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Inkareich: Lama-Mumien waren diplomatische Geste

Die Mumien von vier lebendig begrabenen Lamas zeigen: Tief in ihrer jüngsten Südprovinz haben die Inka im 15. Jahrhundert keine Kosten und Mühen gescheut, die Götter freundlich zu stimmen. Warum das - und warum dort?
Mumifiziertes LamaLaden...

Die peruanische Ausgrabungsstelle von Tambo Viejo im Süden von Lima hat Inka-Forschern 2018 ein Rätsel aufgegeben: Sie hatten die mumifizierten Überreste von vier prächtig geschmückten und offenbar rituell geopferten Lamas gefunden, die im Erdreich an ausgesuchten Stellen sorgfältig begraben worden waren. Das Opfern von Tieren, besonders das der sehr wertvollen und geschätzten Nutztiere, war im Inkareich nicht ungewöhnlich. Unklar war aber geblieben, wann, warum und warum gerade in der relativen Provinz um Tambo Viejo solche eher protzigen Tieropfer stattfanden. Ein Forscherteam um Lidio Valdez von der University of Calgary hat nach weiteren Untersuchungen der Funde nun eine mögliche Antwort gefunden: Das Opfer sollte eventuell dazu dienen, die lokale Bevölkerung enger an die Inka zu binden, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt »Antiquity«.

Valdez' Team hat unter anderem eine Radiokarbodatierung der Tiere vorgenommen. Demnach sind sie wohl zwischen 1432 und 1459 nach der Zeitenwende getötet worden. Wie es bei den Menschenopfern der Inka vorkam, wurden wohl auch die Lamas lebendig begraben – dies liegt zumindest nahe, da die Körper keine Schnitt- oder Stoßwunden aufweisen. Mit den sorgfältig platzierten Tieren sind zudem Meerschweinchen, Vögel, Mais und Bohnen begraben worden. Das Opferritual dürfte mit einem ausgiebigen Gelage einhergegangen sein.

Geopferte LamasLaden...
Geopferte Lamas | Die Fundstelle der Tieropfer liegt an der Südküste Perus im Acari-Tal. Die Gegend haben die Inka in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts assimiliert – wobei das aufwändige Opfer wohl zur Festigung der Beziehungen zwischen Inka und lokalen Eliten diente.

Die Opferrituale der Inka dienten stets kultischen Zwecken – in Tambo Viejo scheinen die Inka mit der Wirkung aber auch auf die lokale Bevölkerung gezielt zu haben. Während ihr Reich Anfang des 15. Jahrhunderts noch um die Andenkapitale Cusco konzentriert war, dehnte sich der Einflussbereich in den 1430er Jahren auch immer weiter nach Süden aus. Dabei annektierten sie Landstriche nur gelegentlich gewaltsam und überzeugten die lokalen Eliten oft auf friedlichem Weg. Womöglich ist das Opfer von Tambo Viejo eine Überbleibsel solcher Überzeugungsarbeit: Die Inka hatten schließlich wohl nach 1430 das umliegende Acari-Tal assimiliert, wie unter anderem Aufzeichnungen der späteren spanischen Konquistadoren nahelegen.

Das Lama-Opfer scheint sich dann nicht nur an die Götter der Inka, sondern auch als subtile Demonstration an die der lokalen Bevölkerung gerichtet zu haben. So deuten die Forscher zumindest die Fundlage unter der großen Plaza von Tambo Viejo: Drei weiße Lamas könnten dem Sonnengott, ein braunes Lama (und ein paar Meerschweinchen) dem Schöpfergott Viracocha zugedacht gewesen sein. Dass die Inka die wertvollen Tiere vor Ort opferten, diente vielleicht als Kompensation für eine Machtübernahme: Mit dem Opfer, so erklären die Forscher, normalisierten die Inka auf friedliche Weise eine als unnormal empfundene Situation – also etwa die Übernahme eines Landstrichs. Im Regelfall adoptierten die Inka dann im Übrigen auch die Götter der annektierten Gebiete. Die wichtige Gottheit Pacha Kamaq zum Beispiel taucht erst im Götterkanon der Inka auf, nachdem sie von den Ichma die Ursprungsregion des Glaubens übernommen hatten.

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