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News: Lebendes Insekten-Mammut

Vorläufig tauften sie es "Gladiator" - das räuberische Insekt, das vor kurzem von Wissenschaftlern in der freien Natur von Namibias Bergen entdeckt wurde. Das Insekt ähnelt einer Mischung aus Stabschrecke und Gottesanbeterin, aber genau konnten es die Forscher keiner bekannten Insektengruppe zuordnen. Zur zoologischen Klassifizierung musste für den "Gladiator" also erst eigens eine völlig neue Insektenordnung geschaffen werden - die erste seit 87 Jahren.
Es sollte ein Volltreffer werden für Oliver Zompro und die anderen Teilnehmer einer buntzusammengewürfelten Insektenforscher-Gruppe aus Afrika, Europa und USA: die Expedition zu den Brandberg Mountains in der Erongo-Provinz von Namibia. Um den fast 2600 Meter hohen Inselberg, einen Nationalpark mit einmaligen Felszeichnungen, findet man Tierarten, die nirgendwo sonst vorkommen. Hier vermuteten die Expeditionsteilnehmer auch den "Gladiator" – eine bislang noch nicht beschriebene Insektenart. Zompro, Doktorand am Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön, hatte Insekten wie die in Namibia lebendig gesuchten schon im vergangenen Jahr gefunden – allerdings tot, in 45 Millionen Jahre altem Bernstein.

Die in Bernstein gemeinsam mit einer neuen Familie der Stabheuschrecken eingeschlossenen Insekten konnte Zompro schon damals keiner bekannten Insektenordnung zuschreiben. Das weckte seinen Forscher-Ehrgeiz: Er machte sich auf die Suche nach weiteren Exemplaren.

Die nächste Spur fand er im Britischen Museums für Naturkunde in London – ein genadeltes Insekt, das 1950 in Tansania gesammelt worden war und über ein Museum in Schweden nach London gelangt war. Diesem Insekt wiederum sehr ähnlich war ein erwachsenes Insekten-Männchen aus einem weiteren Bernstein, den der Forscher von einem Privaten Sammler erhalten hatte – und ein ähnlich aussehendes erwachsenes Weibchen, gesammelt in Namibia zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Vergleiche dieser Tiere ließen keinen Zweifel mehr: Es musste sich um Vertreter einer neuen Insektenordnung handeln – der ersten Neuschöpfung seit den Zoraptera im Jahre 1913 und den Grylloblattodea im Jahr 1915.

Unterstützung bei der Untersuchung von Morphologie und Anatomie der Museums- und Bernstein-Exemplare, und ihrer Abgrenzung zu den bis dahin bekannten Insektenordnungen leisteten Klaus-Dieter Klass und Niels Peder Kristensen vom Zoologischen Museum in Kopenhagen. Ihre Detailstudien bestätigten zweifelsfrei, dass es sich um eine bislang unbekannte Ordnung handeln muss. Die genaue Einordnung der im Museum gesammelten Gattung Mantophasma und der etwas kleineren Gattung Raptophasma aus dem Bernstein in das System der Insekten erfolgte aber noch nicht.

Es begann die weltweite Suche nach weiteren Vertretern der rätselhaften Insektengruppe. Fotos der beiden Museumsexemplare wurden an Museen und Wissenschaftler geschickt, mit der Bitte um Nachforschung nach weiterem Sammlungsmaterial.

Eugène Marais vom National Museum of Namibia in Windhuk reagierte, und schickte einen Hinweis, nach dem zwei ähnlich aussehende Tiere 1990 und 2001 in Namibia gefunden worden seien. Die beiden Exemplare repräsentierten tatsächlich zwei weitere neue Arten einer dritten neuen Gattung und bestätigten gleichzeitig, dass Vertreter der neuen Insektenordnung bis heute überlebt haben – über mindestens 45 Millionen Jahre. Wie sich herausstellte, hatten bereits Wissenschaftler der University of Leeds und des Museums Windhuk bei gemeinsamen Expeditionen zwischen 1998 und 2000 Exemplare dieser Insektenart am Brandberg in Namibia gefunden. Um diese Funde zu bestätigen, wurde jetzt erneut eine Expedition zum Brandberg durchgeführt.

Mit Erfolg: Das internationale Expeditionsteam wurde ebenfalls fündig. Nicht nur am Brandberg, sondern auch am Kuduberg im Erongo-Gebirge entdeckten sie lebende "Gladiatoren" und auch Vertreter einer weiteren Art. Eine neue Ordnung wurde endgültig aus der Taufe gehoben: die Manthophasmatodea.

An den gesammelten "Gladiatoren" werden inzwischen an der University of Leeds und der Brigham Young University erste DNA-Analysen durchgeführt, um die genaue Zuordnung der Ordnung zum Stammbaum der Insekten zu klären. Mit den Mantophasmatodea erhöht sich die Zahl der weltweit bekannten Insektenordnungen auf 31 – und obwohl jährlich immer noch zahlreiche weitere Arten gefunden und beschrieben werden, ist es die erste neubeschriebene Ordnung seit 87 Jahren. Ihre Entdeckung ist für Insektenforscher wie Piotr Naskrecki von der Invertebrate Diversity Initiative so aufregend, "als würde man heute ein Mammut oder einen Säbelzahntiger finden".

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