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Sucht: »Cannabis ist keine harmlose Droge, ob legalisiert oder nicht«

Die Psychologin Eva Hoch erforscht die Folgen des Cannabiskonsums und behandelt Menschen, die von der Substanz abhängig sind. Welche Chancen und Risiken sieht sie in der geplanten Legalisierung?
Cannabis

Geht es nach dem Willen der Ampelparteien, könnte Cannabis in Deutschland schon bald legal werden. Doch was sollte man bei der Legalisierung beachten? Welche Folgen sind zu erwarten? Und wie wirkt sich der steigende THC-Gehalt in Cannabisprodukten dabei aus? Ein Gespräch mit der promovierten Psychologin Eva Hoch, die seit fast 20 Jahren die psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen des Cannabiskonsums untersucht.

Frau Hoch, im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grünen und FDP ist die Legalisierung von Cannabis verankert. Dort heißt es: »Wir führen die kon­trollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu ­Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. ­Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet. Das Gesetz evaluieren wir nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkun­gen.« Was sagen Sie als Cannabisforscherin dazu?

Es sind spannende Zeiten! Die Diskussion um die rechtliche Bewertung von Drogen wie auch ihrer Risiken begleitet uns als Gesellschaft ja schon lange. Die Legalisierungsdebatte wird sehr hitzig geführt und polarisiert. Das Thema Cannabis scheint die Gesellschaft zu spalten: Entweder ist die Substanz gut oder schlecht. Und entweder ist man für eine Legalisierung oder dagegen.

Bislang sind wenige Details bekannt, wie die neue Bundesregierung Cannabis legalisieren will. Es gibt einen älteren Gesetzentwurf der Grünen zur kontrollierten Abgabe von Cannabis in lizenzierten Geschäften. Ob die Droge dann in Shops oder Apotheken gekauft werden kann, wer sie herstellen und vertreiben wird, wie der Jugendschutz sichergestellt werden soll, all das ist bisher nicht bekannt. Zudem müssen Bundestag und Bundesrat dem Gesetz noch zustimmen. Ich sehe meine Aufgabe darin, in diesem emotionalen Spannungsfeld Daten zu liefern und die Diskussion zu versachlichen. Ich bin international gut vernetzt mit anderen Forschergruppen und beobachte auch die Entwicklungen in anderen Ländern.

Fragen Parteien oder Regierungen Sie um Rat?

Ich werde immer wieder angefragt und bin für die WHO und die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht tätig. Wenn Expertise zum Thema benötigt wird, liefere ich die gerne. Dabei zählt nicht meine persönliche Meinung, sondern ich gebe den wissenschaftlichen Kenntnisstand wieder. Das Bild von Cannabis ist in den letzten Jahren durch neue Erkenntnisse noch komplexer geworden.

Inwiefern?

Es geht nicht mehr nur um die Freizeitdroge, sondern auch um den Nutzen als Medizin. Seit 2017 ist die Substanz für Menschen mit bestimmten schweren Erkrankungen zugelassen, denen andere Medikamente nicht helfen. Die Hanfpflanze enthält unglaublich viele Cannabinoide, von denen man mittlerweile rund 150 kennt. Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist das Hauptcannabinoid. Es kann unter bestimmten Voraussetzungen für therapeutische Zwecke verordnet werden. Es ist aber auch für die berauschende Wirkung der Droge verantwortlich und hat das Potenzial, das Gehirn und den menschlichen Körper zu schädigen.

Cannabis ist nach Alkohol und Tabak die am dritthäufigsten konsumierte Droge der Welt

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist Cannabidiol (CBD). Es wird als Gegenspieler von THC angesehen, gilt als gut verträglich und nicht abhängig machend und hat zudem positive pharmakologische Effekte, die bislang jedoch kaum untersucht sind. Auch die Palette an Cannabisprodukten hat sich in den letzten Jahren immens vergrößert. Es gibt viele Möglichkeiten, CBD legal zu kaufen: als Salbe, Öl oder Blüten. Das hat die öffentliche Wahrnehmung verändert. Cannabis werden nicht nur wie früher schlechte Eigenschaften zugesprochen, sondern auch gute.

Eva Hoch | Die promovierte Psychologin widmet sich seit fast 20 Jahren den psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen des Cannabiskonsums und der Cannabiskonsumstörung und berät unter anderem die WHO zum Thema. Sie war bis Ende 2021 als leitende Psychologin auf der Entgiftungsstation am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Seit Anfang 2022 leitet sie das Institut für Therapieforschung in München.

Was sollte man bei der Legalisierung beachten?

Insgesamt muss viel mehr Geld für guten Jugendschutz, gezielte Aufklärung, die Behandlung, Weiterbildung und Forschung zur Verfügung gestellt werden als bisher. Wenn Steuereinnahmen an den Staat gehen und der Verfolgungsdruck durch die Polizei reduziert wird, ­werden Ressourcen frei. Die müssen umverteilt werden. Ein gutes Gesundheitsmonitoring, das die Auswirkungen genau erfasst, ist ebenfalls ganz wichtig. Nur so kann man sehen, ob man gegensteuern muss oder nicht.

Als Cannabisforscherin und Psychologin ist es natürlich für mich interessant zu analysieren, wie sich der Freizeit­gebrauch durch das Gesetz verändern wird. Nehmen der Konsum und bestimmte Probleme zu? Werden mehr Menschen abhängig? Steigt die Zahl psychischer Störungen? Gibt es mehr Unfälle im Straßenverkehr? Man sollte unterschiedliche Parameter und Zielgruppen im Blick haben, etwa die Auswirkungen auf vulnerable Erwachsene und Minderjährige.

Wie hat sich der Konsum in anderen Ländern ­verändert, die Cannabis bereits legalisiert haben?

Die Zahl der jugendlichen Konsumenten in den USA hat bislang nicht wie befürchtet zugenommen. Aber mehr Erwachsene konsumieren die Substanz nun regelmäßig.

Was hat das für Folgen?

Mein australischer Kollege Wayne Hall hat dazu tolle Übersichtsarbeiten veröffentlicht. Er und sein Team ­haben die Folgen der Legalisierung von Cannabis zu medizinischen und Rauschzwecken in den USA untersucht. Sie beobachteten eine Zunahme der Drogen­notfälle wegen Cannabis, also der Einweisungen ins Krankenhaus auf Grund einer akuten Überdosis, etwa Vergiftungen bei Kindern oder zyklisches Erbrechen. Ob es auch zu mehr Verkehrsunfällen, Abhängigkeiten, psychischen Störungen, Behandlungsnachfragen und Suiziden kommt, ist bisher unklar. Dennoch sprechen die Befunde dafür, dass die Probleme insgesamt zunehmen.

Die Zahl der Cannabis­konsumenten ist in den letzten zehn Jahren um fast 18 Prozent gestiegen. Auch während der Pandemie hat der Konsum von Cannabis und Beruhigungsmitteln zugenommen

Es ist allerdings schwierig, die Daten aus verschiedenen Ländern zu interpretieren, weil unterschiedlich legalisiert wurde. In den USA variiert das von Staat zu Staat und ist teils nicht einmal innerhalb eines Bundesstaats einheitlich. Es braucht sicherlich ein Jahrzehnt oder länger, bis man die Effekte einer Legalisierung in Kanada, Uruguay und einer zunehmenden Zahl an US-Bundestaaten verlässlich abschätzen kann.

Sieht man auch positive Auswirkungen?

Erwachsene Cannabiskonsumenten werden nicht mehr kriminalisiert, die Anzahl der Drogendelikte geht zurück. Und der Staat erhofft sich davon vier Milliarden Euro zusätzliche Steuereinnahmen pro Jahr, während er weniger für die Strafverfolgung ausgibt.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird die Legalisierung die Lage in Deutschland verändern?

Es ist die Frage, wie die Vorhaben der Ampelkoalition genau politisch umgesetzt werden sollen. Ich kann mir vorstellen, dass der Konsum in Deutschland zunächst einmal steigt und sich dann auf einem höheren Niveau einpendelt, weil er gesellschaftlich akzeptierter wird.

43 Prozent der Menschen in Deutschland halten die Legalisierung von Cannabis für eine gute Idee. Ebenso viele lehnen sie ab

Wenn die Probleme durch Cannabis zunehmen sollten, wäre für mich entscheidend: Wie ernst nimmt die ­Regierung das? Wird beispielsweise mehr Geld für die Prävention und Behandlung ausgegeben? In den letzten Jahrzehnten wurde in dem Bereich nur wenig investiert, auch im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen. Die Sucht ist immer noch in der »Schmuddelecke«. Sicherlich werden die Suchtfachgesellschaften fordern, das Thema Abhängigkeit ernster zu nehmen. Denn Cannabis ist keine harmlose Droge, ob legalisiert oder nicht.

Wie die geplante Legalisierung ankommt | Die Menschen in Deutschland sind bei der Legalisierung von Cannabis zwiegespalten, das zeigt eine reprä­sentative Umfrage des Meinungsforschungs­instituts Civey von ­November 2021 für die »Augsburger Allgemeine«. Während Jüngere sie eher befürworten, stehen Ältere ihr skeptischer gegenüber.

Andere legale Drogen seien viel gefährlicher, ist ein weiteres verbreitetes Argument für die Entkriminalisierung. Vergleicht man da nicht Äpfel mit Birnen?

Alkohol und Tabak führen in Deutschland zu weit reichenden gesundheitsökonomischen Folgen und jährlich zu vielen Todesfällen, das ist gut belegt. Alkohol hat eine hohe Organtoxizität und führt zu massiven körperlichen Schäden; Tabak auch, Stichwort Krebserkrankun­gen. Das sehen wir bei Cannabis nicht. Dennoch hat die Droge ihre eigenen gesundheitlichen Risiken. Es ist wichtig, dass man die als Konsument kennt und realistisch aufgeklärt wird.

Cannabis hat ein sehr positives Image. Während sich der THC-Gehalt seit 1995 vervierfacht hat, hat die Risikowahrnehmung der Substanz bei Minderjährigen deutlich abgenommen. Dabei ist Cannabis in Europa die illegale Droge, die nach Opiaten und Kokain am dritthäufigsten zu Drogennotfällen führt. Bei den unter 19-Jährigen ist die Substanz nach Alkohol sogar für die meisten Krankenhauseinweisungen verantwortlich. Jugendliche sind sie oft nicht gewöhnt, sind unerfahren im Umgang, dosieren sie falsch und wissen wenig über mögliche Risiken und unerwünschte Effekte. Hier sehe ich Aufklärungsbedarf!

Das könnte auch damit zusammenhängen, dass man nicht weiß, was man bekommt. Für einen »Zeit Online«-Artikel hat Alard von Kittlitz zehnmal in Deutschland Gras gekauft und analysieren lassen. In der Hälfte der Fälle erhielt er ein Produkt, dessen THC-Gehalt zwischen sechs und zehn ­Prozent betrug und damit doppelt bis dreifach so stark war wie noch in den 1970er Jahren. Viermal handelte es sich um wirkungsloses CBD-Gras und einmal um mit synthetischen Stoffen versetztes, gefährliches Chemiegras.

Ein Argument für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis ist in der Tat, dass die Konsumenten dann wissen, was in einem Produkt drin ist. Denn Streckmittel wie etwa Haarspray, Pestizide, Bakterien oder synthetische Cannabinoide, mit denen das aktuell verfügbare Cannabis manchmal versetzt ist, bergen zusätzliche Gesundheitsrisiken.

Zwischen 1995 und 2019 hat sich der THC-Gehalt in ­Cannabis vervierfacht. Gleichzeitig schätzen ­Jugendliche Cannabis heute als weniger gefährlich ein als noch vor 25 Jahren

Bei einer kontrollierten Abgabe der Droge könnten Inhaltsangaben gemacht werden. Die gibt es in vielen US-amerikanischen Staaten bisher allerdings nicht. Eine weitere oft mit der Legalisierung verbundene Hoffnung ist, dass der Schwarzmarkt verschwindet. In den USA und in Kanada haben sich jedoch zwei parallele Märkte entwickelt. Es gibt dort für Menschen mit geringeren finanziellen Möglichkeiten günstigere Produkte von schlechterer Qualität. Auch wird oft weiterhin erheblich Eigenanbau betrieben, beispielsweise in Kalifornien.

Was weiß man über die langfristigen Folgen des Cannabiskonsums?

In den letzten Jahren haben sich viele Studien und Übersichtsarbeiten mit den akuten und langfristigen ­Effekten befasst. Es ist eindeutig, dass der Konsum die Denkleistung in den folgenden Stunden beeinträchtigt. Man kann sich nicht so gut konzentrieren oder lernen, nicht klar denken und schlechter planen oder Entscheidungen treffen. Auch die Motorik ist eingeschränkt. Diese Effekte gehen zurück, wenn der Rausch nachlässt. Es gibt zudem konsistente Befunde, wonach ein dauerhafter Konsum zu anhaltenden kognitiven Funktionsdefiziten führt. Zum Beispiel verändern sich die Konnektivität, also die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Hirnregionen, sowie die Aktivitätsmuster im Gehirn bei Beanspruchung. Neuere Forschung interessiert sich vor allem dafür, was passiert, wenn eine Person abstinent wird. Studien deuten zunehmend darauf hin, dass die kognitiven Einbußen tatsächlich reversibel sein könnten. Ob das auch für Jugendliche gilt, ist bisher unklar.

Was bewirkt der Konsum im Jugendalter?

Es spricht vieles dafür, dass die Folgen eines intensiven Konsums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gravierender sind als bei älteren. Das Gehirn ist in dieser Lebensphase noch sehr plastisch. Eine neuseelän­dische Studie von Forschenden um die Psychologin ­Terrie Moffitt hat mehr als 1000 Heranwachsende über Jahrzehnte begleitet und viele Kontrollvariablen erfasst. Wer lange Zeit gekifft hatte, besaß im Alter von 38 Jahren einen im Schnitt um acht Punkte niedrigeren IQ als Personen, die ansonsten mit ihnen vergleichbar waren.

Cannabis ist laut einer Umfrage von 2019 unter Schülerinnen und Schülern aus 34  europäischen Ländern die am häufigsten genutzte ­illegale Droge. 13 Prozent der 15- bis 16-Jährigen haben sie im Jahr zuvor konsumiert

Norwegische Daten offenbaren zum Beispiel, dass junge Erwachsene, die im Jahr zuvor Cannabis konsumiert hatten, häufiger Antipsychotika, Antidepressiva und Stimmungsstabilisatoren verschrieben bekamen. Bei ihrer Untersuchung hatten die Forscher den Einfluss ­diverser Faktoren wie Alter, Einkommen, Bildung, ­psychische Probleme, bisherigen Drogenkonsum und andere Verschreibungen herausgerechnet. Denn vieles könnte eine Rolle spielen, was man mitberücksichtigen muss, um keine falschen Schlüsse zu ziehen. Personen, die intensiv Cannabis konsumieren, haben statistisch gesehen auch schlechtere Schulabschlüsse, brechen häufiger die Schule ab und besuchen seltener eine Universität als vergleichbare Gleichaltrige, wie etwa eine große Metaanalyse von Forschenden um den Biostatistiker John Horwood verdeutlicht.

Es ist ja sehr schwierig bei diesem Thema, kausale Schlüsse zu ziehen.

Das stimmt, das ist ein großes Problem. Umso wichtiger ist es, längerfristige Verläufe zu beobachten und ­di­agnos­tisch sehr präzise zu sein. Nur so können wir wirklich gute Studien durchführen. Man muss diverse Faktoren berücksichtigen, die ebenfalls einen Einfluss haben könnten, um sie statistisch herauszurechnen. Zum Beispiel sollte man den Konsum anderer Substanzen wie Alkohol oder Tabak, das soziale Umfeld und psychische Störungen erfassen. Weiß man etwa, dass eine Person oder ein Elternteil bereits zum ersten Erhebungszeitpunkt psychisch erkrankt war, würde man ein Ergebnis anders interpretieren. Vielleicht war jemand schon immer niedergeschlagen und nutzt die Droge als Selbstmedika­tion, um seine Stimmung zu verbessern.

Langzeitstudien erfassen einen großen Zeitraum, dementsprechend ist die erste Datenerhebung oft lange her. Seither hat sich die Zusammensetzung der Droge massiv verändert. Kann man die Ergebnisse überhaupt noch auf das Cannabis, das die Menschen heute konsumieren, übertragen?

Das ist eine berechtigte Frage. Denn der THC-Gehalt hat sich allein im letzten Jahrzehnt verdoppelt bis verdreifacht. Es sind heute sehr potente Cannabisprodukte auf dem Markt, die nur noch wenig CBD enthalten. Dieses Cannabinoid kann möglicherweise die schädigenden Effekte des THC abpuffern. Erste aktuelle Stu­dien berücksichtigen das Cannabinoidprofil und sprechen dafür, dass ein intensiver Konsum von Produkten mit einem hohen THC-Gehalt mit einem häufigeren Auftreten von Problemen zusammenhängt.

Rechnen Sie damit, dass das derzeit verbreitete Cannabis mit hohem THC-Gehalt zu mehr Langzeitfolgen führt?

Wenn häufig hochpotente Cannabisprodukte, also solche mit einem THC-Gehalt von mehr als zehn Prozent, genutzt werden, könnte das durchaus sein. Eine For­scher­gruppe um Marta di Forti vom King’s College London hat beispielsweise in elf Orten in Europa und Brasilien Daten über den THC-Gehalt und die Häufigkeit von Psychosen ausgewertet. Sie konnte einen Zusammenhang zwischen dem täglichen Gebrauch hochpotenter Cannabisprodukte und dem Neuauftreten von Psychosen herstellen.

Wer täglich Cannabis mit einem hohen THC-Gehalt konsumiert, hat ein fünfmal so hohes Risiko, eine Psychose zu entwickeln, wie Menschen, die nie Cannabis konsumieren

Wie gut gesichert ist der Zusammenhang zwischen Kiffen und Psychosen?

Inzwischen ist klar, dass das Risiko, eine Psychose zu entwickeln, für Cannabiskonsumenten höher ist. Und je mehr eine Person kifft, desto größer wird es. Allerdings wissen wir den Grund dafür nicht. Es könnte am THC-Gehalt liegen, aber wir können nicht sicher sagen, welcher Faktor welchen bedingt. Menschen mit Schizophrenie kiffen zum Beispiel häufiger, gleichzeitig gibt es Hinweise, dass der Konsum die Symptome noch ­verstärkt. Ebenso ist denkbar, dass Jugendliche, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem die Droge leicht ­verfügbar ist, in einem stärkeren Maß weiteren Risikofaktoren für die psychische Störung ausgesetzt sind als Gleichaltrige oder dass gemeinsame Risikogene für Drogenkonsum und Psychosen existieren.

Macht Cannabis abhängig?

Das wurde lange angezweifelt. Heute ist unter Expertinnen und Experten unumstritten, dass die Droge abhängig machen und zu Entzugsbeschwerden führen kann. Von einer Cannabiskonsumstörung spricht man, wenn eine Person nicht in der Lage ist, aufzuhören, obwohl sie unter körperlichen oder psychischen Problemen leidet. Der deutsche Suchtsurvey verdeutlicht, dass neun Prozent eine Abhängigkeit entwickeln, hinzu kommen acht Prozent mit einem missbräuchlichen Konsum. Wenn der Konsum bereits in der Pubertät begonnen hat, ist das Risiko sogar deutlich höher.

Cannabis ist unter den ­illegalen Drogen der ­häufigste Grund für eine Suchtbehandlung in Deutschland

Was bewirkt Cannabis im Gehirn?

Mittlerweile versteht man das körpereigene Cannabinoidsystem besser, das erst in den 1990er Jahren entdeckt wurde. Der Cannabisrezeptor Typ 1 ist einer der häufigsten im Gehirn. Wir können ansatzweise nachvollziehen, wie chronischer Cannabiskonsum die Kommunikation zwischen Nervenzellen verändert. In einer 2021 in der Fachzeitschrift »Nature« veröffentlichten Übersichtsarbeit beschreiben meine Kollegen und ich eine so genannte Down-Regulation. Wird das Gehirn über längere Zeit mit THC überflutet, passt es seine Funktionsweise an und reguliert seine Aktivität herunter.

Passt die Down-Regulation zum klinischen Bild der Patienten, etwa zu der berichteten Nieder­geschlagenheit und Antriebslosigkeit?

Ja. Sie erklärt sowohl Phänomene wie Craving, also das starke Verlangen nach der Substanz, als auch Entzugssymptome. Studienergebnisse sprechen für ein komplexes Zusammenspiel des Endocannabinoid­systems mit anderen Transmittersystemen. Letztlich scheint das Belohnungssystem ohne die Droge weniger stimuliert zu werden, was Betroffene als dysphorisch erleben.

Sie haben bis Ende 2021 als Psychologin in einer Suchtklinik gearbeitet. Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ich war als leitende Psychologin für die Entgiftungsstation am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München zuständig. Dorthin kommen Menschen mit diversen Suchterkrankungen, am häufigsten mit Alko­hol­­­abhängigkeit, aber auch auf Grund von Opiaten, Medikamenten, Mehrfachsüchten oder Cannabis. Nach der Entgiftung können sie in der Suchttagesklinik ihre Abstinenz stabilisieren und der Abhängigkeit auf den Grund gehen. Anfang 2022 habe ich die Leitung des Instituts für Therapieforschung mit dem Schwerpunkt Suchterkrankungen hier in München übernommen.

Rund 10 Prozent der ­Nutzer entwickeln eine Cannabiskonsumstörung. Neuesten Schätzungen ­zufolge sind etwa 22 Millionen Menschen betroffen

Wie äußert sich eine Cannabiskonsumstörung?

Oft kommen die Personen nicht mit einer klaren Problemeinsicht oder Änderungsabsicht, sondern mit an­deren Problemen in die Klinik, etwa einer Depression oder Angststörung. Manche berichten aber auch, dass ihnen der Konsum über den Kopf gewachsen ist, es ihnen nicht mehr gut geht, sie deswegen Konflikte mit der Familie oder im Job haben und etwas ändern wollen. Der Anteil derer, die Hilfe suchen, ist seit den 1990er Jahren deutlich gestiegen. Daten der europäischen Drogenbeobachtungsstelle zeigen, dass die Behandlungsnachfrage auch in anderen europäischen Ländern zugenommen und sich auf einem hohen Niveau stabilisiert hat. Um die Daten einzuordnen: Alkohol ist nach wie vor der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung in Deutschland. Cannabis ist allerdings die häufigste illegale Droge, die zu einer Suchtbehandlung führt.

Erleben Sie diesen Anstieg auch in der Klinik?

Auf jeden Fall. Das deutsche Suchthilfesystem hat sich dem aber angepasst, und es gibt inzwischen gute Behandlungsangebote.

Wie sieht die Therapie der Cannabiskonsumstörung konkret aus?

Verschiedene Programme sind auf Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten zugeschnitten. Eines davon habe ich vor mittlerweile 17 Jahren mit meiner Forschungsgruppe entwickelt. Dieses Kurzzeitprogramm »Candis« richtet sich gezielt an junge Männer Anfang, Mitte 20. Die zehn Sitzungen behandeln zehn Themen. Zunächst geht es darum, zu verstehen, wie Cannabis auf den Körper wirkt. Dann analysiert man: Warum konsumiere ich eigentlich? Wenn es keine Gründe gäbe, würde man das nicht machen. Daher ist es wichtig, diese zu kennen.

Ungefähr 200 Millionen Menschen haben 2019 mindestens einmal Cannabis konsumiert. Das sind 4 Prozent der Weltbevölkerung

Außerdem überlegen die Teilnehmer, was sie in ihrem Leben ändern möchten und wie sie den Konsum beenden, reduzieren oder ­kontrollieren können. Darüber hinaus lernen sie, wie sie mit Craving und Entzugssymptomen umgehen und sich vor einem Rückfall schützen können. Abhängige Menschen vernachlässigen in der Regel viele Dinge in ihrem Leben. Der Fokus liegt auf der Substanz, sie ist das Wichtigste geworden. Dadurch haben sich in anderen Lebensbereichen Probleme entwickelt. In einem Problemlösetraining sollen die Teilnehmer daher lernen, Herausforderungen aktiv und effektiv anzugehen und Cannabisprodukte abzulehnen. Denn soziale Verführung etwa durch Freunde ist der häufigste Rückfallgrund. Unser Programm ist in mehrere Sprachen übersetzt worden und im europäischen Raum und in den USA verbreitet.

Findet die Therapie der Cannabiskonsumstörung immer in einer Klinik statt?

Nein, meistens lässt sie sich unkompliziert ambulant behandeln. Manchmal kann eine stationäre Entwöhnung fernab des Alltags aber sinnvoll sein, zum Beispiel wenn Personen schwer abhängig sind, unter Entzugssymptomen leiden, mehrere Substanzen konsumieren, wenig soziale Unterstützung erhalten, weitere psychische Probleme wie Ängste und Depressionen haben oder sich allein nicht trauen aufzuhören.

Oft wird bei den Konsumenten und ­Konsumentinnen ein amotivationales Syndrom ­beobachtet. Was versteht man darunter?

Die Betroffenen wirken passiv, lethargisch, gleichgültig, manchmal kindisch oder albern. Sie zeigen kaum Emotionen und haben wenig Motivation und Antrieb, eigene Ziele zu verfolgen. Während das Phänomen von ­vielen Klinikern berichtet wird, ist sich die Forschung uneins, ob es spezifisch für Cannabis ist. Es gibt auch andere Annahmen. Wenn jemand dauerhaft berauscht ist, kann das ebenfalls zur Passivität führen. Genauso könnte hinter dem Syndrom eine Depression stecken. Diskutiert wird ebenfalls, ob es Teil einer beginnenden Psychose ist. Die frühe Phase einer Schizophrenie, die Prodromalphase, äußert sich ebenso durch Passivität und sozialen Rückzug. Letztendlich weiß man erst mit der Zeit, ob jemand auch eine Schizophrenie oder Depression entwickelt.

Sie sind an vielen wichtigen Übersichtsarbeiten beteiligt. Führen Sie auch eigene Studien durch?

Mein Team und ich entwickeln und evaluieren Behandlungsprogramme, beispielsweise überprüfen wir gerade den Erfolg einer cannabisspezifischen Entwöhnung für Menschen mit Psychosen und interessieren uns für die Effekte von CBD. In den letzten zehn Jahren war es allerdings sehr schwer, Gelder für die Cannabisforschung zu bekommen. Das berichten auch meine internationalen Kollegen. Ich habe es als politisches Dilemma empfunden, dass die Legalisierungsfrage über allem schwebte. Ich hatte oft den Eindruck, die eine Seite will dazu keine Studien finanzieren, weil sie das Thema nicht auf dem Tisch haben will. Und wer eine Legalisierung ­anstrebte, interessierte sich nicht für die Risiken des Konsums. Häufig fehlte auch das Bewusstsein dafür, dass Cannabiskonsum zu Problemen führen kann. Mein Team und ich haben tatsächlich immer wieder Forschungsanträge mit der Begründung abgelehnt ­bekommen, das Thema habe keine klinische Relevanz. Darüber hinaus gibt es bislang große rechtliche Hürden. Zum Beispiel dürfen wir aktuell keine Cannabisprodukte analysieren, weil wir uns damit strafbar machen. Ich hoffe, dass wir künftig bessere Bedingungen für unsere Forschung haben werden.

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