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Einsteins Wegbegleiter: Leben mit der Bombe

Heute vor genau 60 Jahren wurde die erste Atombombe auf dem Testgelände von New Mexico gezündet. Zwei hoch angesehene Wissenschaftler kämpften bis zu ihrem Tode vehement gegen deren Verbreitung – Albert Einstein und Bertrand Russell.
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"Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten werden die Menschen mit Stöcken und Steinen kämpfen", prognostizierte Albert Einstein. Sein Engagement gegen Krieg und Massenvernichtungswaffen erinnert ein wenig an Goethes Zauberlehrling: "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los..." Schließlich gilt Einstein als geistiger Vater der Atombombe, die auf eindrucksvolle Weise die Gültigkeit seiner berühmten Formel E=mc2 bestätigt.

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb Einstein zusammen mit dem Physiker Leo Szilard einen Brief an Franklin D. Roosevelt. Darin wiesen sie den damaligen amerikanischen Präsidenten darauf hin, dass Nazi-Deutschland möglicherweise eine Atombombe bauen könne. Wenige Monate nach dem Blitzkrieg gegen Polen wandte sich Einstein erneut in dieser Angelegenheit an Roosevelt. Im November 1941 startet dann das Manhattan-Projekt. Einstein – obwohl später Berater der US Navy für hochexplosive Sprengstoffe – wurde am Bau der Atombombe jedoch nicht beteiligt. Als eher links orientierter Deutschstämmiger galt er den amerikanischen Sicherheitsbehörden, die ihn seit geraumer Zeit auf dem Kieker hatten, als Sicherheitsrisiko.

Einsteins Meinungswandel

Unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands besannen sich Einstein und Szilard. Sie versuchten den Präsidenten davon zu überzeugen, die Massenvernichtungswaffe niemals einzusetzen. Gleichwohl lief die Kriegsmaschinerie bereits auf Hochtouren – frei nach dem Motto aus dem Lied Glaub an dich von Klaus Hoffmann: "Wofür üben die denn, mal muss doch Premiere sein..."

Am 16. Juli 1945 – vor genau 60 Jahren also – war es dann so weit. In der Einöde der Wüste von New Mexico wurde der erste nukleare Sprengkopf gezündet. Als zweiter "Test" war Hiroshima vorgesehen. Und so warf am 6. August 1945, kurz nach acht Uhr morgens, ein amerikanisches Kampfflugzeug auf Befehl des nun regierenden amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman die erste Atombombe auf die japanische Hafenstadt ab. Der Sprengkörper zerstörte vier Fünftel des Ortes. Bis zu 200 000 Menschen kamen auf einen Schlag ums Leben oder starben nach jahrelangem Siechtum. Als Einstein von der Zerstörung Hiroshimas erfuhr, soll er geseufzt haben: "Oh, weh. Und das war's." Drei Tage später traf eine noch stärkere Bombe Nagasaki. Japan kapitulierte.

Damit begann Einsteins lebenslanger engagierter Kampf gegen die Verbreitung dieser Massenvernichtungswaffen. An seiner Seite wusste er viele Gleichgesinnte. Einer der Entschiedensten war der britische Philosoph und Mathematiker Earl Bertrand Arthur William Russell.

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Bertrand Russell | Bertrand Russell im hohen Alter
Ein pazifistischer Earl

Die Lebensdaten des adligen Nobelpreisträgers für Literatur und Inhaber des britischen Order of Merit lesen sich wie ein Gag von Loriot: Geboren am 18. Mai 1872 bei Ravenscroft in der walisischen Gemeinde Monmouthshire; gestorben am 2. Februar 1970 im walisischen Penrhyndeudraeth. Zusammen mit Kurt Gödel gilt Russell als einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts und als einer der Begründer der Analytischen Philosophie.

Bekannt ist Russell beispielsweise durch seine Arbeiten zur Mengenlehre insbesondere durch ein nach ihm benanntes Paradoxon. Es tritt auf, wenn man die Menge aller Mengen betrachtet, die sich nicht selbst enthalten. Eine populäre Version des Paradoxons ist die Geschichte eines Barbiers, der behauptet, dass er alle Männer im Ort rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Wer aber rasiert dann den Barbier?

Wegen seiner pazifistischen Überzeugung verlor Russell gleich zweimal seine Anstellungen an Universitäten: So verbüßte er für sein Eintreten für Gewaltlosigkeit im Jahr 1918 eine sechsmonatige Haftstrafe und flog zudem vom Trinity College in Cambridge. Einige Jahre später erlitt er am New Yorker City College ein ähnliches Schicksal.

Die drei bedeutendsten Männer: Einstein und Lenin

Wie der Philosoph den genialen Physiker kennenlernte, ist nicht genau überliefert. Es heißt aber, dass Russel einmal nach den drei bedeutendsten, lebenden Männern befragt worden sein soll, worauf er antwortete: "Einstein und Lenin. Sonst niemand!", was Einstein im Jahr 1922 eine gut bezahlte Vortragsreise nach Japan einbrachte (Lenin war zu der Zeit in Russland "unabkömmlich") – für den begnadeten Naturwissenschaftler damals eine willkommene Gelegenheit, den politischen Turbulenzen in Deutschland zumindest für eine Weile den Rücken zu kehren.

Einige Jahre später – als der große Physiker bereits aus Deutschland in die Vereinigten Staaten geflohen war – trafen sich Russell und Einstein einmal wöchentlich in Princeton, um zusammen mit Wolfgang Pauli und Kurt Gödel Gedanken auszutauschen.

In einer Sache waren sich die vier stets einig: Nach dem Sieg über Deutschland sollte es nie wieder Krieg zwischen den Großmächten geben. Ein solcher liefe nach ihrer Ansicht zwangsläufig auf den Einsatz von Kernwaffen hinaus, was die Existenz jeglichen Lebens auf der Erde bedrohe. Daher setzten sich Russell und Einstein immer wieder öffentlich für den Frieden und für Völkerverständigung ein, auch wenn sie dadurch oft in Misskredit gebracht wurden.

FBI beobachtet Atomwaffengegner

Als Paul Weyland – ein alter Widersacher Einsteins aus Berliner Zeiten – den Ausnahmephysiker nach dem Krieg denunzierte, griff FBI-Chef John Edgar Hoover die Vorwürfe gerne auf. Er beschuldigte Einstein der Spionage für die Sowjets. In einer Notiz für Hoover aus dem Jahre 1950 liest sich das so: "Die Behörde glaubt, dass Professor Einstein ein extrem Radikaler ist." Seine Berliner Wohnung sei ein Zentrum für Kommunisten gewesen und linker Versammlungsort. Das Federal Bureau of Investigation legte nach und nach eine mehr als 1800 Seiten starke Akte über das Physikgenie an, die erst nach seinem Tode geschlossen wurde.

Das alles hinderte Einstein und Russell nicht daran, sich immer wieder für die Verfolgten der McCarthy-Ära einzusetzen. Dessen berühmtestes Opfer war wohl Robert Oppenheimer. Als dieser sich weigerte, am Bau der Wasserstoffbombe teilzunehmen, und sich stattdessen für Rüstungskontrollen einsetzte, warf der Untersuchungsausschuss dem ehemaligen Leiter des Manhattan-Projekts ebenfalls Spionage für die Sowjets vor.

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Verlesung des Russell-Einstein-Manifests | Am 9. Juli 1955 verliest Bertrand Russell das von ihm und Albert Einstein ins Leben gerufene Manifest für Frieden und Völkerverständigung.
Einsteins letzter Brief

Einsteins letzter öffentlicher Aufruf zu Frieden und Völkerverständigung ging auf eine Initiative seines langjährigen Mitstreiters Russell zurück. Der walisische Gelehrte bat den einflussreichen Physiker einen Appell mit zu formulieren, der der Weltöffentlichkeit und den Politikern den Irrsinn eines Atomkrieges verdeutlichen sollte. Einstein unterzeichnete das nach den beiden Friedensaktivisten Russell-Einstein-Manifest genannte Dokument am 11. April 1955. Es war sein letztes Schreiben. Als der englische Wegbegleiter den Brief in seinen Händen hielt, war das Jahrhundertgenie bereits an inneren Blutungen gestorben.

Ein kanadisches Fischerdorf wird Zentrum der Kriegsgegner

Das Manifest – von zehn weiteren angesehenen Wissenschaftlern unterzeichnet, darunter Max Born, Leopold Infeld, Hideki Yukawa und Józef Rotblat – gab den Startschuss zur ersten Friedens-Konferenz in dem kleinen kanadischen Fischerdorf Pugwash. Seit diesem Treffen im Jahre 1957, das Russell noch persönlich mitorganisierte, kamen mittlerweile über zehntausend renommierte Wissenschaftler auf nahezu 300 internationalen Pugwash-Konferenzen und -Workshops zusammen, um Fragen der atomaren Bedrohung sowie Probleme der globalen Sicherheit zu diskutieren.

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Szilard Rotblat auf der ersten Pugwash-Konferenz | 1957 fand in einem kleinen kanadischen Fischerdorf Pugwash die erste von Bertrand Russell organisierte Friedens-Konferenz statt. Den Startschuss dazu gab das Russell-Einstein-Manifest. Szilard Rotblat – hier im Bild – Mitunterzeichner des Manifests erhielt 1995 stellvertretend für die Pugwash-Bewegung den Friedensnobelpreis.
Die von Russel begründete Pugwash-Friedensbewegung hatte entscheidenden Anteil am Atomwaffenteststopp im Jahre 1963 und dem Atomwaffensperrvertrag, den die Großmächte im Juli 1968 unterzeichneten. Fünfzig Jahre nach Hiroshima und Nagasaki, wurde daher Joseph Rotblat, der einzig noch lebende Unterzeichner des Russell-Einstein-Manifests, im Jahre 1995 stellvertretend für die Pugwash Conferences on Science and World Affairs – wie sie genau heißen – mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Russell blieb stets ein Mahner für Frieden und Abrüstung. So rief er im Jahre 1963 gemeinsam mit Jean-Paul Sartre ebenso das Vietnam-Tribunal gegen die USA ins Leben. Sein Name ist untrennbar verknüpft mit dem Leitgedanken der Verantwortung von Wissenschaft und Forschung.

Die Verbreitung der Massenvernichtungswaffen konnte er freilich nicht verhindern. Sechzig Jahre nach Zündung der ersten nuklearen Feuerglut in der Wüste von New Mexico teilen sich nahezu ein Dutzend Staaten fast 30 000 atomare Sprengköpfe. Jeder von ihnen hat eine weitaus höhere Zerstörungskraft als die Bombe auf Hiroshima.

Dennoch verlor Russell nie seinen Humor. So behauptete er bis zu seinem Tode im Jahr 1970: "Ich glaube übrigens, dass das gesamte Universum mitsamt allen unseren Erinnerungen, Theorien und Religionen vor 20 Minuten vom Gott Quitzlipochtli erschaffen wurde. Wer kann mir das Gegenteil beweisen?"
16.07.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.07.2005

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