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Geistiger Abbau: Langes Fernsehen schadet dem Gedächtnis

Macht TV-Konsum dumm? Abgesehen von bestimmten Sendungen scheint das auch generell zu stimmen - zumindest ab einem bestimmten Alter und gewisser Konsumdauer.
Senior schaut fernLaden...

»Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger« ist ein Zitat, das unter anderem Marcel Reich-Ranicki zugeschrieben wird. Und angesichts der Spannweite zwischen dem »Bachelor« und »titel, thesen, temperamente« mag darin mehr als ein Körnchen Wahrheit verborgen sein. Aber kann man das tatsächlich messen? Daisy Fancourt und Andrew Steptoe vom University College London haben versucht, dies zumindest für Menschen über 50 zu ergründen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in »Scientific Reports«. Sie konnten zeigen, dass es zumindest eine Korrelation zwischen der Länge des Glotzens und einer Verschlechterung des verbalen Gedächtnisses gibt: Wer im Verlauf der Studie täglich mehr als 3,5 Stunden vor dem TV-Gerät saß, wies einen stärkeren Abbau in diesem Bereich auf als die Vergleichsgruppen.

Ausgewertet wurden dafür die Daten von rund 3600 Personen über 50 Jahre aus der »English Longitudinal Study of Aging«, die zu Beginn der Studie keine Demenzanzeichen aufwiesen. Das Resultat blieb dabei auch noch bestehen, nachdem Fancourt und Steptoe bestimmte Einflussfaktoren wie Geschlecht, Alter, sozialen Stand und Ausbildung sowie gesundheitliche Daten wie den Tabak- und Alkoholkonsum herausgerechnet hatten. Zudem werteten sie die Ergebnisse dagegen ab, wie viel Zeit die Probanden überhaupt mit Sitzen verbringen: Bewegungsmangel fördert den kognitiven Abbau ebenfalls. Doch selbst dann blieb das Resultat noch robust. Die beiden Wissenschaftler gehen also davon aus, dass der reine Fernsehkonsum schon den Verlust des verbalen Gedächtnisses zumindest mit bedingt.

Dennoch ist das Ergebnis bislang nur eine Korrelation; einen ursächlichen Zusammenhang gibt es nicht wieder. Rosa Sancho vom Alzheimer's Research UK bemängelt gegenüber dem britischen »Science Media Center« beispielsweise, dass nicht weiter verfolgt wurde, ob bei manchen derjenigen Teilnehmer, die viel ferngesehen hatten, in der Folgezeit tatsächlich Demenz diagnostiziert wurde. Auch wurde nicht untersucht, ob sich wirklich Hirnregionen verändert hatten, die mit dem verbalen Gedächtnis zusammenhängen. Frühere Studien zum Fernsehkonsum und der Hirnentwicklung beobachteten derartige Folgen, so Bob Patton von der University of Surrey ebenfalls gegenüber dem »Science Media Center«.

Das verbale Gedächtnis erfasst sprachliche Botschaften und verarbeitet diese Informationen – etwa gesprochene oder geschriebene Ortsangaben. Ein Verlust oder Abbau des verbalen Gedächtnisses kann also unter Umständen zu Orientierungslosigkeit führen. Zahlreiche Studien haben schon darauf hingewiesen, dass Bewegung und Abwechslung selbst noch im hohen Alter förderlich ist und den geistigen Verfall zumindest bremst.

16/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2019

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