Lebenshilfe: Wie hilfreich sind populäre Psychoratgeber?

Vor mehr als 50 Jahren forderte der damalige Präsident der American Psychological Association, George Miller, seine Kolleginnen und Kollegen dazu auf, »die Psychologie abzugeben«. Damit meinte er freilich nicht, das Fach an den Nagel zu hängen. Vielmehr ging es ihm darum, psychologisches Wissen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Miller war überzeugt: Wenn mehr Menschen verstehen, wie Psychologie funktioniert, lassen sich viele gesellschaftliche Probleme besser angehen.
In den Jahrzehnten nach seinem Appell machten sich Psychologinnen und Psychologen mit beinahe missionarischem Eifer daran, ihre Erkenntnisse einem breiten Publikum zu vermitteln. Bücher für Menschen ohne Fachkenntnisse erschienen in immer kürzeren Abständen. Hinzu kamen unzählige populäre Magazine, Blogs, TED-Talks, Podcasts und Kurzvideos.
Der Weg der Psychologie in die Öffentlichkeit war ein voller Erfolg. Bereits 1995 kam die Historikerin Ellen Herman in ihrem Buch »The Romance of American Psychology« über die gesellschaftliche Rolle der Psychologie im Nachkriegs-Amerika zu dem Schluss: Psychologische Einsicht ist das Glaubensbekenntnis unserer Zeit. Heute dürfte dieser Satz sogar noch treffender sein als damals. Psychologen und Psychologinnen wie die US-Amerikanerin Brené Brown von der University of Houston machen psychologisches Wissen auf allen erdenklichen Kanälen alltagstauglich – und begeistern damit Millionen.
»Der Weg der Psychologie in die Öffentlichkeit war ein voller Erfolg«
Diese Entwicklung betrachten andere kritisch. Der US-Journalist Jesse Singal etwa stellt in seinem Buch »The Quick Fix« grundlegende Fragen: Kann Alltagspsychologie unser Leben wirklich verbessern? Oder stützt sie sich auf wissenschaftlich fragwürdige Annahmen und macht uns am Ende nur selbstbezogener und unzufriedener?
Verständlich und praxistauglich
Unter Populärpsychologie – kurz Pop-Psychologie – versteht man alle Versuche, psychologische Ideen für ein breites Publikum verständlich aufzubereiten. Wie jede wissenschaftliche Disziplin hat auch die Psychologie ihre eigene Sprache. Die Pop-Psychologie bringt sie in eine Form, die auch Menschen ohne Fachkenntnisse verstehen. Gleichzeitig zeigt sie, wie sich psychologische Erkenntnisse im Alltag anwenden lassen. Je nach Zielgruppe tritt sie in unterschiedlichen Formen auf.
Die erste Form ist im Grunde klassische Wissenschaftskommunikation. Im Mittelpunkt stehen Denken, Fühlen und Verhalten. Bücher, Podcasts oder Dokumentationen bringen einem interessierten Publikum neue Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung näher. Häufig stammen sie von Wissenschaftlern oder Wissenschaftsjournalisten. Prominente Beispiele sind die Bücher »Schnelles Denken, langsames Denken« des Kognitionspsychologen und Nobelpreisträgers Daniel Kahneman (1934–2024), »Denken hilft zwar, nützt aber nichts« von Verhaltensökonom Dan Ariely oder »Angst« von Hirnforscher Joseph E. LeDoux.
Coaching ohne Coach
Die zweite Form ist praxisorientierter. Sie richtet sich an Menschen, die nach konkreter Hilfe für den Alltag suchen. Solche Formate stammen häufiger von praktizierenden Psychologinnen und Psychologen als von Forschenden und stützen sich oft nur lose auf den aktuellen Forschungsstand. Dazu gehören Ratgeber, die versprechen, uns zu besseren Führungskräften oder Liebespartnern, zu kompetenteren Eltern oder erfolgreicheren Menschen zu machen. Sie richten sich an alle, die glücklicher, schlanker, fitter, wohlhabender, klüger, attraktiver oder produktiver sein möchten.
Eine dritte Form der Pop-Psychologie wendet sich an Menschen mit psychischen Problemen. Auch sie bietet praktische Hilfe, verfolgt aber ein anderes Ziel: Sie will psychisches Leiden lindern und Einschränkungen im Alltag verringern. Während die zweite Kategorie also eine Art Coaching ohne Coach verspricht, bietet die dritte eine Form der Selbsttherapie. Sie weckt die Hoffnung, Depressionen, Ängste oder andere psychische Probleme eigenständig überwinden zu können.
Das Geschäft mit der Selbstoptimierung
Die beiden zuletzt genannten Kategorien sind Teil der riesigen Selbsthilfebranche. Allein in den USA werden mit Selbsthilfeangeboten jedes Jahr rund zwölf Milliarden US-Dollar (ungefähr 10,5 Milliarden Euro) umgesetzt, angetrieben vom unstillbaren Wunsch vieler Menschen, sich ständig weiterzuentwickeln.
Nicht jede Form der Pop-Psychologie ist Selbsthilfe – man denke an die erste Kategorie. Und längst nicht jedes Selbsthilfebuch wurde von einem Psychologen oder einer Psychologin verfasst. Dale Carnegie, Autor des Bestsellers »Wie man Freunde gewinnt«, war Verkäufer, Schauspieler und Rhetoriktrainer; das Buch »Hühnersuppe für die Seele« von Jack Canfield und Mark Victor Hansen setzt bewusst auf inspirierende Geschichten gewöhnlicher Menschen statt auf Expertenrat. Mittlerweile verkauft das Unternehmen, das die Bestseller-Reihe herausgibt, auf seiner Website auch Tierfutter.
Andere Selbsthilfebücher bieten Alltagsweisheiten, spirituelle Lebenshilfe oder Programme nach dem Zwölf-Schritte-Prinzip, das ursprünglich die Anonymen Alkoholiker entwickelt haben. International bekannte Autoren sind etwa der Geistliche Norman Vincent Peale (»Die Kraft des positiven Denkens«), der Religionspädagoge Stephen R. Covey (»Die 7 Wege zur Effektivität«) oder der Psychiater M. Scott Peck (»Der wunderbare Weg«).
In jüngerer Zeit ist die schon erwähnte Brené Brown mit »Führung wagen«, »Die Gaben der Unvollkommenheit« und »Verletzlichkeit macht stark« sowie weiteren Büchern zu einer der einflussreichsten Stimmen der Selbsthilfebewegung geworden. Ihre Bücher drehen sich um Themen wie Mut, Verletzlichkeit und Scham. Ihre Botschaft: Wer bereit ist, sich emotional zu öffnen und den eigenen Ängsten zu begegnen, kann erfolgreich sein, Liebe finden und persönlich wachsen. Solche Grundgedanken finden sich nicht nur in der Psychologie. Brown untermauert ihre Thesen jedoch mit eigenen qualitativen Studien zum Schamerleben von Frauen. In ihrer Scham-Resilienz-Theorie beschreibt sie Scham als soziales Phänomen, das man überwinden könne. Ihr TED-Talk über Vulnerabilität wurde inzwischen mehr als 70 Millionen Mal angeschaut.
Verweis auf den Doktortitel
Pop-Psychologie bietet reichlich Angriffsfläche für Kritik. Vor allem psychologische Selbsthilferatgeber versprechen häufig einfache Antworten auf komplexe Fragen und können durch aufgeblähten Jargon sowie unerschütterlichen Optimismus unangenehm aufstoßen. Manche Bücher des Segments haben mit solider Wissenschaft nichts zu tun. Dennoch wollen sie den Anschein wissenschaftlicher Seriosität erwecken – etwa durch den Verweis auf den Doktortitel der Autorin oder des Autors.
»Manche Bücher des Segments haben mit solider Wissenschaft nichts zu tun«
Doch selbst wenn Pop-Psychologie auf Forschungsergebnissen beruht, kann dieses Fundament erstaunlich wackelig sein. Der Journalist Jesse Singal zeigt in »The Quick Fix«, dass sich manch viel zitierter Befund in Wiederholungsstudien nicht bestätigte. Andere Ergebnisse erwiesen sich zwar als belastbar, ihre Aussagekraft wurde jedoch deutlich überschätzt. Vor allem wenn es um Selbstwert, Beharrlichkeit, Resilienztrainings, implizite Voreingenommenheit oder Kraftposen – sogenannte »Power Poses« – geht, ist die öffentliche Begeisterung oft größer als die wissenschaftliche Evidenz.
Pop-Psychologie blendet häufig die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus, die unseren Möglichkeiten Grenzen setzen. Weil sie den Blick auf den Einzelnen richtet, geraten notwendige strukturelle Reformen in der Gesellschaft leicht aus dem Blick. Ein weiterer Kritikpunkt: Der starke Fokus auf das »Ich« kann dazu führen, dass sich Menschen immer mehr mit sich selbst beschäftigen. Das kann das Streben nach unerreichbarer Perfektionbefeuern, wie es der britische Autor Will Storr in seinem Buch »Selfie« beschreibt. So droht die Suche nach Selbstoptimierung genau das Gegenteil dessen zu bewirken, was sie eigentlich verspricht.
»Der starke Fokus auf das ›Ich‹ kann dazu führen, dass sich Menschen immer mehr mit sich selbst beschäftigen«
Allerdings: So berechtigt die Einwände gegen die Pop-Psychologie auch sein mögen – manche Kritik geht zu weit. Oft schwingt dabei eine gewisse Überheblichkeit mit, als seien populärpsychologische Bücher nur etwas für Menschen, die weniger klug, schwächer oder leichter zu beeinflussen sind als man selbst. Ähnlich herablassend ist das Klischee vom Menschen, der ein Selbsthilfebuch nach dem anderen liest, in der verzweifelten, letztlich aber vergeblichen Suche nach Glück und Erfolg.
Wann Pop-Psychologie hilft
Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass die Suche so aussichtslos gar nicht ist. Hoffnung macht vor allem die sogenannte Bibliotherapie, bei der die Lektüre von Büchern oder Gedichten helfen soll, psychische Beschwerden zu lindern. Manche Menschen lesen allein, andere in einer Gruppe. Mal begleitet eine Therapeutin oder ein Therapeut die Lektüre, mal nicht. Gelesen wird alles Mögliche – nicht nur Selbsthilferatgeber, sondern auch Romane, Gedichte oder Kurzgeschichten. Die Rutgers University in New Jersey hat eine Literaturliste und Ideen zum Nachdenken darüber zusammengestellt.
Mehrere große Übersichtsarbeiten zeigen: Bibliotherapie kann beispielsweise bei Depressionen, Angststörungen und sexuellen Funktionsstörungen helfen. Eine Auswertung von Studien deutet darauf hin, dass die positiven Effekte bei Erwachsenen mit Depressionen langfristig anhalten können.
Selbst wenn Betroffene ohne fachliche Begleitung lesen, könnte Bibliotherapie bei Depressionen ähnlich wirksam sein wie eine Standardbehandlung. Noch bessere Ergebnisse erzielt sie allerdings, wenn eine Therapeutin oder ein Therapeut den Prozess begleitet. Dann ist ihre Wirksamkeit der einer klassischen Psychotherapie im Einzelsetting womöglich nahezu ebenbürtig.
Vieles spricht also dafür, dass Bibliotherapie eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit zur Linderung psychischer Beschwerden sein kann, vor allem wenn Menschen dabei nicht auf sich allein gestellt sind. Sollte sich das bestätigen, könnte der Boom der Pop-Psychologie an dieser Stelle tatsächlich etwas Positives bewirken – ganz so, wie es sich George Miller erhofft hatte.
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