sozialen Miteinanders. Dabei bieten fremde Kulturen mit ihren ganz eigenen Sitten so manche Überraschung.
Geld
"Osotua" entstammt der Maa-Sprache und heißt zunächst einmal schlicht "Nabelschnur". Doch die Massai oder Samburu in Kenia und Tansania verstehen darunter noch etwas anderes, mit weit reichender Bedeutung: ein Beziehungskonzept, das von gegenseitigem Geben und Nehmen geprägt ist – und sich ausschließlich danach richtet, wie groß jeweils der Bedarf ist. So kann es durchaus vorkommen, dass die Unterstützung sehr einseitig verläuft, weil einer der beiden Partner – oder "Isotuatin" – ständig mehr in Bedrängnis ist.

Lee Cronk, Anthropologe an der Rutgers-Universität in New Brunswick, war im Rahmen seiner Feldstudien in Kenia auf das Phänomen gestoßen, das zwar durchaus bekannt, aber noch wenig erforscht ist.
Osotua ist sehr, sehr wichtig
(Lee Cronk)
Dabei bildet es einen zentralen Bestandteil der dortigen Kultur: "Osotua ist sehr, sehr wichtig. Ich war völlig überrascht davon, dass ich meine Interviewpartner nach so vielen Jahren schließlich nach etwas fragte, das sie auch selbst als sehr bedeutend einstuften, nachdem ich sie zuvor jede Menge Sachen gefragt hatte, die ich wichtig fand, aber sie nicht."

Band der Bedürftigkeit

Eine Osotua-Beziehung startet mit der Bitte um einen Gefallen oder ein Geschenk, und zwar nicht aus einer Laune, sondern einer Notwendigkeit heraus, und sie beschränkt sich auf das, was wirklich gebraucht wird. Der Geber spendet freiwillig und von Herzen, aber auch nicht mehr als nachgefragt.
"Ich war völlig überrascht davon, dass ich meine Interviewpartner nach so vielen Jahren schließlich nach etwas fragte, das sie auch selbst als sehr bedeutend einstuften"
(Lee Cronk)
Häufig handelt es sich um Tiere, aber letztendlich ist jedes Gut Osotua-fähig. Der geschlossene Bund währt lebenslang und geht sogar auf die Nachkommen über – es sei denn, einer spielt falsch und versucht, den anderen zu übervorteilen. Das, so erklärte einer von zehn interviewten Massai, könnte eine Osotua beenden. Ein solches Verhalten sei aber völlig undenkbar, schob der Mann sofort nach.

Bedeutsam ist die Betonung auf "dem, was gebraucht wird". Die Isotuatin rechnen ihre Gaben nicht gegeneinander auf und erwarten keine Gegenleistung in vergleichbarer Höhe. Ihrem Denken liegt "Respekt, Zurückhaltung und ein Gefühl von Verantwortlichkeit" zugrunde, so Cronk. Es prägt das soziale Miteinander in einer ganz eigenen, charakteristischen Weise – doch wie tief reicht dieser Einfluss?

Cronk bat Männer seines Untersuchungsgebiet, an einem bei Psychologen altbekannten Spiel teilzunehmen: Ein Teilnehmer hat einen gewissen Betrag zur Verfügung, von dem er einen Teil an seinen Partner abgeben kann. Diesen Teil vervielfacht der Spielleiter und händigt ihn dem zweiten Mitspieler aus, zusätzlich zu dem Grundstock, den dieser auch erhalten hatte. Daraufhin entscheidet der zweite Spieler, wie viel von seinem nun erweiterten Vermögen er an den ersten zurückzugeben will.

Der Wissenschaftler legte den teilnehmenden Männern immerhin einen Tageslohn – umgerechnet einen guten Dollar – auf den Tisch. Dabei bat er die Hälfte seiner Besucher, das Ganze als Osotua zu betrachten und ihm außerdem zu verraten, wie viel sie denn als Gegenleistung von ihren unbekannten Spielpartnern erwarteten. Mit dem eingesammelten Geld reiste er am nächsten Tag zu einem anderen Dorf, um das gesamte Experiment anonym zu gestalten, und hielt dort den zweiten Teil des Spieles ab, wobei er die Osotua-Spenden auch wieder als solche deklarierte. Zurückgekehrt ins Ausgangsdorf, verteilte er am zweiten Tag die Erlöse.

Ergebnis nach Bedarf

Und siehe da: Je nach Vorgabe – ob Osotua oder nicht – fielen die Geschenke recht unterschiedlich aus. Insgesamt hatten die Pseudo-Isotuatin weniger gegeben und weniger erwartet. Allerdings spendeten nur sie in Abhängigkeit von dem, was sie bekommen hatten: War der erhaltene Betrag gering, gaben sie einen höheren zurück; strichen sie viel ein, blieben sie sparsamer – vielleicht hatten sie den Eindruck bekommen, der andere habe nur wenig zur Verfügung und könne daher mehr Hilfe benötigen oder aber schwimme im Geld und brauche daher wenig Unterstützung. Dafür zeigten die Nicht-Osotua-Teilnehmer ein uns bekannteres Bild: Wer viel ausgab, erwartete Vergleichbares zurück. Ein verbreitetes Vertrauen.

"Es wäre falsch, die niedrigeren Transfers und Erwartungen unter Osotua-Bedingungen als Hinweis für geringeres Vertrauen zwischen den Spielern zu sehen", erklärt aber Cronk. Vielmehr bewege sich das Spiel durch die Vorgabe "Osotua" weg von den üblichen Regeln und Logiken für normale Geschäfte und hin zur sozialen Verpflichtung, auf die wirklichen Bedürfnisse des anderen zu reagieren – und nur darauf. Wer hier den kulturellen Hintergrund seiner Versuchsteilnehmer zu wenig berücksichtigt, irrt schnell.
"Es wäre falsch, die niedrigeren Transfers und Erwartungen unter Osotua-Bedingungen als Hinweis für geringeres Vertrauen zwischen den Spielern zu sehen"
(Lee Cronk)
Und gerade Naturvölker werden schließlich gern herangezogen, um ursprüngliche Verhaltensweisen zu untersuchen. Spieltheoretische Studien sollten seiner Meinung nach daher unbedingt von ethnografischer Forschung begleitet werden.

Wie ernst das Osotua-Konzept genommen wird, verdeutlichte einer der Interviewten noch mit einer Geschichte aus der eigenen Familie: Einer seiner Vorfahren namens Kimbai war von zwei Männern einer feindlichen Gruppe getötet worden. Einer der Mörder nahm als Trophäe den "Kriegsgürtel" des Toten an sich. Als sie später bei einem Paar um Essen, Unterkunft und Medizin baten, erkannte die Frau den Gürtel – sie waren mit Kimbai als Isotuatin verbunden. Sie schlachteten ein Schaf für die Besucher, doch vergifteten das Essen, nahmen nach deren Tod den Gürtel wieder an sich und brachten ihn der Familie des Ermordeten. Das damals geschlungene Osotua-Band besteht noch heute.

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