Little Red Dots: Sind Schwarzloch-Sterne real?

Die Little Red Dots (LRDs) halten die astronomische Forschungsgemeinschaft weiterhin in Atem. Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) im Jahr 2022 bei kosmologischen Rotverschiebungen zwischen z = 3 und 8 erstmals entdeckt, ist ihre genaue Natur bis heute ein Rätsel. Von besonders hellen Galaxienkernen über rasant wachsende extrem massereiche Schwarze Löcher bis hin zu »Quasi-Sternen« ist eine Vielzahl möglicher Erklärungen im Umlauf. Sie alle zeichnen jedoch kein konsistentes Gesamtbild. Sicher scheint nur: Die zentrale Rolle spielt fast immer ein Schwarzes Loch. Ende 2025 stellte eine Forschungsgruppe um Anna de Graaff vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg ein weiteres Konzept vor: extrem massereiche Schwarze Löcher in den Zentren ferner Galaxien, die von einer sehr dichten Gashülle umgeben sind – oder etwas prägnanter: Schwarzloch-Sterne. Sie könnten die diversen, scheinbar widersprüchlichen Beobachtungen erklären.
Ein Team um den Astronomen Vasily Kokorev von der University of Texas konnte mit neuen Spektraldaten des Objekts GLIMPSE-17775 den bisher stärksten Nachweis für diese frühen Giganten erbringen. Im Juni 2026 veröffentlichte es seine Arbeit in der Fachzeitschrift »The Astrophysical Journal«. Die Schlussfolgerungen passen genau zum Konzept eines Schwarzloch-Sterns, so die Gruppe. »Keiner der vorherigen Little Red Dots weist alle Beweisstücke an derselben Stelle auf«, erklärt Kokorev gegenüber der NASA. »Aufgrund der Tiefe und der erstaunlichen Qualität des Spektrums können wir mit GLIMPSE-17775 dieses Modell umfassend testen.«
Willkommener Beifang
GLIMPSE-17775 ist ein leuchtkräftiger LRD bei einer kosmologischen Rotverschiebung von z = 3,5. Wir sehen ihn somit in einem Zustand, wie er nur etwa 1,8 Milliarden Jahre nach dem Urknall aussah. Wenngleich leuchtkräftig, reicht die Auflösung der Spektren von LRDs meist nicht aus, um genaue Rückschlüsse auf die physikalischen Prozesse im Inneren ziehen zu können, denn sie sind extrem weit entfernt.
»Wir nahmen jedes Puzzlestück auf, maßen die Linien und begannen, die verschiedenen Teile zu einem Mosaik zusammenzusetzen.«Vasily Kokorev, Astronom
Kokorev und seinem Team spielte ein wenig Glück in die Hände: Als mit dem JWST der Galaxienhaufen Abell S1063 nach Sternen der mindestens genauso rätselhaften Population III abgesucht wurde, zeigte sich in Sichtlinie mit dem massereichen Haufen ein »kleiner roter Punkt«. Er bekam später die Bezeichnung GLIMPSE-17775. Die Gravitationslinsenwirkung von Abell S2063 verstärkte seine Helligkeit. Obwohl der Haufen nur 20 Stunden lang ins Visier genommen wurde, entsprach die Datenqualität dank der Linse einer Belichtungszeit von etwa 80 Stunden. Das Ergebnis ist nicht weniger als das bislang tiefste und detailreichste Spektrum eines LRD, in dem mehr als 40 verschiedene Emissions-, Absorptions- und Rekombinationslinien identifiziert werden konnten. »Als wir das Spektrum zum ersten Mal sahen, war es, als wären alle Teile eines Puzzles auf dem Boden verstreut«, erzählt Kokorev begeistert. »Wir nahmen jedes Puzzlestück auf, maßen die Linien und begannen, die verschiedenen Teile zu einem Mosaik zusammenzusetzen.«
Turbulentes Inneres
Im Spektrum fand das Team mehrere Indizien für eine dichte, teilweise ionisierte und geschichtete Gashülle in der Umgebung des Schwarzen Lochs (siehe »Gefangen im Gaskokon«). Das sind vor allem die breiten Emissionslinien von Wasserstoff, Sauerstoff und Helium im Spektrum von GLIMPSE-17775. Sie lassen sich nicht, wie sonst üblich, allein durch die Bewegung des Materials und die damit einhergehende Verbreiterung aufgrund des Dopplereffekts erklären. Das Linienprofil folgt dabei typischerweise einer Glockenform, einem sogenannten Gauß-Profil (siehe »Indizien im Infraroten«).
Im Spektrum von GLIMPSE-17775 erscheinen sie jedoch deutlich breiter. Dies lässt sich durch die zusätzliche Streuung von Lichtteilchen (Photonen) an bewegten Elektronen in einem optisch dichten Medium, die sogenannte Thomson-Streuung, erklären. Dabei gewinnen oder verlieren die Photonen Energie, wodurch sich auch ihre Wellenlänge ändert. In der Folge wird das gesamte Lichtspektrum über einen breiteren Bereich »verschmiert«. Diesen Bereich bezeichnet das Team daher als Broad Line Region (BLR) und verortet ihn im Inneren der Gashülle. Dort bewegt sich das Gas mit Geschwindigkeiten von etwa 1000 Kilometern pro Sekunde, wie sich aus den Linienbreiten unter Einbezug der Thomson-Streuung ermitteln lässt.
Die schematische Darstellung visualisiert das geschichtete Modell für GLIMPSE-17775. In der inneren, hochgradig ionisierten Broad Line Region (BLR) werden Lichtteilchen (orangefarbene Pfeile) im dichten Medium an Elektronen gestreut. Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) sind hier eng miteinander gekoppelt, und die Gase bewegen sich mit Geschwindigkeiten von bis zu 1000 Kilometern pro Sekunde. Die BLR wird von einer Schicht mittlerer Dichte umgeben (IDR), in der auch die Helium-Triplett-Linien (He) verortet werden. Hier ist die Materie weniger turbulent, mit Geschwindigkeiten zwischen 300 und 500 Kilometern pro Sekunde. Die Emission der zahlreichen Eisenlinien (Fe) findet ebenfalls hier statt, angetrieben durch die kontinuierliche Lyman-α-Strahlung aus dem Bereich des Akkretionsflusses um das Schwarze Loch.
Durch die energiereiche Strahlung aus der Nähe des Schwarzen Lochs werden Wasserstoff-, Sauerstoff- und Heliumatome in der Gashülle zum Teil ionisiert, fangen aber aufgrund der extrem hohen Gasdichte schnell wieder freie Elektronen ein. Aus diesem Grund finden sich neben den starken Emissionslinien auch Rekombinationslinien von neutralen Atomen – in einem vollständig ionisierten Gas gäbe es diese nicht. Der innere Teil des Kokons ist demnach so »optisch dick«, also kaum durchsichtig, dass er einen großen Teil der hochenergetischen Strahlung aus der Nähe des Schwarzen Lochs absorbiert oder abschirmt. Neutrale Atome können daher selbst in unmittelbarer Nähe zum aktiven Kern existieren.
Die breiten Wasserstoff- und Sauerstofflinien bilden zudem einander fast exakt nach (siehe »Gekoppelte Kinematik«). Das liegt an ihren ähnlich hohen Ionisationspotenzialen. Im dichten Gas tauschen sie ihre Elektronen schnell miteinander aus, sodass zwischen beiden ein kontinuierlicher Ladungsaustausch besteht. Der Ionisationszustand, die räumliche Verteilung sowie die Bewegung im Gaskokon von Sauerstoff sind damit stark an Wasserstoff gebunden – das spricht ebenfalls für die Annahme eines dichten Gasgemischs.
Im Infrarotspektrum von GLIMPSE-17775 finden sich mehr als 40 Spektrallinien, von denen hier exemplarisch nur eine kleine Auswahl gezeigt wird. Die Linien von Wasserstoff, Sauerstoff und Helium weisen dabei ungewöhnliche Profile auf: Während die Grundform der für den Dopplereffekt charakteristischen Gauß-Kurve folgt, zeigen ihre Flügel einen exponentiellen Verlauf. Das lässt sich nur mit einer extrem dichten Gashülle erklären. Die Schwefellinien sind dagegen auffallend schmal. Sie stammen aus kühlerem und vergleichsweise ruhigem Gas der Wirtsgalaxie und dienen daher auch als Bezugspunkt zur Bestimmung der kosmologischen Rotverschiebung.
Die überlagerten Profile ausgewählter Wasserstoff- und Sauerstofflinien zeigen keine normale Glockenform, sondern haben weit auslaufende »Flügel« nach links und rechts. Das ist ein entscheidendes Indiz für die im dichten Gas stattfindende Thompson-Streuung von Lichtteilchen an Elektronen. Aus der spektralen Breite kann auf die Geschwindigkeit des Gases geschlossen werden. Die nahezu identischen Breiten von Wasserstoff und Sauerstoff deuten auf eine gemeinsame Bewegung im Gaskokon hin. Die Linien von Helium und Eisen erscheinen dagegen systematisch schmaler, was auf einen Ursprung in weiter außen liegenden, ruhigeren Schichten schließen lässt. Für den direkten Vergleich wurde der Strahlungsfluss normiert.
Ruhigeres Äußeres
Die Gruppe identifizierte zudem insgesamt 16 Emissionslinien von einfach ionisiertem Eisen, die sie auch als Eisen-Wald bezeichnen. Da diese Linien deutlich schmaler ausfallen und sich ohne Thomson-Streuung modellieren lassen, schließt das Team auf eine äußere, weit weniger turbulente Zone, welche die BLR umschließt, die Intermediate Density Region (IDR). Hier bewegt sich das Gas mit Geschwindigkeiten zwischen 300 und 500 Kilometern pro Sekunde.
Die Eisenatome werden durch die Rekombinationsstrahlung von Wasserstoff, die sogenannte Lyman-α-Strahlung, aus dem inneren Bereich stetig angeregt – ein Prozess, der auch als Lyman-α-Pumpe bezeichnet wird. Damit dieser so effizient abläuft, dass 16 Linien gleichzeitig hell genug für eine Entdeckung sind, muss das Gas weiterhin eine vergleichsweise hohe Dichte aufweisen.
Schließlich konnte das Team in der IDR-Zone auch Linien des Helium-Tripletts nachweisen, einen angeregten Zustand des neutralen Heliumatoms, der sehr sensibel auf die Gasdichte reagiert. Darin fanden sich unerwartet starke Emissions- wie auch Absorptionslinien, welche die Gruppe wiederum als Beleg für die hohe Gasdichte wertet. Die im Vergleich zu Wasserstoff und Sauerstoff systematisch schmaleren Linien deuten zudem auf eine Schichtung hin.
Zusammen mit dem ebenfalls beobachteten, wenn auch recht schwachen »Balmer-Break«, einem für LRDs typischerweise auftretenden Abfall der Lichtintensität bei bestimmten Wellenlängen, ergibt sich damit über mehrere unabhängige Beobachtungen hinweg ein einheitliches Bild: GLIMPSE-17775 ist ein Schwarzes Loch, das von einem dichten, teilweise ionisierten und geschichteten Gaskokon umhüllt ist (siehe »Illustration eines Schwarzloch-Sterns«).
Der Knoten ist geplatzt
Das Modell der dichten Gashülle ist elegant und hilft dabei, weitere Rätsel um die roten Punkte zu klären: LRDs sind im Röntgenbereich oft überraschend unauffällig. Von einem heißen Akkretionsfluss erwartet man aber entsprechend energiereiche Strahlung. Im Kokonmodell wird dies so erklärt, dass hochenergetische Strahlung im dichten Gas absorbiert und auch im langwelligen Infrarotbereich wieder abgegeben wird.
»Alles passt zusammen, nichts ist kaputt.«Vasily Kokorev, Astronom
Die beobachteten breiten Emissionslinien kann das Kokonmodell zufriedenstellend erklären. Bei Erklärungsansätzen mit Gauß-Profilen, welche die Linienbreite ausschließlich auf Gasbewegungen zurückführen, ergeben sich deutlich höhere Gasgeschwindigkeiten. Um diese jedoch erklären zu können, benötigt man wiederum Schwarze Löcher mit Massen, die so hoch scheinen, dass sie sämtliche Entwicklungsmodelle infrage stellen. Die neue Arbeit zeigt, dass stattdessen Streuprozesse im dichten Gaskokon dominieren. Die auf diese Weise hergeleitete Masse des Schwarzen Lochs von GLIMPSE-17775 sinkt im Vergleich zu vorherigen Schätzungen um den Faktor zehn auf etwa fünf Millionen Sonnenmassen – das fügt sich besser in das bestehende Bild ein. »Alles passt zusammen, nichts ist kaputt, und ich glaube, das macht das Puzzle, das unser Universum ist, noch besser«, konstatiert Kokorev.
In der Abbildung wurde ein keilförmiger Teil der turbulenten Gashülle des Objekts herausgenommen. So wird das zentrale Schwarze Loch mit seiner umgebenden Akkretionsscheibe sichtbar.
Trotz der offenbar geringeren Masse als ursprünglich erwartet ist das Objekt immer noch extrem hell. Daraus schließt die Gruppe, dass das Schwarze Loch mit etwa dem 1,86-Fachen des theoretischen Limits Masse akkretieren muss. Das könnte wiederum erklären, wie Schwarze Löcher im frühen Universum so schnell so massereich werden konnten.
Möglicherweise ist ein dichter Gaskokon also ein typisches Merkmal der frühen Wachstumsphase extrem massereicher Schwarzer Löcher. Zukünftige Beobachtungen mit noch höherer spektraler Auflösung werden allerdings zeigen müssen, ob alle kleinen roten Punkte nach diesem Prinzip funktionieren oder ob es sich bei GLIMPSE-17775 um ein außergewöhnliches Einzelobjekt handelt. »Auch wenn wir glauben, dass es sich um ein Schwarzes Loch handelt, werden noch einige andere interessante Theorien vorgeschlagen, was sehr spannend ist. Vielleicht haben wir in ein oder zwei Jahren die endgültige Antwort darauf, was diese Quellen antreibt«, so Kokorev.
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