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Dyslexie: Links hinten wird's unleserlich

Lesen und Schreiben zu beherrschen, kann etwas mit Intelligenz zu tun haben - viel häufiger entscheiden aber ganz andere Dinge über Alpha- oder Analphabetismus. Manchmal zum Beispiel, ob einem nun besser untersuchten Defekt in einer kleinen Hirnregion fürsorglich entgegengesteuert wird oder nicht.
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Noch vor nicht allzu langer Zeit schwang in dem Begriff "Legastheniker" ein Unterton mit, der weniger Nettes signalisierte als die bloße Beschreibung eines Menschen mit durchaus normaler Intelligenz, aber dem quälenden Problem, geschriebene Buchstaben und Wörter kaum entziffern und verstehen zu können. Heute werden Legastheniker als "Personen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche" (LRS) neutraler beschrieben, und die Störung wird häufiger als früher als Problem erkannt. Unabhängig von der Benennung sind zwischen fünf bis über zehn Prozent der Bevölkerung betroffen.

Die Ursachen der häufig unterschätzten Entwicklungsstörung bleiben verworren: Zu groß ist die Bandbreite der verschiedenen Formen und Ausprägungen der Dyslexie, wie Legasthenie im internationalen Sprachraum genannt wird; vielfältig die wahrscheinlichen Auslöser. Diskutiert als Grund für LRS werden organische Entwicklungshemmungen oder Defekte in bestimmten Hirnbereichen oder den Sinnesorganen ebenso wie psychologische Störungen oder soziokulturelle Ursachen aus dem familiären Umfeld und der Erziehung. Hier Licht ins Dunkel zu bringen und verlässliche Fakten zu sammeln, erweist sich als Mammutaufgabe. Einiges vorzuweisen haben dabei unter anderem schon Forscher, die mit verschiedenen Verfahren das Gehirn von Betroffenen durchleuchteten, um dort mögliche Orte eines Defektes einzukreisen.

Durcheinander im Hirn

In den letzten Jahren kamen so übereinstimmend zwei Phänomene zutage: Offenbar sind bei mühsam Buchstaben entziffernden LRS-Betroffenen bestimmte Bereiche des linken Scheitel-Schläfenlappens eher unter-, andere Areale dagegen eher überbeschäftigt. Genau diese Regionen und ihre Aktivitäten standen nun auch im Blickpunkt des Magnetresonanztomografen von Fumiko Hoeft von der Universität Stanford und ihrer Kollegen.

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Dyslexie: neurologische Schäden in der linken Hirnhemisphäre | Die gelb eingefärbten Hirnareale haben bei Dyslektikern im Durchschnitt geringere Volumina.
Die per fMRI-Scans gewonnenen Erkenntnisse an 23 dyslektischen Kindern, die die Forscher im Vergleich zu dreißig normal lesenden jungen Probanden beim Leseversuch durchleuchteten, bestätigten zunächst einmal weit gehend frühere Untersuchungen: weniger aktiv als beim Durchschnittsleser erwies sich die linke Schläfen-Scheitelregion und der linke fusiforme Gyrus. Die erstgenannte Region ist zuständig dafür, gehörte Wortlaute – Phoneme – mit einem angelernten Orthografieregelwerk abzugleichen. Wird diese Aufgabe nicht ordentlich erledigt, dann sollten die Betroffenen große Probleme schon beim Erlernen des Schreibens haben, so Hoeft und Co. Ein inaktiver Gyrus fusiformis verschärft die Situation noch weiter, denn hier wird zum Beispiel die visuelle Information "Schriftzeichenreihe" als etwas zuvor nach orthografischen Regeln Gelerntes erkannt und an die zuständigen nachgeschalteten Regionen weitergegeben.

Die genannten Areale der linken Hirnhemisphäre sind aber nicht nur weniger aktiv, stellten Hoeft und Co fest – sie scheinen bei den LRS-Kindern zudem im Durchschnitt weniger groß. Dies schließen die Wissenschaftler aus einem zweiten bildgebenden Verfahren, bei dem sie die neuronale Mikroanatomie mit Hilfe eines "voxelbasierten Morphometrie"-Verfahrens en détail abbildeten – ein Verfahren, das Struktur und Volumen von Hirnarealen abbildet.

Ursache oder Wirkung?

Weniger aktiv und kleiner – das klingt nach einem deutlichen Hinweis darauf, dass dort eine der Ursachen für Dyslexie zu finden ist. Doch könnte es auch umgekehrt sein: Die Leseschwäche wäre dann nicht Folge, sondern Ursache der Unterbeschäftigung. So würde die mangelnde Lesefähigkeit ja dazu führen, dass die eigentlichen Aufgaben in den betroffenen Arealen nicht praktiziert werden, etwa weil ein notwendiger früherer Verarbeitsprozess nicht abläuft. Damit spiegelte die Aktivität einfach den Grad der Lesefähigkeit wider, und diese wäre eben niedrig. Sogar morphologisch könnte das die Hirnwindungen letztlich zu dem beobachteten relativen Mickerwuchs verdammen. Wie findet man nun heraus, was in diesem Fall Henne und was Ei der Dyslexie-Entstehung ist?

Die Forscher lösten das Problem, indem sie die dyslektischen Kinder nicht nur mit gut lesenden Altersgenossen verglichen, sondern zudem mit normal entwickelten, aber deutlich jüngeren, die aber gleich gut – also eigentlich noch schlecht – lesen konnten. Der Hypothese der Wissenschaftler zufolge sollte die Aktivität in der linken Hirnhemisphäre der dyslektischen Kinder nun eigentlich nur dann immer noch deutlich niedriger ausfallen, wenn hier die Grundlage der Dyslexie selbst liegt – denn lesen konnten beide Gruppen ja gleich gut. Wie der Test ergab, feuern die Neuronen der verdächtigen linken Areale aber selbst im Vergleich zu den wenig lesekompetenten jüngeren Lesern bei LRS-Kindern weniger stark. Ein hier lokalisierter neuronaler Defekt ist also eindeutig eine der organischen Ursachen, schlussfolgern Hoeft und Kollegen.

Eine weitere Beobachtung von Hoeft und Kollegen rundete das Bild des Hirngeschehens ab – jene der bereits angesprochenen Hirnareale, in denen im fMRI-Bild bei lesenden Dyslexie-Betroffenen Neuronen sogar stärker feuerten als im Durchschnitt. Sie finden sich deutlich weiter vorne im Kopf, im linken unteren und mittleren Frontallappen. Was geschieht hier?

Lesefähigkeit im Frontallappen

Diese Areale, so zeigen die beiden Vergleichstests mit den gleichaltrigen, flüssig Lesenden sowie den gleich schlecht buchstabierenden, jüngeren Vergleichskindern, demonstrieren offenbar tatsächlich die gerade aktuelle Lesefertigkeit des Individuums. Wenn nötig mit Hochdruck, versucht diese Region offenbar mangelnde Leseübung auszugleichen – und war so bei Dyslektikern und jungen Probanden hoch aktiv, während sie sich bei den älteren, schon geübten Durchschnittslesern deutlich ruhiger verhielt. Bekannt ist von diesem Hirnbereich, dass er Aufmerksamkeitsressourcen und Arbeitsspeicher verwaltet – beides wird vermutlich bei ungeübten Lesern stärker beansprucht.

Damit ist, so das nur auf den ersten Blick erstaunliche Schlusswort der Autoren, aber eigentlich noch überhaupt nichts wirklich geklärt. Gut – die Bedeutung eines im linken Schläfen-Scheitellappen und fusiformen Gyrus auch anatomisch feststellbaren neurologischen Entwicklungsdefektes sollte nun als ziemlich gesichert gelten. Dies aber ist nur ein Bestandteil des wohl viel komplexeren Ursachengemenges, das Menschen zu einem der vielen sehr unterschiedlichen Lese-Rechtscheibschwachen macht. So zeigen zum Beispiel viele andere Studien, dass bei erwachsenen Dyslektikern oft auch Hirnareale in der Nachbarschaft des geschädigten linken Hirnlappenabschnittes stark aktiviert werden. Vielleicht, so spekulieren die Forscher, sind dies Erfolg versprechende Kompensationsbemühungen des Gehirns, die durchaus durch gegensteuernde Erziehungs- und Fördermaßnahmen angestoßen werden könnten.
20.02.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.02.2007

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