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Fortpflanzung: Lebenslust

Ein Wirbeltier, das wie soziale Insekten in einem Familienverband lebt, in dem nur einzelnen Elternglück gewährt wird? Klingt merkwürdig, stimmt aber: Graumulle halten sich nicht an übliche Regeln. Auch nicht daran, dass sexuelle Aktivität das Leben verkürzt.
Ansells GraumullLaden...
Wenn Sie Ihre Kinder über die sexuellen Gewohnheiten von Graumullen (Cryptomys anselli) aufklären möchten, dürften Sie guten Gewissens behaupten: Das ist wie bei den Bienchen. Denn die hamstergroßen Nager pflegen eine für soziale Insekten übliche, für Wirbeltiere jedoch höchst ungewöhnliche Lebensweise: Ein Graumull-Pärchen bleibt lebenslang einträchtig zusammen, und zwar im Kreis seiner gesamten geborenen Lieben, die sich alle gemeinsam aufopferungsvoll um den stetig nachsprießenden Nachwuchs kümmern. Für manche Familienpolitiker wohl das Bild von Idylle pur. Und keineswegs anrüchig: Inzucht findet nicht statt, da die Männchen sich innerlich sperren, sich mit anbandelwilligen Schwestern zu paaren. Sie erliegen weiblichen Reizen nur dann, wenn sie ihnen in Form fremder Fraulichkeit außerhalb des trauten Heimes begegnen.

Womit wir beim Haken an der Sache wären, der das Modell doch familienpolitisch untauglich macht: Zwar dürfen die Eltern ihrer Lust ungehemmt frönen, doch fehlt die Enkelschar. Umso bitterer, als die Langzahn-Nager etliche Jahre alt werden können – Nacktmulle beispielsweise erreichen durchaus ein Vierteljahrhundert. Da sexuelle Aktivität quer durchs Tierreich als kostspieliger Einsatz erscheint, der entsprechend die Lebensspanne verkürzt, sollten dabei die uneigennützigen, überwiegend enthaltsam lebenden Kinderpfleger ihre Eltern eigentlich bei Weitem übertreffen. Doch dem ist nicht so.

GraumulleLaden...
Graumulle | Einmal Eltern, viele Kinder, lebenslang gemeinsam im trauten Heim: Der Graumull definiert das Motto "Großfamilie" auf seine Weise.
Die Methusalems im Graumullbau sind die bis ins hohe Alter fortpflanzungstechnisch aktiven Tiere, ermittelten Philipp Dammann und Hynek Burda von der Universität Duisburg-Essen. Die Forscher hatten Forschungsarbeiten über zwanzig Jahre mit Lebensdaten aller Tiere ausgewertet und festgestellt, dass die Eltern eines Familienverbandes teilweise doppelt so alt werden wie ihre Sprösslinge. Während die sexuell inaktiven Mitglieder meist ihren achten Geburtstag nicht mehr erlebten, war das älteste noch sex-aktive Weibchen fast 15 – und bei Abschluss der Analyse noch immer quietschfidel –, und zwei Männchen hatten sogar beinahe das Twen-Dasein erreicht.

Nun hatten Dammann und Burda nicht etwa Daten aus der afrikanischen Wildnis ausgewertet, sondern Aufzeichnungen aus dem Tierlabor – einer Welt, in der Feinde und Hunger fehlen. Auch ist Gerangel um Paarungspartner kein Thema, denn Konkurrenten trennt Gitter oder Scheibe, und wer zu neu anzuregenden Brutzwecken umgesetzt wird, muss keine Rivalen fürchten. Sozialer Stress also schlägt den Untergrundgräbern wahrlich nicht auf Gemüt und Gesundheit.

"Sexuelle Aktivität per se verlängert bei dieser Art die Lebensspanne"
(Philipp Dammann und Hynek Burda)
Mussten die Kinderhüter vielleicht mehr arbeiten als die Kindermacher? Aus das traf nicht zu: Als die Forscher die Daten zu täglichem Schlafen, Fressen und Werkeln auswerteten, konnten sie keine Unterschiede feststellen. Körperlich ausgelaugt und damit schon früher zu Tode erschöpft – im Labor zumindest keine Erklärung für lebenszeitliche Differenzen. Ebenso wenig wie innerliche Qualitäten: Da bei Partnermangel jeweils einfach ein im Alter passendes Tier umgesiedelt wurde, konnte sich keine eventuell langlebigere Brutkaste gegenüber einer kurzlebigeren Arbeiterkaste herausbilden.

Damit bleibt den Forschern nur noch eine Antwort: "Sexuelle Aktivität per se verlängert bei dieser Art die Lebensspanne." Oder anders gesagt: Wer darf, wird alt, wer nicht darf, stirbt jung. Zwar nicht für Bienchen, aber für Ameisen wohlbekannt, ist dies für Wirbeltiere ein Novum – widerspricht es doch allen Analysen bisher zur Kostspieligkeit geschlechtlicher Fortpflanzung in dieser Tiergruppe.

Und wenn nun nicht Sex die Lösung ist, sondern das Problem? Denken Sie nur an den womöglich tiefen inneren Frust, nie selbst zum Zuge kommen zu dürfen – wie das an den Nagern nagt, sollte vielleicht einmal untersucht werden.
21.02.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.02.2006

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