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Psychologie der Jahreszeiten: Warum wir im Sommer flirten und im Winter Treue schwören

Frühlingsgefühle, Sommerflirt, Cuffing-Season – angeblich pulsiert das Liebesleben im Rhythmus der Jahreszeiten. Aber welchen Einfluss haben warme Sommertage und lange Winternächte wirklich auf die Liebe?
Ein Paar sitzt in einem gemütlichen Café und umarmt sich liebevoll. Auf dem Tisch vor ihnen stehen zwei Tassen Kaffee, eine brennende Kerze und ein kleines Geschenk mit rotem Band. Die Atmosphäre ist warm und intim, mit gedämpftem Licht und einem Gefühl von Geborgenheit.
Nur wir zwei.

Die Tage werden wieder länger, die Luft wärmer, die Sonne scheint. Und damit wächst auch die Lust auf neue Bekanntschaften. Geht es Ihnen auch so? Ein Feldexperiment in Frankreich zeigte: An sonnigen Frühlingstagen sind junge Frauen leichter zu einem Date zu bewegen. Mehr als 22 Prozent gaben einem attraktiven Fremden, der sich mit ihnen verabreden wollte, ihre Telefonnummer – gegenüber knapp 14 Prozent bei grauem Himmel.

Im Sommer steigt auch die Lust auf Sex. Das schloss eine große US-amerikanische Studie 2023 aus den Angaben von mehr als 30 000 Frauen in einer App, mit der sie ihren Zyklus tracken konnten. Mit zunehmender Tageslänge berichteten die Frauen über eine stärkere Libido und häufigeren Geschlechtsverkehr. Am sexuell aktivsten waren sie demnach aber nicht im Frühling, sondern erst in den Sommermonaten.

Die Forschenden folgerten daraus, dass einige hormonelle Mechanismen mit den Jahreszeiten zusammenhängen. Unsicher waren sie, woran genau das liegt: Investiert der Körper im Sommer besonders viel Energie in die Fortpflanzung? Oder hat es mehr damit zu tun, dass die Frauen im Winter häufiger krank sind?

»Halb wünsche ich es mir, dass es Frühlingsgefühle wirklich gibt, halb bin ich auch fachlich überzeugt«Holger Willenberg, Endokrinologe

Grippe und Erkältungen setzen der Libido nämlich heftig zu. »Im Herbst kämpft der Körper häufiger gegen Infektionen, was die Verhältnisse der Steroidhormone beeinflussen kann«, erklärt Holger Willenberg, Professor für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten an der Universität Rostock. Zur Gruppe der Steroidhormone gehören unter anderem die Botenstoffe Testosteron und Östrogen – jene Hormone, die die männliche und weibliche Sexualität beeinflussen. Wenn ihre Spiegel sinken oder steigen, sinkt oder steigt damit auch die Lust auf Sex. Sie können in kürzeren Rhythmen über den Tag hinweg schwanken, aber auch über das Jahr hinweg.

Sind die vielbeschriebenen Frühlingsgefühle also real? »Halb wünsche ich es mir, dass es sie wirklich gibt, halb bin ich auch fachlich überzeugt«, sagt Holger Willenberg. Für die Frühlingsgefühle spreche, dass sich auch das veränderte Verhalten auf die Sexualhormone auswirkt. In der helleren und wärmeren Jahreshälfte sind wir häufiger draußen und bewegen uns mehr. Infolgedessen kann der Testosteronspiegel ansteigen – über einen Umweg.

Die Rolle von Testosteron

»Veränderungen der eigenen Bewegungsmuster führen auch zu einer Veränderung des Zuckerstoffwechsels und der damit verbundenen Prozesse. Mit zu viel Zucker im Blut wird zum Beispiel indirekt die Hodenfunktion herunterreguliert«, erklärt der Mediziner. Das bedeutet: Wer sich wenig bewegt – zum Beispiel, weil das Wetter grau und regnerisch ist –, hat eher einen höheren Blutzuckerspiegel. Das hemmt die Testosteronproduktion in den Hoden, was wiederum die Lust auf Sex mindern kann.

Doch ob das männliche Sexualhormon Testosteron tatsächlich im Rhythmus der Jahreszeiten schwankt – dazu gibt es widersprüchliche Ergebnisse. Eine große israelische Studie aus dem Jahr 2022 kam zu dem Ergebnis, dass der Testosteronspiegel von Männern von August bis Oktober besonders hoch und im März besonders niedrig ist. Andere Studien fanden jedoch Peaks in kälteren Monaten, zum Beispiel im Januar bei Männern mittleren Alters in Südkorea.

2023 widmeten sich auch Forschende in den USA dieser Frage. Sie verglichen Testosteronproben von mehr als 25 000 Männern im Alter von 18 bis 99 Jahren aus Miami und Pittsburgh. Diese beiden Orte wählten sie deshalb, weil es im warmen Miami keine spürbaren Jahreszeiten gibt, im deutlich nördlicher gelegenen Pittsburgh hingegen schon – nur dort sollten sich jahreszeitliche Hormonschwankungen zeigen, so die Hypothese. Das bestätigte sich jedoch nicht: An beiden Orten fanden die Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen Testosteronlevel und Jahreszeiten.

Dennoch kann der Testosteronspiegel auch auf saisonale Einflüsse reagieren. Nur ist das schwer zu belegen, weil die saisonalen Schwankungen von vielen anderen verdeckt werden. Zum Beispiel Stress: »In Wettbewerbssituationen hat der Unterlegene in der Regel einen niedrigeren Testosteronspiegel. Solche Effekte sind in Studien oft nicht so leicht herauszurechnen«, erklärt Henrik Oster, Direktor des Instituts für Neurobiologie der Universität zu Lübeck. Um herauszufinden, ob Testosteron saisonal schwankt, müsse es kontinuierlich gemessen werden.

»Sinkt die Temperatur, steigt die Produktion des Stresshormons Noradrenalin«Holger Willenberg, Endokrinologe

Einer der saisonalen Einflüsse ist die Außentemperatur. Biologisch gesehen ist Kälte ein Lustkiller: »Sinkt die Temperatur, steigt die Produktion des Stresshormons Noradrenalin. Der Körper stellt damit die Gefäße enger, um weniger Wärme zu verlieren«, erklärt Holger Willenberg.

Auch optisch bringen die warmen Monate einen Vorteil: Der Anblick von nackter Haut kann die Lust auf Sex entfachen. Das heißt aber nicht, dass auch die Menschen selbst im Sommer anziehender erscheinen – im Gegenteil. In einer polnischen Studie erschienen den befragten Männern die identischen Fotos von weiblichen Körpern im Sommer sogar weniger attraktiv als im Winter; bei weiblichen Gesichtern war das nicht der Fall. Die Forschenden vermuten dahinter einen Kontrasteffekt: Weil es im Sommer mehr leicht bekleidete Körper zu sehen gibt, legen die Männer in dieser Jahreszeit härtere Kriterien an als im Winter.

Gemessen an den Geburtenzahlen liegt die sexuelle Hochsaison keineswegs im Sommer. In Deutschland kommen die meisten Babys im Juli, August und September zur Welt, die geburtenstärksten Tage sind der 20. und 21. September. Die Zeugungen liegen also vermehrt in den Wintermonaten, besonders in der Weihnachtszeit. Das war allerdings nicht immer so. Jahrzehntelang verzeichneten die Statistiken einen Peak im März oder April. In Westdeutschland änderte sich das in den 1970er-Jahren, in Ostdeutschland in den frühen 1990er-Jahren, nach der Wende. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Kultur und Verhalten zum Timing beitragen.

Google-Suchanfragen für Pornoseiten erreichen in den USA Höchstwerte sowohl im Dezember und Januar als auch im Juni und Juli. Der Grund für die halbjährlichen Peaks ist Forschenden zufolge noch unklar.

Urlaub macht Lust auf Liebe

Ferienzeiten dürften ihren Teil dazu beitragen – und das nicht nur, weil die Menschen dann mehr Zeit fürs Privatleben haben. »Stresshormone hemmen die Hoden- und Eierstockfunktion«, sagt Holger Willenberg. Deshalb können Libido und Liebesleben von einer erholsamen Auszeit profitieren und immer dann auf Hochtouren kommen, wenn gerade viele Menschen Urlaub machen: im Sommer und in der Weihnachtszeit.

Gelegenheit macht Liebe, Entspannung auch – und zudem, was wir kulturbedingt mit einer Jahreszeit verbinden, etwa einen heißen Sommerflirt. »Kulturelle Narrative und biologische Prozesse können sich gegenseitig bedingen. Sexualverhalten hat schließlich auch viel mit der Psyche zu tun«, sagt Willenberg. Laut einer 2013 veröffentlichten Umfrage werden Jugendliche und junge Erwachsene ihrem Partner im Sommer eher untreu.

Im Winter werden in Partnerschaften die Handschellen angelegt: Es ist »Cuffing Season«, die Zeit für traute Zweisamkeit. An Weihnachten laufen Liebesfilme, und die Werbung zeigt zuhauf glückliche Familien. Und tatsächlich hegen Menschen bei kalten Temperaturen eher eine Vorliebe für Liebesfilme – wenn sie diese Filme mit emotionaler Wärme verbinden, so das Ergebnis einer Studienreihe aus dem Jahr 2012.

Serie: Psychologie der Jahreszeiten

lachendes Mädchen mit Blumen im Gesicht

Unsere Gefühle und Gedanken unterliegen vielen, teils unbewussten Einflüssen. Manche folgen regelmäßigen Zyklen: dem Rhythmus von Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Urlauben und Feiertagen. Ein Überblick über die Psyche im Wechsel der Jahreszeiten.

  1. Stimmung: Schluss mit dem Winterblues!
  2. Werte und Vorlieben: Entscheiden wir im Frühling anders als im Winter?
  3. Kognition: Wie die Sonne das Denken beflügelt
  4. Liebe: Warum wir im Sommer flirten und im Winter Treue schwören

Möglich also, dass die Sommermonate mehr mit Flirts und Freiheit und die Wintermonate mehr mit romantischer Liebe und Partnerschaft verbunden werden. Für den ein oder anderen könnte eine neue Beziehung sogar das Gegenmittel zum winterlichen Stimmungstief sein.

Ob es auf lange Sicht einen Unterschied macht, wann eine Beziehung startet – bei Minusgraden oder Freibadwetter: Darüber ist bislang nichts bekannt. Von etwaigen Statistiken sollte man sich ohnehin nicht beeindrucken lassen: Man kann auch an Weihnachten flirten und den Sommer mit einer langjährigen Liebe genießen.

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  • Quellen

Adamopoulou, E., Economics Letters 10.1016/j.econlet.2013.09.025, 2013

Miller, D. et al., Urology Research & Practice 10.5152/tud.2023.23077, 2023

Shanmugam, D. et al., Scientific Reports 10.1038/s41598–023–34940-z, 2023

Zornitzki, T. et al., International Journal of Endocrinology 10.1155/2022/6093092, 2022

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