Prähistorische Linguistik: Studie findet »goldenes Zeitalter« der Sprache

Heutzutage werden – je nach Schätzung – zwischen 6000 und 7500 Sprachen auf der Erde gesprochen. Einige wenige, wie Chinesisch, Englisch oder Hindi, von gigantisch großen Sprechergemeinschaften. Andere dagegen beherrschen nur noch eine Handvoll Menschen und bald vielleicht niemand mehr: Rund vier Sprachen sterben weltweit aus – pro Jahr.
Das bedeutet, dass rückblickend die Zahl der Sprachen viel höher gelegen haben muss als heute. Aber: Setzt sich dieser Trend immer weiter fort, je weiter man in die Vergangenheit zurück geht? Gab es vor 20 000 Jahren in der Altsteinzeit, als die Menschen nur in kleinen, weit verstreut lebenden Grüppchen von Jägern und Sammlern lebten, viele Zehntausende kleiner Sprachen?
Nein, sagen nun Forscher um Damian Blasi vom katalanischen Forschungsinstitut ICREA und der Harvard University. In einer Studie im Wissenschaftsmagazin »Science« haben sie modelliert, wie sich die Zahl der Sprachen auf der Erde über die Jahrtausende hinweg entwickelt haben dürfte.
Demnach benutzten Menschen in der Altsteinzeit insgesamt nur vergleichsweise wenige Sprachen, tendenziell ein paar Tausend weniger, als es heute noch gibt. Dann aber steuerte die Menschheit auf ein »goldenes Zeitalter« der Sprachenvielfalt zu, ausgelöst durch ein stetiges Bevölkerungswachstum, das durch Landwirtschaft und Technologie immer weiter befeuert wurde.
Menschliche Gemeinschaften wurden immer größer
Parallel dazu wuchs jedoch bereits in vorgeschichtlicher Zeit die Komplexität der menschlichen Gesellschaften, es bildeten sich immer größere politische Einheiten, und das oft auf Kosten der Nachbarn, die von den expandierenden Gruppen einverleibt und sprachlich homogenisiert wurden, sei es freiwillig oder per Zwang. Das Ende war jedenfalls immer das Gleiche: Eine einzelne Sprache wuchs, viele kleine gingen unter.
Dieser gegenläufige Trend verhinderte, dass die Zahl der Sprachen parallel zur Zahl der Menschen immer weiter anstieg. Und schließlich beendete dieser Trend die goldene Ära der Sprachenvielfalt ganz und schickte die Kurve auf eine abwärts gerichtete Bahn, bis zu ihrem vorläufigen Tiefpunkt heute.
Die zwei wesentlichen Erkenntnisse aus der Studie sind demnach, erstens, dass in der Altsteinzeit deutlich weniger Sprachen in Gebrauch waren, als manche Fachleute vermutet hatten, und, zweitens, dass das Sprachensterben schon früh einsetzte, nicht erst mit der europäischen Kolonisierung der Welt.
Zu diesen Ergebnissen kommt das Team mithilfe eines statistischen Modells, das das Auf und Ab der Sprachenvielfalt über die Jahrtausende simuliert. In einem ersten Schritt sammelten die Forschenden dazu Daten aus ethnografischen Studien über heutige Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften, um zu ermitteln, wie groß im Schnitt die Gruppen sind, die eine gemeinsame Sprache sprechen – es sind im Mittel rund 800 Menschen.
Dann griffen sie auf Schätzungen anderer Forschergruppen zurück, die die Gesamtzahl der Menschen vor 12 000 Jahren rekonstruiert hatten – je nach Studie schwankt dieser Wert zwischen 4,4 und 7 Millionen Menschen.
Im Schnitt gewannen alle Sprachen an Sprechern dazu
Dividiert man die Zahl der Sprachen durch die Zahl der Individuen, erhält man ein Verhältnis, das die durchschnittliche Sprecherzahl einer Sprache zum Ausdruck bringt. Wie sich dieses Verhältnis über die Jahrtausende konkret entwickelte, wissen Blasi und Kollegen nicht, sie gehen lediglich davon aus, dass es immer nur kleiner und nie größer wurde. Sprich: Global betrachtet, gewannen Sprachen im Schnitt immer Sprecher hinzu. Das passt zu der Annahme, dass politische und gesellschaftliche Einheiten immer größer wurden.
Es zeigte sich, dass es sogar im Grunde egal ist, welche konkreten Werte das gesuchte Verhältnis über die Jahrtausende annimmt: Sofern man nur dem rekonstruierten Verlauf der Weltbevölkerung folgt und am Ende bei der heutigen Situation von rund 6500 Sprachen und acht Milliarden Menschen landen will, muss die Kurve der Sprachenvielfalt eine Hochphase durchlaufen, deren Scheitelpunkt irgendwo zwischen 3000 und 1000 Jahren vor heute liegt – und eben jenes goldene Zeitalter markiert, an dem die Sprachenvielfalt den bislang höchsten Wert angenommen hat. Wie viele Sprachen in den zwei Jahrtausenden um die Zeitenwende gesprochen wurden, können die Autoren der Studie mit ihrer Methode nicht ermitteln. Die Schwankungsbreite ist enorm, je nach gewählten Ausgangs- und Zwischenwerten. Viele Simulationsdurchläufe lieferten Werte jenseits der Zahl von 20 000 Sprachen.
Andersherum gewendet bedeutet dies, dass etwa um die Zeitenwende herum eine Entwicklung in Gang gesetzt wurde, die bis heute anhält und deren Ende nicht absehbar ist. Aller Voraussicht nach wird die Zahl der Sprachen auf der Welt auch in den kommenden Jahrzehnten weiter schrumpfen. Ein erneutes goldenes Zeitalter ist nicht in Sicht.
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