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News: Leiden und Mitleiden

Wenn Kinder sich das Knie aufschlagen, zucken in der Regel ihre Eltern selbst heftig schmerzerfüllt zusammen. Hilft doch eigentlich auch nichts mehr - was passiert da also im Kopf?
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Pessimisten würden sagen, dass es arg aus der Mode kommt, das Mitgefühl – und Pessimismus scheint ja gerade sehr in Mode zu sein. Lohnt sich überhaupt, im Zeitalter allgegenwärtiger ökonomischer Bilanzierung, noch mit anderen zu leiden?

Zum Glück: Mitgefühl unterliegt eben keinen Moden, und Tania Singer vom University College London liefert einige wissenschaftliche Begründungen dafür, warum dies so ist. Wenn Menschen in einem sozialen Umfeld nicht funktionieren würden – oder, anders ausgedrückt, nicht mit anderen Menschen lachen, leiden und leben können – so würde das gemeinschaftsorientierte Wesen Homo sapiens schlicht nicht überleben. Mitgefühl oder Empathie – die Fähigkeit also, die Gefühle anderer Menschen einschätzen und quasi "am eigenen Leibe" nachvollziehen zu können – sei eine humane Grundvoraussetzung und fest in der Gehirn-Hardware der Menschen eingeprägt.

Dort, im Gehirn, kann man gefühltes Leiden mit Hilfe bildgebender Verfahren sichtbar machen. Aufnahmen mit Hilfe funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) enthüllten bereits vor einiger Zeit, welche Hirnareale aktiv werden, wenn ein Mensch Schmerzen verspürt. Das sind nicht wenige, sondern ein veritables Netzwerk, die so genannte Schmerzmatrix: Zu ihr gehören etwa der sekundäre somatosensorische Cortex (SII), der vordere cinguläre Cortex (ACC) oder die vorderen Anteile der Insula (AI).

Singer und ihre Kollegen wollten nun herausfinden, ob alle diese beim Schmerz aktiven Regionen auch dann ansprechen, wenn Testpersonen nicht selbst leiden, sondern mitleiden. Als Kandidaten für ihre Experimente rekrutierte das Forscherteam glückliche Paare – Probanden-Duos also, bei denen ein Partner prädestiniert war, notfalls am Schmerz des anderen mitfühlend teilzunehmen. Jeweils den weiblichen Part scannten die Forscher dann im Tomografen, stets in Gegenwart ihres Partners – und verabreichten beiden wechselseitig, untermalt von eindeutigen Lichtsignalen, schwache oder starke und unangenehme Stromstöße durch eine auf der rechten Hand platzierte Elektrode. Zwischen beiden Partnern bestand dabei eine eingeschränkte Art des Sichtkontaktes: Sie konnte stets mit Hilfe eines Spiegels und der Lichtsignale erkennen, wann – und wie stark – seine Hand gereizt wurde.

Die gescannte Versuchsteilnehmerin spürte dabei also am eigenen Leib die Stärke der Stromstöße, und zog daraus dann Rückschlüsse auf das wahrscheinliche schmerzliche Empfinden ihres Partners, sobald er einen Stromstoß erhielt. Logische und emotional nachvollziehbare Folge: Mitleid – sichtbar auch im Tomografenbild. Und selbst wenn die Teilnehmerin nicht gereizt wurde, waren einige Bereiche der eigenen Schmerzmatrix hochaktiv – um so mehr, je stärker die Kandidatin selbst unter ähnlichen Stromstößen gelitten hatte.

Leiden und Mitleiden sind demnach im Gehirns zwei Seiten einer Medaille – dabei aber nicht völlig identisch. Mitgefühlter Schmerz aktivierte insbesondere die AI- und ACC-Bereiche der Schmerzmatrix, nicht jedoch die somatosensorischen Areale wie den SII, die bei der eigenen Schmerzwahrnehmung etwa einschätzen helfen, woher der unangenehme Reiz am eigenen Körper eigentlich genau rührt und wie stark er ist. Aber das steht beim reinen Mitleiden ja auch gar nicht zur Debatte.

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