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Ornithologie: Wo steckt Europas rätselhaftester Vogel?

Der Dünnschnabel-Brachvogel ist Europas seltenste Vogelart und vielleicht schon ausgestorben. Oder doch nicht? Die Suche nach ihm fand wohl am falschen Ort statt.
Dünnschnabel-Brachvogel

Seit 1995 hat niemand mehr einen Dünnschnabel-Brachvogel (Numenius tenuirostris) sicher nachgewiesen. Nach dem Riesenalk ist der Watvogel womöglich die zweite europäische Vogelart, die vom Menschen ausgerottet wurde. Doch noch geben Ornithologen die Hoffnung nicht auf, dass der Vogel vielleicht überlebt haben könnte. Denn möglicherweise wurde einfach an der falschen Stelle nach den Tieren gesucht, wie eine Studie von Graeme Buchanan vom RSPB Centre for Conservation Science im britischen Sandy und seinen Kollegen nahelegt.

Die Wissenschaftler hatten dazu eine Isotopenanalyse an 35 Federn von jungen Museumsexemplaren der Art durchgeführt. Die Tiere lagern in ihrem Gefieder unter anderem auch Wasserstoffisotope ein, deren Verhältnis zueinander sich nach dem Ableben nicht mehr ändert. "Je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto kleiner wird das Verhältnis von schwerem zu normalem Wasserstoff. Dadurch kann man ermitteln, in welchem Breitengrad sich ein bestimmter Vogel längere Zeit aufgehalten hat", erklärt Buchanan gegenüber "Birdlife International". Zusammen mit anderen Daten konnten die Ornithologen dann das ungefähre Brutgebiet der Zugvögel eingrenzen – und erlebten eine Überraschung.

Die einzigen überlieferten Beobachtungen von Nestern stammten bislang vom Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Nähe der sibirischen Stadt Tara im Verwaltungsbezirk Omsk. Doch die Untersuchung der Isotope aus dem Gefieder weist nun auf eine andere Region viel weiter südlich als Kernverbreitungsgebiet hin: die Waldsteppen und Steppen Kasachstans. Nur ein kleiner Teil der untersuchten Vögel stammte aus einer Region im nördlichen Ural, so die Wissenschaftler.

Das fragliche Brutgebiet umfasst immer noch eine riesige Fläche, entsprechende Suchexpeditionen benötigen Ausdauer, zumal vermutet wird, dass der Weltbestand maximal noch 50 Tiere umfasst, sollte die Art überhaupt überlebt haben. Denn seit mehr als 20 Jahren wurde sie nicht mehr in traditionellen Überwinterungsgebieten rund um das Mittelmeer beobachtet. Allerdings ähnelt der Dünnschnabel-Brachvogel seinen nahen Verwandten, dem Großen Brach- und dem Regenbrachvogel. Zudem waren potenzielle Winterquartiere wie im Irak lange Jahre nicht zugänglich. Ganz unwahrscheinlich wäre eine Wiederentdeckung allerdings nicht: Im Jahr 2000 spürten Biologen in Kasachstans Steppen tausende Steppenkiebitze (Vanellus gregarius) auf, die damals auch als vom Aussterben bedroht galten.

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