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Fremdsprachen: Bestimmte Gesten helfen beim Vokabellernen

Wer sich beim Lernen einer Fremdsprache nur auf das Lesen und Hören von Vokabeln beschränkt, verzichtet auf eine hilfreiche Lerntechnik: Gestikulieren. Anders als Erwachsenen hilft Kindern eine weitere Technik ebenso gut.
Zwei Hände bilden ein Dach

Beim Lernen einer fremden Sprache greifen die meisten Menschen auf traditionelle Methoden zurück: Lesen, Schreiben, Hören, Nachsprechen. Doch wer dabei zusätzlich mit den Armen gestikuliert, kann sich noch Monate später besser an die Vokabeln erinnern. Die Vernetzung mit motorischen Hirnarealen stärkt das Wortgedächtnis. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam, nachdem es diese Areale mit Magnetimpulsen gestört hat. »Unsere Ergebnisse liefern den neurowissenschaftlichen Beleg dafür, warum Lerntechniken, die das motorische System des Körpers einbeziehen, häufiger zum Einsatz kommen sollten«, sagt der Neurowissenschaftler Brian Mathias vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in einer Pressemitteilung.

Wie Mathias und seine Kolleginnen im »Journal of Neuroscience« schildern, ließen sie 22 deutschsprachige Erwachsene an vier Tagen insgesamt 90 erfundene Kunstwörter lernen, zum Beispiel »lamube« für »Kamera« oder »atesi« für »Gedanke«. Während die Versuchspersonen die neue Vokabel hörten, sahen sie zugleich ein Video von einer Person, die eine zur Wortbedeutung passende Geste machte. Bei der Wiederholung des Worts führten die Versuchspersonen die Geste selbst aus.

Fünf Monate später sollten sie die gelernten Vokabeln in einem Multiple-Choice-Test ins Deutsche übersetzen. Dabei hatten sie einen Apparat am Kopf, der schwache Magnetimpulse in den primären motorischen Kortex schickte, jenes Hirnareal, das willkürliche Bewegungen der Arme steuert. Unter dieser Bedingung fiel es den Versuchspersonen fünf Monate später schwerer, die mit Gesten begleiteten Wörter abzurufen, als wenn der Apparat keine Störsignale aussandte, die Magnetstimulation also nur scheinbar stattfand. Die Forschenden schließen daraus, dass der motorische Kortex zur Übersetzung der mit Gesten gelernten Vokabeln beitrug, bei konkreten Wörtern (»Kamera«) ebenso wie bei abstrakten (»Gedanke«).

Transkranielle Magnetstimulation | Die TMS ist eine neurowissenschaftliche Technik, die mittels schwacher Magnetimpulse die Aktivität in bestimmten Hirnarealen beeinflusst.

Der Effekt trat nicht auf, wenn die Versuchspersonen beim Vokabellernen lediglich passende Bilder statt Gesten vorgelegt bekamen. Hingegen profitieren Kinder, anders als Erwachsene, von Bildern langfristig offenbar ebenso wie von Gesten. In einem 2020 veröffentlichten Experiment hatte die Leipziger Forschungsgruppe junge Erwachsene und achtjährige Kinder fünf Tage lang neue Vokabeln hören lassen, teils gepaart mit passenden Bildern oder Videos von Gesten. Nach zwei Monaten waren beide Methoden noch gleichauf. Doch nach sechs Monaten profitierten die Erwachsenen von den Gesten mehr als von den Bildern, während den Kindern beide gleichermaßen halfen.

Das erwachsene Gehirn nutzt demnach vor allem motorische Areale, um sich an fremdsprachige Wörter zu erinnern. Es ist aber nicht so sehr die motorische Komponente selbst, die das Lernen fördert, sondern die sinnliche Erfahrung der Wortbedeutung, wie ein anderes Team um Manuela Macedonia, eine Kollegin von Brian Mathias, schon vor Jahren beobachtete. Gesten fördern die Erinnerung an Wörter also besonders, wenn sie die Bedeutung des Worts bildhaft darstellen.

Bereits 1995 zeigte eine Studie, dass solche sinnbildlichen Gesten das Französischlernen erleichterten. Sogar der Transfer klappt damit besser: Wenn Lernende die neuen Vokabeln mit Gesten begleiteten, verwenden sie die Wörter auch häufiger in einem neuen Kontext.

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