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News: Lingua franca im Wandel

"Publish or perish" heißt die Devise für jeden Wissenschaftler. Wer was werden will, der muss publizieren - und das auf Englisch. Das Idiom der Angelsachsen hat sich zur internationalen Weltsprache etabliert. Doch wie lange hält diese Vorherrschaft noch an?
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Philosophiae naturalis principia mathematica heißt eines der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Werke der Weltgeschichte. Geschrieben hat es ein Engländer namens Isaac Newton – und zwar, für ihn selbstverständlich, in Latein. Genauso hat ein gewisser Nicolaus Koppernigk, genannt Copernicus, sein – im wahrsten Sinne des Wortes – revolutionäres Werk De revolutionibus orbium coelestium in der Sprache der alten Römer verfasst.

Das römische Reich war längst untergegangen, doch seit dem Mittelalter etablierte sich Latein, vor allem durch fleißig schreibende Mönche, als Lingua franca – wobei lingua franca eigentlich "fränkische Sprache" heißt. Es handelte sich um ein im Mittelmeerraum als universelles Verständigungsmittel verbreiteter Sprachenmischmasch aus Spätlatein und Italienisch, gewürzt mit einem Schuss Arabisch. Cicero hätte wohl wenig Freude daran gehabt.

Doch diese Universalsprache ermöglichte, dass Wissenschaftler wie beispielsweise der englische Philosoph Wilhelm vom Ockham wie selbstverständlich zwischen Oxford, Paris und München pendeln und sich überall verständlich machen konnte – ein Privileg, das für die meisten seiner Zeitgenossen am Ende des Mittelalters schier unvorstellbar war.

Latein wird zwar heute immer noch – zum Leidwesen mancher Schüler – gelehrt, die Bedeutung als Gelehrtensprache hat es jedoch – zum Leidwesen mancher Altphilologen – längst eingebüßt. Bereits Newton hatte etliche seiner Werke in seiner Muttersprache verfasst, und unter Diplomaten des 18. und 19. Jahrhunderts war Französisch das allgemein übliche Verständigungsmittel. Einstein, Planck und Heisenberg publizierten ihre bahnbrechenden Ergebnisse in Deutsch, und so galt Deutsch noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als die wichtigste Sprache unter Naturwissenschaftlern.

Doch spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges – nicht zuletzt, weil die besten Köpfe aus ihrer deutschen Heimat vertrieben worden waren – etablierte sich Englisch als Lingua franca in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft. Wurden 1980 bereits mehr als 60 Prozent der wissenschaftlichen Literatur in Englisch verfasst, sind es heute fast 80, auf einigen Gebieten mehr als 90 Prozent. Und wer heute durchs Internet surft, stößt auf Homepages und Websites, bei denen – Sie merken es schon – Englisch selbstverständlich ist.

Der Gebrauch dieses universellen Verständigungsmittels ermöglicht – wie einst zu Ockhams Zeiten –, dass ein japanischer Molekularbiologe seine neuesten Forschungsergebnisse mit seinem Kollegen in Argentinien austauschen kann. Doch damit ergibt sich natürlich auch ein Problem: Der ausschließliche Gebrauch einer einzigen Sprache – sei es Griechisch im Hellenismus, Arabisch im 8. bis 12. Jahrhundert, Latein im europäischen Mittelalter oder eben Englisch heutzutage – teilt die Welt ein in diejenige, die es können, und jene, die der Sprache eben nicht mächtig sind. Wer kein native speaker ist, wird sich im fremden Idiom nicht immer klar und verständlich ausdrücken können. Die im Verhältnis zur Bevölkerung geringen Publikationsraten russischer oder chinesischer Wissenschaftler könnten auch darauf zurückzuführen sein.

Doch ist scientific English überhaupt noch Englisch. Der Amerikaner Scott Montgomery hat da seine Zweifel. Kein einzelnes Land und keine einzelne Kultur hat hier seine Sprache aufgezwungen, vielmehr hat sich in der wissenschaftlichen Literatur eine internationale Verständigung etabliert und verselbstständigt, "eine wirre und verschwommene Angelegenheit, eine geballte Folge aus Myriaden von Entscheidungen von Redakteuren, Lehrern, Studenten, Eltern, Schriftstellern, Publizisten, Übersetzern, Beamten, Bildungseinrichtungen, Unternehmen, Schulen und so weiter" [1].

Englisch als Universalsprache erlebt damit ein ähnliches Schicksal wie einst Latein im Mittelalter, das mit Caesars Muttersprache nicht mehr viel gemeinsam hatte. Auch das britische Empire ist längst untergegangen, und seine Sprache wird auf der ganzen Welt von Menschen geprägt, die Englisch lediglich als kleinsten gemeinsamen Nenner zur Verständigung nutzen.

Heute sprechen fast 400 Millionen Menschen Englisch als Muttersprache, mehr als 430 Millionen als Zweitsprache und etwa 750 Millionen immerhin als Fremdsprache. Englisch ist damit die zweithäufigste Sprache der Erde – nach Chinesisch, dessen über eine Milliarde Menschen mächtig sind.

In 50 Jahren wird sich das Bild allerdings verschieben, wie David Graddol von der English Company betont. Chinesisch behält seine Spitzenposition, doch dann folgen Hindi und das verwandte Urdu aus Indien, auf Platz 3 Arabisch, und erst dann kommt Englisch. Die Sprache Shakespeares wird zunehmend ihre internationale Bedeutung verlieren, prophezeit Graddol [2]. Von Deutsch, das heute mit 100 Millionen Sprechern immerhin auf Platz 10 steht, gar nicht zu reden.

Weitere Sprachen, die heute noch eine untergeordnete Rolle spielen, werden im Laufe dieses Jahrhunderts zunehmen, wie etwa Bengalisch, Tamil oder Malaiisch. Andere dagegen verschwinden. So sind schon 90 Prozent der schätzungsweise 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht.

Graddol geht davon aus, dass in Zukunft immer mehr Menschen mehr als eine Sprache sprechen werden. Darunter wird auch häufig Englisch sein, doch vor allem in Asien wird Chinesisch die Rolle der Lingua franca übernehmen. Für englische native speaker, die es nicht gewohnt sind, eine Fremdsprache zu lernen, bestimmt eine harte Umstellung.

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  • Quellen
[1] Science 303: 1333–1335 (2004)
[2] Science 303: 1329–1331 (2004)

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