Schulsystem im Locked-in: Deutschlands größte Bildungslücke

Wie sollte die Schule der Zukunft aussehen? Führende deutsche Bildungsforscherinnen und -forscher haben diese Frage für »Spektrum der Wissenschaft« in Form von 15 eng aufeinander abgestimmten Denkanstößen beantwortet. Nun geht die Diskussion weiter: Wie kann das Schulsystem weiterentwickelt werden?
Herr Thümler, Sie beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit der Frage, wie sich das deutsche Schulsystem erneuern ließe. Wie schauen Sie auf das Bild der Schule der Zukunft, das 17 Expertinnen und Experten für »Spektrum.de« entworfen haben?
Ich teile dieses Bild weitgehend. Für mich zeigt es aber vor allem auch, wie riesig die Herausforderung ist, vor der wir stehen. Denn das Schulsystem, das wir haben, unterscheidet sich ganz erheblich von dem Schulsystem, das wir in Zukunft brauchen.
Wo liegen die größten Blockaden?
Das deutsche Schulsystem ist durch und durch auf Stabilität und Kontrolle angelegt. Deswegen tun wir uns hier so schwer mit Veränderungen. Und deshalb ist das entworfene Bild einer Schule der Zukunft im Moment unerreichbar.
»Das deutsche Schulsystem ist durch und durch auf Stabilität und Kontrolle angelegt«
Manche meinen, dass innovative Schulen – etwa die, die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden – einfach nur in die Breite ausstrahlen müssten, und vieles würde sich bessern. Erscheint Ihnen das illusorisch?
Das erscheint mir nicht nur illusorisch, das ist illusorisch. Den Deutschen Schulpreis gibt es seit 2006, die breite Ausstrahlung bleibt aus. Natürlich hat er eine gewisse Wirkung, und es gibt hier und da positive Entwicklungen. Aber die Vorstellung, dass das Herausheben von Positivbeispielen einen systemischen Wandel nach sich zieht, ist völlig unrealistisch.
Sie sind Transformationsforscher. Ihr Fach untersucht, wie sich tiefgreifende technologische und gesellschaftliche Veränderungen vollziehen und wie sie gesteuert werden. Was können Bildungsexperten von einem Prozess wie der Energiewende oder der E-Mobilität lernen?
Zunächst einmal: Die Transformation eines ganzen Systems ist ein Prozess von historischer Dimension. Ein solcher Prozess ist derartig komplex, dass er nicht gesteuert, geschweige denn komplett durchgeplant werden kann. Und: Dass ein System, das einst gute Dienste geleistet hat, in die Jahre kommt und nicht mehr richtig in die Zeit passt, das gibt es auch in anderen Bereichen.
Woran denken Sie konkret?
Das beste Beispiel, das wir in den letzten Jahren in Deutschland beobachten konnten, ist tatsächlich die E-Mobilität. Wir haben eine große, stolze Automobilindustrie, die es nicht hinbekommen hat, diesen Umstieg zu vollziehen, und die sich aus ihrer extrem starken Erfolgsposition verdrängen ließ. In der neuen Technologie ist sie nicht mehr führend, sondern hinkt hinterher und muss jetzt irgendwie aufholen. An diesem Beispiel sieht man sehr gut, dass Systeme eine große Trägheit entwickeln können – selbst wenn die Zeichen der Zeit längst nicht mehr zu übersehen sind. In der Transformationsforschung sprechen wir dann von einem Locked-in.
Das bedeutet?
Ein System ist so in seiner eigenen Logik eingesperrt, so blockiert in den verfestigten Strukturen, dass es nicht mehr imstande ist, sich an seine Umwelt anzupassen, die sich ändert.
Und die Folge?
Man kann dann die Ärmel hochkrempeln, wie man will. Es kommt dabei nur noch mehr desselben heraus. Das ist genau die Situation der Bildung in Deutschland.
»Die Schulen sind die unselbstständigen Einheiten am unteren Ende der Nahrungskette«
In der Transformationsforschung spricht man von Pfadabhängigkeiten, die in solche Sackgassen führen. Welche historischen Entscheidungen oder kulturellen Routinen halten das deutsche Schulsystem so scheinbar unentrinnbar im Griff?
Unser Schulsystem ist ein sehr bürokratisches System, das in starkem Maß von der Verwaltung getragen und gesteuert wird. Leider ist Bürokratie aber nun einmal nicht der Innovationstreiber Nummer 1. Zudem ist das System sehr hierarchisch aufgebaut, und die Schulen sind die unselbstständigen Einheiten am unteren Ende der Nahrungskette. Doch genau dort müsste der Wandel ja gerade geschehen. Bei der vollkommen dysfunktionalen Aufteilung von Zuständigkeiten für unsere Schulen und für Schulentwicklung kann das nicht klappen.
Können Sie das konkretisieren?
Für Pädagogik und Personal ist das Bundesland zuständig, für die Gebäude und Klos die Kommune. International sehen wir jedoch, dass sich die Bündelung von Verantwortung vor Ort und in einer Hand bewährt. Hinzu kommt: In allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gibt es forschungsstarke Unternehmen, die für Innovation sorgen. In der Bildung gibt es das nicht. Stattdessen machen Verwaltung und Bildungsforschung weitgehend unter sich aus, was zur Veränderung des Schulsystems probiert wird, allenfalls mischen noch ein paar Stiftungen mit. Zwischen der wissenschaftlichen Entwicklung neuer Lösungsansätze und der Umsetzung in der Praxis klafft eine Riesenlücke.
Wie kommt man aus dem Locked-in heraus?
Das Gute ist: Wir wissen, wo wir hinwollen; das Zielbild der Schule der Zukunft ist ja ziemlich klar umrissen. Entscheidend ist das Wie – wie kommen wir dahin? In den letzten 25 Jahren sind wir eben nicht entscheidend vorangekommen. Wir versuchen weiterhin, Innovation mit völlig ungeeigneten Methoden zu organisieren.
»Die Wissenschaft entwickelt immer wieder ins Nichts«
Nämlich?
Die Wissenschaft entwickelt immer wieder ins Nichts: Die Innovation endet regelmäßig am Ende jedes neu aufgelegten Programms, denn niemand ist da, der sie aufnimmt und weiterträgt. Ich denke hier vor allem an die verschiedenen Bund-Länder-Projekte, an denen ja auch stets wissenschaftliche Partner beteiligt sind. Jedes Projekt ist ungefähr 130 bis 140 Millionen Euro schwer. Das bekannteste war und ist das SINUS-Programm zur Weiterentwicklung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts. Es startete 1998 und galt lange als das deutsche Vorzeigeprojekt für erfolgreiche Schulentwicklung. Aber davon ist nichts mehr da.
Sie fordern also ein Ende der großen Programme und Projekte?
Statt in Projekten sollten wir anfangen, in Missionen zu denken.
Was verstehen Sie darunter?
Missionen sind eine Methode für die Bearbeitung großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Man setzt sich dabei ambitionierte neue Ziele. Dann bringt man alle Beteiligten zusammen, die einen Beitrag zur Lösung leisten können, und macht – bildlich gesprochen – Räume auf, in denen viele verschiedene Lösungsansätze über lange Zeiträume hinweg erarbeitet, erprobt und kombiniert werden können. So wird ein fortwährender evolutionärer Prozess ermöglicht, in dem wirksame neue Lösungen entstehen. Im Lauf der Zeit setzen sich die besten davon durch und können zu neuen alternativen Systemen heranwachsen.
Das klingt sehr abstrakt. Wo genau ist der Unterschied zu den Programmen, die Sie eben kritisiert haben?
Ich will es an einer anderen innovationsgetriebenen großen Transformation verdeutlichen: der Energiewende. Für diese reicht es nicht aus, Windräder in die Gegend zu stellen, sondern wir müssen ganz viele unterschiedliche Teiltechnologien entwickeln und die müssen miteinander verknüpft werden. Wir brauchen Wind, wir brauchen Solar, wir brauchen den Ausbau der Netze, wir brauchen Batteriespeicher. Das sind sehr komplexe einzelne Teile, an denen viele verschiedene Beteiligte über lange Zeiträume arbeiten, damit robuste, alltagstaugliche Lösungen entstehen, die nach und nach zu einem neuen Energiesystem zusammenwachsen können. Im Bildungsbereich passiert genau das Gegenteil. Da haben wir nicht diese Szene von Akteuren, die über Jahrzehnte hinweg Lösungen entwickeln. Stattdessen haben wir einzelne Projekte, deren Laufzeit von vornherein begrenzt ist. Doch genau danach ist die Sache schon wieder gelaufen. Die Finanzierung ist vorbei, alles bricht zusammen. Statt dauerhafter Innovation organisieren wir sündhaft teure einstürzende Neubauten. Alle großen Schulentwicklungsprogramme der letzten Jahrzehnte haben dieses Schicksal erlitten. Die Folge ist eine große Ernüchterung bei allen Beteiligten.
»Statt dauerhafter Innovation organisieren wir sündhaft teure einstürzende Neubauten«
Wie könnte eine Mission in der Bildung aussehen?
Ich bin selbst an einer Bildungsinitiative beteiligt, die missionsorientiert arbeitet: der noch jungen Bewegung für 100‑Prozent‑Schulen.
Was verbirgt sich dahinter?
Alle Kinder – 100 Prozent – sollen am Ende der Schulzeit sicher die Basiskompetenzen beherrschen: Lesen, Schreiben und Rechnen. Das müssen alle Schulen der Zukunft unseren Kindern versprechen können. Es gibt zwar bereits gute und erprobte einzelne Bausteine für solche Schulen, aber wie man das wirklich umfassend und flächendeckend realisieren kann, wissen wir heute schlicht noch nicht. Hier ist Innovation in großem Maßstab und über einen langen Zeitraum hinweg gefragt.
Woran würden Sie festmachen, dass diese Mission auf einem guten Weg ist?
In Deutschland haben sich bereits zwei unterschiedliche Initiativen für 100-Prozent-Schulen auf den Weg gemacht. Die eine ist eher bottom-up organisiert und setzt auf Entwicklungsprozesse aus den einzelnen Schulen heraus. An der anderen bin ich selbst beteiligt. Sie orientiert sich stärker an erfolgreicher internationaler Praxis. Beide Initiativen teilen dasselbe Ziel, versuchen es aber auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen. So kann nachhaltige Innovation entstehen.
Sollte aus Ihrer Sicht im Bildungsbereich ein kommerzieller Markt für Innovationen entstehen?
Wir müssen dieses sehr stark bürokratisch verfasste, planwirtschaftlich organisierte System in der Tat strukturell verändern, es stärker privatwirtschaftlich organisieren. Das muss aber nicht zwingend kommerziell sein, es gibt die Möglichkeit, das über Non-Profit-Organisationen zu organisieren. Hier könnte man etwa von England lernen. Die Engländer haben den Großteil ihrer Schulen in den letzten 20 Jahren aus kommunaler Trägerschaft herausgelöst und in die Trägerschaft von Non-Profit-Organisationen gelegt, den sogenannten »Academies«. Mit Ergebnissen, die sich sehen lassen können. Die besten Academies sind sehr viel handlungsfähiger und innovativer als herkömmliche Einzelschulen. Wir sollten solche Modelle daher auch in Deutschland erproben.
»Dass aus Schulen mit höherer Autonomie eine Transformation heraus geschieht, ist illusorisch«
Wäre es nicht naheliegender, erst einmal die Schulen vor Ort mit mehr Autonomie auszustatten, sodass sich zum Beispiel die Schulleitungen selbst ihr Personal aussuchen können, das zu ihrer individuellen Schulentwicklung passt?
Schulen autonomer zu machen, wird nicht zum Ziel führen. Transformation bedeutet, dass wir in sehr vielen Bereichen ganz grundlegende Dinge verändern und neu entwickeln müssen. Das kann nicht gelingen, indem Zehntausende autonome Schulen in Deutschland – bei völlig unzureichender Ressourcenausstattung – solche Prozesse erfolgreich anstoßen und durchlaufen. Bei der Energiewende entwickeln auch nicht 10 000 Firmen 10 000 Versionen von Windrädern. Irgendwann gibt es ein Design, das in sehr intensiven Entwicklungsschritten entstanden ist und auf das man sich eben einigt. Dann hat man einen Standard, an den sich mit der Zeit alle anpassen. Nur so wird es auch im Bildungsbereich gelingen. Dazu gehören dann gewiss auch Schulen, die mehr Autonomie haben. Aber dass aus Schulen mit höherer Autonomie eine Transformation heraus geschieht, ist illusorisch.
Sie monieren eine »Riesenlücke« zwischen Bildungsforschung und schulischer Praxis. Wie könnte diese Lücke ganz konkret ausgefüllt werden?
Zum Beispiel mit Innovationsagenturen, die imstande sind, die Ergebnisse aus der Bildungsforschung aufzunehmen, in die Praxis zu bringen sowie dauerhaft am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Sprechen wir jetzt von 16 Agenturen für 16 Bundesländer?
Nein, sondern über bundesweit zuständige Agenturen mit verschiedenen thematischen und didaktischen Schwerpunkten. Eine Agentur könnte sich zum Beispiel dauerhaft um die Entwicklung von Lese- und Schreibkompetenzen kümmern, eine andere um naturwissenschaftlichen Unterricht und so weiter. Die Vorschläge der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz zur Einrichtung digitaler Zentren weisen hier in die richtige Richtung. So könnten in der Zusammenarbeit von Forschung, Unternehmen, die digitale Lerntools entwickeln, und Schulpraxis völlig neue digitale Instrumente entstehen, die wissenschaftlich erprobt und evaluiert und zugleich ganz eng an den Bedürfnissen der Schulen orientiert sind. Die Verbreitung wird dann nicht mehr von Behörden, sondern von den Unternehmen geleistet. Wir müssen wirklich groß denken.
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