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Neolithische Revolution: Landwirtschaft machte Menschen erstmals zu Eigentümern

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Es war wohl die größte Umwälzung im Lebensstil, die die Menschheit je mitmachen musste: die neolithische Revolution, die Umstellung vom mobilen Jäger-und-Sammler-Dasein zu einem von Sesshaftigkeit und Landwirtschaft geprägten Leben. Was trieb die Menschen dazu? Allzu einfache Antworten auf diese Frage wurden bereits widerlegt: So sicherte der Ackerbau den ersten Bauern mitnichten ein einfacheres Leben - ihr täglicher Aufwand war höher, der Ertrag gering, die Konzentration auf nur wenige Feldfrüchte führte zu Mangelernährung und brachte ein höheres Risiko von kompletten Ernteeinbußen mit sich.

Samuel Bowles vom Santa Fe Institute und Kollege Jung-Kyoo Choi von der School of Economics and Trade im koreanischen Daegu weisen nun auf ein weiteres Problem der Umstellung hin: Ackerbau und Viehzucht konnten sich ihrer Meinung nach erst etablieren, als die Eigentumsverhältnisse geklärt waren. Denn alles Nötige mit allen zu teilen, wie es Jäger und Sammler praktizieren, hätte angesichts des großen Aufwands der bäuerlichen Nahrungsbeschaffung wenig Erfolg für den Einzelnen gebracht. Niemand päppelt über Jahre ein Zicklein auf, wenn es der Nachbar anschließend "erjagt" und dann großzügig verteilt.

Gleichzeitig, so wenden Bowles und Choi ein, könne eine solche strikte Trennung von Privatbesitz und Allgemeingut allerdings nur in der sesshaften Landwirtschaft aufrechterhalten werden. Die Nahrungsquellen von Jägern und Sammlern erstrecken sich typischerweise über ein so großes Territorium, dass sie nur im Ausnahmefall gegen widerrechtliche Inbesitznahme verteidigt werden können.

Die Autoren gehen daher davon aus, dass sich dieses Henne-und-Ei-Problem nur unter Annahme einer Koevolution von neuem Besitzrecht und Landwirtschaft lösen lässt, die ab einem bestimmten Zeitpunkt zum Selbstläufer wurde. Dies veranschaulichen die beiden Forscher mit Hilfe einer Simulation, für die sie das Aufeinandertreffen von Gruppen mit unterschiedlicher Wirtschaftsweise und Besitzrechtskultur über Generationen und verschiedenen Klimabedingungen modellierten.

Ihr Modell zeigte mehrere stabile Zustände, so etwa auch eine Welt, in der sämtliche Gruppen einem nomadischen Jäger-und-Sammler-Leben nachgehen – das heißt eine Situation, wie sie während des Großteils der Menschheitsgeschichte vorherrschte.

Insbesondere unter günstigen klimatischen Bedingungen könnten jedoch sporadisch auftretende sesshafte Gruppen dauerhaft Fuß fassen und ihre Lebensweise sich dann über viele benachbarte Gruppen ausbreiten. Der Grund dafür könne durchaus in der notwendigen Entwicklung des bauernfreundlichen individualisierten Besitzrechts liegen, vermuten die Forscher: Es helfe der Gruppe als Ganzes dabei, ihren Reichtum abzugrenzen und zu verteidigen. Die institutionalisierte Abgrenzung von Mein und Dein verhindere kostenintensive Konflikte und Ressourcenschwund.

Das Schlüsselereignis, fassen Bowles und Choi zusammen, sei "nicht die 'Erfindung' der Landwirtschaft, sondern der Zufall, der ausreichend viele Individuen zusammenbringt, die sowohl das neue Besitzrecht als auch die neue Technologie annehmen".

20. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20. KW 2013

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