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News: Lange Zeit ohne Arbeit

Das Institut Arbeit und Technik untersuchte die soziale Lage Arbeitsloser und Langzeitarbeitsloser und ihrer Familien in NRW: die Risiken für "neue Armut" und finanzielle Probleme der Betroffenen nehmen zu.
Die hohe Arbeitslosigkeit wird immer häufiger zum Risikofaktor für "neue Armut". Nur knapp 60 Prozent der westdeutschen Arbeitslosen konnten 1995 ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Lohnersatzleistungen wie Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe bestreiten. Fast ein Viertel war auf den Unterhalt Angehöriger angewiesen. Bezogen auf die Zahl der Haushaltsmitglieder verfügten die Arbeitslosenhaushalte im Jahr 1980 noch über 60 Prozent des Durchschnittseinkommens aller Haushalte, 1994 erreichten sie nur noch knapp 52 Prozent. Arbeitslosigkeit ist inzwischen die Hauptursache für den Bezug von Sozialhilfe. Seit 1980 hat sich die Zahl der Arbeitslosenhaushalte in Westdeutschland annähernd vervierfacht und die Zahl der Sozialhilfehaushalte mehr als verdoppelt.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, die das Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) "Zur sozialen Lage Arbeitsloser und Langzeitarbeitsloser und ihrer Familien in NRW" im Rahmen der Landessozialberichterstattung Nordrhein-Westfalen erstellt hat. "Nur wer lange Jahre voll erwerbstätig war und gut verdient hat, ist gegen das Risiko der Arbeitslosigkeit für eine bestimmte Zeit hinreichend finanziell abgesichert. Je geringer das bisherige Einkommen, je kürzer der vorherige Job und je länger bereits die Dauer der Arbeitslosigkeit, desto weniger sind die Betroffenen materiell abgesichert" stellen die IAT-Arbeitsmarktforscher, IAT-Vizepraesident Prof. Dr. Gerhard Bosch und Dr. Alexandra Wagner, fest.

Rund ein Drittel aller registrierten Arbeitslosen erhält seit Jahren weder Arbeitslosengeld noch Arbeitslosenhilfe. Starke finanzielle Einbussen müssen vor allem Langzeitarbeitslose hinnehmen, da sie nach dem auf ein Jahr befristeten Anspruch auf Arbeitslosengeld nur noch die niedrigere Arbeitslosenhilfe bzw. wegen fehlender "Bedürftigkeit" noch nicht einmal diese erhalten. Im September 1995 bezogen in NRW nur 21 Prozent der Langzeitarbeitslosen Arbeitslosengeld. Mehr als ein Drittel der Langzeitarbeitslosen erhielt keinerlei Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, Frauen bezogen seltener und deutlich niedrigere Leistungen als Männer. Jugendliche, die noch keinen Anspruch erwerben konnten, sind entweder auf Unterhalt ihrer Eltern oder auf die Sozialhilfe angewiesen.

Die Einkommen von Arbeitslosenhaushalten sind in den letzten Jahren deutlich gesunken. Neben den abgesenkten Leistungssätzen der Arbeitslosenversicherung könnte die zunehmende Langzeitarbeitslosigkeit (wegen der niedrigeren Arbeitslosenhilfe und der dann erfolgenden Bedürftigkeitsprüfung) ein Grund dafür sein, vermuten die IAT-Arbeitsmarktforscher. Haushalte, in denen Langzeitarbeitslose leben, sind gegenüber Haushalten Kurzzeitarbeitsloser finanziell schlechter gestellt.

Die besonders problematische Langzeitarbeitslosigkeit wird zudem in der Statistik starkt unterzeichnet, stellt die IAT-Studie fest. Wie eine vom IAT vorgenommene Sonderauswertung des Mikrozensus 1995 ergab, stellen Personen, die bereits länger als 12 Monate arbeitslos waren, in NRW nicht 38 Prozent des Arbeitslosenbestandes – wie in der offiziellen Statistik für September 1995 ausgewiesen – , sondern mit 51 Prozent bereits mehr als die Hälfte. Ursache dafür ist die offizielle Erfassungsmethode, nach der schon Arbeitslose, die nur wenige Tage einen Gelegenheitsjob haben oder krank sind, aus der Statistik herausfallen, damit nicht mehr als arbeitslos gelten und also auch keine Ansprüche an die Arbeitslosenversicherung mehr anmelden können.

Die Arbeitsmarktpolitik muß in dieser Situation dringend handeln. Vor allem Langzeitarbeitslosigkeit hat für die soziale Situation und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt einschneidende Folgen. Die Reintegration Langzeitarbeitsloser in das Erwerbsleben wird erheblich schwieriger und – aufgrund notwendiger Requalifizierung und sozialpädagogischer Begleitung – auch teurer. "Eine präventive Arbeitsmarktpolitik sollte deshalb möglichst frühzeitig ansetzen und eine dauerhafte Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt möglichst gar nicht erst zulassen", fordern die IAT-Arbeitsmarktforscher.

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