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Mesoamerika: Literaturdenkmal

Sie schufen die erste Hochkultur Mittelamerikas - und vielleicht auch die älteste Schrift des Kontinents. Jetzt kam eine besonders betagte Schriftprobe der Olmeken genauer unter die Lupe.
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Riesige steinerne Köpfe waren ihr Markenzeichen. Vermutlich stellten die zig Tonnen schweren Kolossaldenkmäler Priesterfürsten dar, die das am Golf von Mexiko lebende Volk der Olmeken beherrschten. Hier, im tropischen Südosten der heutigen mexikanischen Bundeststaaten Veracruz und Tabasco, entstanden bereits um 1500 v. Chr. erste Städte, die mehrere Jahrhunderte bestanden, bis sie schließlich um 400 v. Chr. wieder aufgegeben wurden.

Die Olmeken schufen damit die erste Hochkultur Mittelamerikas, die auch die spätere Zivilisation der Maya maßgeblich beeinflusste. Eine zivilisatorische Leistung wurde ihnen von der Forschung allerdings lange abgesprochen: die Schrift.

In den Jahren 1997 und 1998 tauchten allerdings zwischem allerlei antiken Unrat ein Keramik-Siegel sowie eine Steinplakette auf, die Zweifel an der schriftlosen Kultur aufkommen ließ. Archäologen interpretierten die eingravierten Zeichen als Glyphen, also als symbolische Darstellungen für Buchstaben. Die um 650 v. Chr. geschaffenen Objekte galten bis jetzt als älteste Schrift Mittelamerikas.

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Cascajal-Steinblock | Seitenansicht des etwa 3000 Jahre alten Cascajal-Blocks: Die von den Olmeken eingravierten Zeichen werden als älteste Schrift Mittelamerikas gedeutet.
Bis jetzt. Denn jetzt haben Forscher um Carmen Rodríguez Martínez vom Staatlichen Institut für Anthropologie und Geschichte in Veracruz und Stephen Houston von der Brown-Universität in Providence einen Steinblock begutachtet, den Straßenbauarbeiter der Gemeinde Lomas de Tacamichapa in einem Schutthaufen bereits im April 1999 gefunden hatten. Der 36 Zentimeter lange, 21 Zentimeter breite, 13 Zentimeter dicke und 12 Kilgramm schwere "Cascajal-Block" besteht aus dem Mineral Serpentin und zeigt rätselhafte Gravuren. Auf Grund der Beifunde von Keramikscherben und Tonfigürchen vermuten die Archäologen, dass der Stein in der Epoche zwischen 1200 und 900 v. Chr entstand, als die Olmeken-Stadt San Lorenzo Tenochtitlán ihre Blütezeit erlebte. Damit wäre er etwa 3000 Jahre alt und um vier Jahrhunderte älter als die bisherige Olmeken-Schriftprobe.

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Glyphen | Der 62 Zeichen lange "Text" des olmekische Cascajal-Blocks besteht aus 29 verschiedenen Buchstaben.
Doch enthält der Cascajal-Stein wirklich eine Schrift? Manche der insgesamt 62 Gravuren scheinen konkrete Dinge darzustellen, wie Maiskolben, Fische oder Muscheln; andere bleiben dagegen rätselhaft. Außerdem tauchen etliche dieser Bildchen wiederholt auf: Drei erscheinen viermal, sechs dreimal, zwölf zweimal, und sieben Symbole werden nur einmal benutzt. Demnach besteht der Text – wenn es denn einer ist – aus 28 verschiedenen "Buchstaben".

Die Glyphen sind mitunter zu kurzen Gruppen zusammengefasst, was die Forscher als Wörter und Sätze deuten. Der Text würde demnach horizontal und vermutlich von links nach rechts gelesen – eine für den Kontinent ungewöhnliche Leserichtung, laufen doch spätere Schriften mittelamerikanischer Hochkulturen bevorzugt von oben nach unten.

"Die frühesten Stimmen der mittelamerikanischen Zivilisation werden zu uns sprechen"
(Stephen Houston)
Die Forscher gehen noch weiter: Aus einigen paarweise angeordneten Zeichenabfolgen schließen sie sogar auf Reime – und damit auf das älteste Gedicht Amerikas. Doch offensichtlich war der Dichter seiner Kunst nicht immer ganz sicher, denn die beschriebene Fläche des Steins ist im Gegensatz zu den anderen Seiten nach innen gewölbt. Demnach könnte die Platte mehrfach bearbeitet, dann wieder per Meißel "radiert" und erneut beschrieben worden sein.

Ob die Zeichen wirklich Laute einer Sprache repräsentieren, bleibt offen. Houston ist sich aber sicher: "Wenn wir ihren Inhalt entschlüsseln können, dann werden die frühesten Stimmen der mittelamerikanischen Zivilisation zu uns sprechen."

Womöglich geschieht dies niemals. Denn eine Übersetzungshilfe wie der Rosetta-Stein, der einst die über 3000 Jahre alten ägytptischen Hieroglyphen zum Reden brachte, fehlt bislang.
16.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.09.2006

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