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Verhaltensforschung: Langer Schlafentzug für neugeborene Wale und Delfine

Junge Schwertwale (Orcinus orca) und Große Tümmler (Tursiops truncatus) bleiben während ihres ersten Lebensmonats beständig wach und schlafen auch in den folgenden Wochen wesentlich weniger als erwachsene Artgenossen. Ihre Mütter ruhen während dieser Zeit ebenfalls nur in sehr geringem Umfang, jedoch immerhin etwas mehr als ihr Nachwuchs.

Erst nach vier Wochen zeigen Mutter und Kind steigenden Schlafkonsum; sie erreichen aber die arttypische Dauer erst nach mehreren Monaten und ohne dass es dabei zu ausgedehnten Ruhephasen käme, die den voran gegangenen Schlafentzug überkompensieren könnten. Das ergaben Beobachtungen mehrerer Neurobiologen um Oleg Lyamin von der Universität von Kalifornien in Los Angeles an zwei weiblichen Schwertwalen nebst Nachkommen im SeaWorld-Aquarium in San Diego sowie vier Tümmlern und ihren Neugeborenen in der Utrish-Forschungsstation für Meeressäuger am Schwarzen Meer Russlands.

In den ersten beiden Monate nach der Geburt hielten die Delfinmütter nur während knapp 0,4 Prozent des Tages ein oder beide Augen geschlossen, registrierten die Forscher. Die Jungtiere erreichten immerhin einen Wert von etwa 1,5 Prozent, schlossen aber immer nur ein Auge für maximal dreißig Sekunden und richteten das andere auf ihre Mutter. Diese allerdings konnte es sich zumindest nach drei bis vier Wochen zeitweise erlauben, ohne Aktivität ruhend an der Wasseroberfläche zu treiben.

Erhöhte körperliche und nervliche Belastung war für diesen Schlafentzug nicht verantwortlich, denn Blutproben der Tiere vor und nach der Geburt ergaben keine erhöhten Konzentrationen des Stresshormons Kortisol. Auch als kinderlosen Individuen Kortisol sowie Oxytozin – ein Hormon, dessen Gehalt im Blut mit Geburt und Stillzeit zunimmt – gegeben wurde, veränderte sich deren Ruheverhalten nicht: Sie schliefen weiterhin normal lange.

Im Gegensatz zu anderen Säugetieren führt dieser ausgeprägte Schlafmangel jedoch nicht zu Schäden für die Tiere: Gerade die Neugeborenen profitieren davon, denn er verringert die Gefährdung durch Beutegreifer, hält den Kreislauf beständig im Gang und damit die Körpertemperatur ausreichend hoch, bis sich eine isolierende Fettschicht entwickelt hat. Zudem ermöglicht er schnelles Wachstum von Körper wie Gehirn und verhindert zuallererst das Ertrinken, denn die Neugeborenen müssen wesentlich häufiger auftauchen und atmen als erwachsene Wale und Delfine.

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