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Entomologie: Lehrreiche Krabbelgruppe

Sie sind klein, krabbeln und nisten sich mitunter dort massenhaft ein, wo wir sie gar nicht haben wollen. Sie bilden nahezu perfekt organisierte Staaten und befreien Wald, Feld und Wiese von Ungeziefer. Ameisen vereinigen viele positive und negative Eigenschaften auf sich - womöglich auch die Gabe zur Wissensvermittlung.
Die Ameisen sind den Menschen eigentlich recht ähnlich: Da gibt es die auch in Deutschland heimischen Amazonenameisen (Polyergus rufescens), die wie frühe Kolonialherren groß angelegte Raubzüge unternehmen, um die Larven und Puppen anderer Ameisenstaaten als spätere Sklaven zu erbeuten. Treiberameisen wie Dorylus molestus aus Ostafrika ziehen als millionenschwere Jagdgesellschaften durch den Regenwald und töten jegliche Beute, derer sie habhaft werden können. Die Blattschneiderameisen Südamerikas – etwa Atta sexdens – leben dagegen als friedliche Landwirte in riesigen Staaten und halten sich spezielle Pilze zu Nahrungszwecken, die sie mit pflanzlicher Biomasse füttern.

Damit sind die Parallelen aber noch lange nicht erschöpft. In der Krabbeltiere Staatswesen leben fast nur Gleiche unter Gleichen, die sozialistisch alles miteinander teilen, regiert wird es aber als absolutistische Monarchie. Die Ameisen bewegen sich auf Straßen fort, deren Geschäftigkeit viel befahrenen Autobahnen gleicht. Sie führen Kriege gegen Nachbarvölker, halten sich wie die Schwarze Holzameise (Lasius fuliginosus) oder die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) Blattläuse als Melkvieh und kümmern sich fürsorglich um ihren Nachwuchs wie ihre Gemeinschaft. Viele Arten haben ein Faible für Süßes oder Fleischiges – nur Übergewicht entwickeln sie nicht.

Die rechte Anerkennung für diese Ähnlichkeiten bleibt ihnen im Gegensatz zu den ebenfalls sozial lebenden Honigbienen allerdings mit Ausnahme weniger Experten eher versagt – zu sehr gemahnen sie die Menschen vielleicht an ihre schlechten Eigenschaften. Eventuell bewirken aber die neuen Erkenntnisse von Nigel Franks und Tom Richardson, Biologen an der Universität von Bristol, zumindest eine kleine Aufpolierung des Ameisenrufs: Sie entdeckten, dass womöglich auch Insekten Artgenossen anleiten und Wissen lehren könnten – eine Fähigkeit, die bislang vor allem Primaten zugetraut wurde.

Die beiden Wissenschaftler widmeten sich dabei einer Spezies namens Temnothorax albipennis. In einer Art Tandem führt hier eine um eine Futterquelle wissende Ameise eine Kollegin vom Bau zur Nahrung. Beide stehen dabei auf ihrem Weg in engem Fühlerkontakt zueinander, um auf diese Weise die Geschwindigkeit und die Richtung der Wanderung zu steuern. Reißt diese Bindung ab, verlangsamt der Vordere sein Tempo und der Hintere beschleunigt, wird der Abstand zwischen beiden zu eng, verhalten sie sich umgekehrt.

Aber kann dies bereits als Lernen bezeichnet werden? Nach der gängigen Definition gilt es als Bildungsvermittlung unter Tieren, wenn das lehrende Individuum sein Verhalten in Gegenwart eines unwissenden Beobachters verändert und diese Handlungsweise für ihn mit einem gewissen Aufwand verbunden ist – etwa ein exemplarischer Akt, der zusätzliche Energie verbraucht, den Schüler aber schneller begreifen lässt. Im Falle von Temnothorax albipennis ist dies nach Ansicht der beiden Forscher durchaus gegeben: Im Gegensatz zu richtig großen Staaten, wo Informationen über Duftstoffe – so genannte Pheromone – weitergegeben werden, gehen sie einen individuelleren Weg, damit Wissen nicht verloren geht.

Ein Argument ist für Franks und Richardson die direkte Kommunikation zwischen den beiden Insekten, denn die voranschreitende Ameise setzt ihren Weg nur fort, wenn sie beständig von den Antennen der nachfolgenden Arbeiterin an Beinen und Körper berührt wird. Fehlt dieser, bremst die Leitameise ab oder hält an, bis die Nachfolgerin aufgeschlossen hat. Sie richtet also ihr Bewegungsverhalten nach der Schülerin aus.

Zudem benötigt die Anleiterin für die Strecke zwischen Nest und Nahrung viermal so lange, wenn sie einen Lehrling im Schlepptau hat, wie ohne diese Kompagnons. Die Tandems werden aufgehalten, weil sie häufige Pausen einlegen. Während derer dreht die Novizin kleinere Runden um ihre Partnerin, um sich dabei offensichtlich prägnante Landmarken anzueignen – eine These, die durch eine weitere Beobachtung der Forscher erhärtet wird. Demnach bewegen sich die führende Ameise und ihr Gefolgsgenosse zwischen den einzelnen Pausen wesentlich schneller fort, wenn der Weg von eindrücklichen Kennzeichen gesäumt ist. Das Tempo reduziert sich dagegen beträchtlich, sobald diese fehlen.

Doch – und das ist ja der Sinn der Übung – dieses Verhalten hat auch einen großen Lerneffekt bei der Schülerin, denn durch die Anleitung findet sie verwertbares Futter deutlich schneller als bei einer alleinigen Nachsuche: Diese Zeitdauer reduzierte sich beim Tandem im Vergleich zur Solonummer im Schnitt um ein Drittel von mehr als 300 auf nur noch knapp 200 Sekunden. Und der Rückweg zum Heimatbau verläuft anschließend geradliniger und damit ebenfalls zügiger, was zusätzlich auf eine generell verbesserte Kenntnis der Nestumgebung schließen lässt.

Anschließend wird aus einem Schüler sogar häufig noch ein Tandemführer, sodass sich das Wissen um lukrative Speisekammern rasch durch die Kolonie ausbreitet. Davon profitiert natürlich der Ameisenstaat als Ganzes: Trotz der jeweiligen Zeitinvestition zu Beginn des Lernprozesses können im Endeffekt mehr Ressourcen in kürzerer Zeit zum Wohle des Volkes herangeschafft werden.

Es gibt bei Temnothorax albipennis neben dem Lernwillen allerdings noch eine weitere menschliche Eigenschaft: Ungeduld. Vorarbeiterinnen, denen das Training im Tandem zu langsam geht, nehmen ihre Kollegin einfach Huckepack und tragen sie zum Ziel. Das geht dreimal so schnell wie ein Tandem, der Lerneffekt ist jedoch gleich Null. Die Hilfskraft wird einfach geschultert, sieht aber nichts, weil ihr Kopf nach hinten weist. Daran müssen die Kerfe also noch arbeiten.
12.01.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.01.2006

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