Die großen Fragen der Wissenschaft: Können wir ewig leben, Björn Schumacher?

Im Podcast »Die großen Fragen der Wissenschaft« gehen wir den größten Rätseln des Universums auf den Grund. Dieses Interview ist eine gekürzte und angepasste Fassung der Folge »Können wir ewig leben, Björn Schumacher?«.
Herr Schumacher, würden Sie gerne ewig leben?
Schön wäre das schon. Aber es gibt derzeit keinen Anlass zu der Hoffnung, dass das tatsächlich möglich ist.
Warum altern wir und alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten überhaupt?
Das Leben begann einst mit recht simplen Makromolekülen, die sich vervielfältigen konnten. Zunächst war das RNA, und erst später im Verlauf der Evolution setzte sich die deutlich stabilere DNA durch, die heute die komplexere Erbinformation bei fast allen Lebewesen trägt. Und wenn man sich solche Makromoleküle, also eine Kette von einzelnen molekularen Bausteinen, anschaut, dann ist es ganz normal, dass sie irgendwann auseinanderfallen. Das heißt, die Vergänglichkeit ist im Leben schon angelegt. Leben kann nur fortbestehen, indem die DNA immer wieder repariert wird und somit die Erbinformation erhalten bleibt. Die beste Strategie, die sich dafür durchgesetzt hat, ist die, aus einem DNA-Strang möglichst viele zu machen – ihn also zu kopieren. Wenn dann einer nicht mehr funktioniert und zerfällt, ist die Information ja noch in ganz vielen anderen erhalten. So haben sich schon ganz früh in der Evolutionsgeschichte Systeme für die Replikation und die Reparatur gebildet.
Weshalb werden Tierarten dann unterschiedlich alt? Manche Insekten leben nur wenige Tage, Grönlandhaie dagegen haben eine Lebensspanne von bis zu 500 Jahren …
Wichtig für den Fortbestand der eigenen Art ist es, so lange am Leben zu bleiben, bis man lebensfähige Nachkommen in die Welt gesetzt hat, die die Erbinformation weitertragen. Das heißt, es gibt keine Selektion für ein unendlich langes Leben, weil man dann die eigene DNA unendlich perfekt immer wieder reparieren müsste. Doch sobald die Nachkommen die Gene weitertragen, ist die Ursprungsgeneration nicht mehr von Bedeutung. Je länger es dauert, Nachkommen zu zeugen und aufzuziehen, desto länger wird der Körper erhalten. Das sehen wir zum Beispiel bei Schildkröten: Obwohl zunächst sehr viele Eier gelegt werden, dauert es recht lange, bis eine nächste Schildkröten-Generation da ist. Das liegt daran, dass die Sterblichkeit bei den Jungtieren so hoch ist. Fadenwürmer dagegen können innerhalb von wenigen Tagen bis zu 300 Nachkommen zeugen. Die Elterngeneration braucht also nicht lange zu leben.
Wir alle spüren, dass wir älter werden. Die Haare werden grau und die Gelenke steifer. Doch was genau geschieht biologisch in unserem Körper, wenn wir altern?
Das molekulare Altern beginnt schon sehr, sehr früh – im Prinzip bereits in der frühesten Embryonalentwicklung. Aber weil die DNA-Reparatursysteme in den ersten drei, vier Lebensjahrzehnten noch einwandfrei funktionieren, merken wir anfangs noch gar nicht so viel vom Alterungsprozess. Die Generationszeit beim Menschen beträgt etwa 30 Jahre. Das liegt daran, dass es bei uns nicht damit getan ist, dass wir Nachkommen zeugen, sondern wir müssen ihnen noch das eine oder andere beibringen, bis sie selbst unabhängig leben können. Für die Zeit danach sind wir jedoch nicht mehr gut ausgestattet. Das erste Organ, das sich komplett zurückbildet, ist der Thymus – das geschieht schon während der Pubertät. Der Thymus ist notwendig für die Reifung von bestimmten Immunzellen; anschließend wird er nicht mehr benötigt. Als Nächstes nimmt insbesondere bei Frauen die Fertilität ab. Damit verändert sich der Hormonhaushalt, Entzündungsreaktionen nehmen zu. Außerdem passieren bei der Zellteilung immer mehr Fehler; Zellen sterben ab oder entarten – Krebs entsteht. Wir altern also einerseits auf der Ebene der Zellen und ihrer molekularen Bestandteile, aber auch auf der Ebene des gesamten Organismus. Die Krux daran ist, dass wir zunehmend altersassoziierte Erkrankungen entwickeln.
Zum Beispiel?
Wenn Nervenzellen im Gehirn sich nicht mehr regenerieren können, werden wir dement. Man muss dafür gar nicht viel mehr machen, als alt genug zu werden. Im Alter von 85 Jahren liegt das Demenzrisiko bei fast 50 Prozent, es trifft also jeden zweiten Menschen über 85. Der größte Risikofaktor für Krebs ist ebenfalls das Alter. Dazu kommen kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Osteoporose, Nierenversagen oder die Degeneration der Netzhaut, was dann zum Erblinden führt. Und was noch wichtiger ist: Diese Alterskrankheiten kommen selten allein. Die meisten älteren Menschen leiden an zwei oder mehr chronischen Krankheiten gleichzeitig.
Das heißt, man müsste nur das Altern kurieren und schon würde man all diese Krankheiten nicht mehr bekommen?
So ist es. Und das ist auch das Ziel meiner Forschung: dass die Menschen möglichst lange gesund bleiben. Schon in wenigen Jahren wird ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Und davon ist dann mehr als die Hälfte chronisch krank. Derzeit versuchen Ärzte, eine Krankheit nach der anderen zu therapieren und zu heilen. Wir haben dabei auch schon erstaunliche Fortschritte erzielt. Aber: Ist die eine Krankheit überstanden, lauert bereits die nächste. Im Durchschnitt verbringen wir die letzten zehn Jahre unseres Lebens in Krankheit. Eine Welt ohne Krebs wäre für das Individuum ein riesiger Fortschritt. Doch an der Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung würde das gar nicht viel ändern – vielleicht kämen zwei bis drei Jahre hinzu. Das heißt: Wir müssen besser vorbeugen, präventive Medizin machen und die Gesundheitsspanne am Ende des Lebens verlängern.
»Der Fadenwurm Caenorhabditis elegans ist das Arbeitspferd der Alternsforscher«
Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurückgehen. Sie hatten gesagt, Altern wird stark durch DNA-Schäden und durch die abnehmende Fähigkeit des Körpers bestimmt, diese auch zu reparieren. Wie kann man sich diese Reparaturmechanismen vorstellen? Was passiert da auf zellulärer Ebene?
Der Zusammenhang von DNA-Schäden und dem Alter wird sehr deutlich bei Kindern, die mit Fehlfunktionen der DNA-Reparatur geboren werden. Das sind seltene Erbkrankheiten, bei denen sich der Alterungsprozess leider im Zeitraffer vollzieht. Die Kinder sind teilweise noch nicht mal Teenager und haben schon alle möglichen altersassoziierten Krankheiten wie Demenz, Arterienverkalkung, Osteoporose. Man muss sich das so vorstellen: In jeder einzelnen Zelle unseres Körpers kommen an jedem einzelnen Tag unseres Lebens bis zu 100 000 Beschädigungen vor. Das kann zum Beispiel ein Bruch in der DNA sein, chemische Veränderungen durch UV-Strahlung oder Basen, die durch oxidativen Stress ein Elektron verloren haben. Und die müssen ständig repariert werden. Dazu haben unsere Zellen komplexe Systeme entwickelt, die die DNA immer wieder abtasten und die ganz genau unterscheiden können zwischen einer normalen und einer beschädigten DNA-Struktur. Wenn diese Systeme nicht funktionieren, hat das zwei Auswirkungen: Die eine ist, dass es schon früh zur Entstehung von Krebs kommt. Und die andere ist das vorzeitige Altern, was bedeutet, dass Zellen absterben. Das kann Blutzellen betreffen, Hautzellen, Darmzellen, Nervenzellen …
Sie erforschen den Alterungsprozess am Beispiel eines winzig kleinen Fadenwurms von gerade mal einem Millimeter Länge. Was ist das Besondere an diesem Organismus?
Der Fadenwurm ist das Arbeitspferd der Alternsforscher. Caenorhabditis elegans lebt überall in der Gartenerde und hat nur 959 Zellen. Er ist also sehr einfach gebaut. Er lebt bloß etwa drei Wochen. Wenn man eines seiner Gene verändert oder ihn mit einem Medikament behandelt oder ihn einer bestimmten Stresssituation aussetzt, lässt sich recht schnell sehen, welche Auswirkungen das hat. Als Forscher erstmals entdeckten, dass das Tier doppelt so lange lebt wie normal, wenn man bestimmte Gene manipuliert, war das der Startschuss der modernen Alternsbiologie. Denn diese Gene haben andere Lebewesen auch. Das funktioniert auch bei der Taufliege und bei Mäusen – und es gibt Hinweise darauf, dass Menschen, die ganz besonders lange gesund leben, ebenfalls diese genetische Veränderung in sich tragen.
Podcast-Tipp »Die großen Fragen der Wissenschaft«
Was ist Zeit? Woher kommt das Leben? Wie ist das Universum entstanden? Im Podcast »Die großen Fragen der Wissenschaft« laden die Spektrum-Redakteure Katharina Menne und Carsten Könneker ein zu faszinierenden Reisen an die Grenzen unseres Wissens – von Quantenphysik bis Neurowissenschaft, von Meeresforschung bis Kosmologie. Sie fragen, was Forscherinnen und Forscher über die Welt, die Naturgesetze und das Leben wissen, wie sie arbeiten und was sie motiviert.
Was kann man von den Erkenntnissen, die man an Fadenwürmern gewinnt, auf den Menschen übertragen?
Es wäre natürlich schön, wenn wir so einfach wie ein Wurm wären. Es reicht aber leider nicht, nur ein Gen zu verändern, um unser Leben zu verlängern. Doch auf grundlegender Ebene sind die Mechanismen gleich. Wenn wir im Modellorganismus verstehen, wie es funktionieren kann, eine Zelle, ein Gewebe, ein Organ länger gesund zu halten, lässt sich vielleicht nach und nach an den vielen Schrauben drehen, die wir Menschen haben. Die kalorische Restriktion ist ein Beispiel dafür.
Also weniger essen, um länger zu leben?
Genau, und zwar gesund länger zu leben. Das haben Forscher schon vor gut 100 Jahren bei Ratten beobachtet. Später wurde klar, dass eine Verminderung der Kalorienzufuhr bei allen Tierarten zu einer Verlängerung des Lebens führt – auch beim Menschen.
Hungern kann doch nicht per se gesund sein – wie viele Kalorien muss man einsparen, damit es einen positiven Effekt hat?
Wo das Optimum liegt, ist genau die entscheidende Frage. Bei Fadenwürmern kann eine 40-prozentige Verminderung der Kalorienzufuhr deren Leben verlängern. Wenn man allerdings darüber hinausgeht, sterben die Würmer plötzlich früher. Es darf also nicht zu wenig sein und nicht zu viel. Bei Menschen ist die Sache deutlich komplizierter. Hungern ist natürlich eine schlechte Idee, das sollte man nicht machen; Mangelernährung ist sehr gefährlich. Heute sind viele Menschen jedoch eher überernährt oder sogar fettleibig. Wir haben einen Lebensstil, bei dem wir sehr wenig Energie verbrauchen, weil wir kaum noch physisch aktiv sind. Deswegen ist es wichtig, Sport zu treiben. Welche Kalorienmenge optimal ist, ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Und hinzu kommt: Eine sehr starke kalorische Restriktion hält niemand durch. Eine Verringerung der typischen Kalorienzufuhr um 14 Prozent, das hat eine Studie ergeben, lässt sich relativ gut machen, und man sieht einen positiven Effekt. Entscheidend ist dabei immer, dass man es auf Dauer durchhalten kann. Deswegen funktioniert Intervallfasten für viele Menschen gut. Da muss man nicht so hart mit sich selbst sein.
»Ungefähr zu einem Drittel entscheiden unsere Gene darüber, wie lange wir im Alter gesund bleiben. Doch zu zwei Dritteln haben wir es selbst in der Hand«
Außer Sport treiben gibt es auch in der populärwissenschaftlichen Literatur noch weitere Tipps für Longevity, wie es auf Englisch heißt: nicht rauchen, positiv denken, Freundschaften pflegen. Was davon hilft wirklich dabei, lange gesund zu leben?
Ungefähr zu einem Drittel entscheiden unsere Gene darüber, wie lange wir im Alter gesund bleiben. Doch zu zwei Dritteln haben wir es selbst in der Hand. Der wichtigste Umweltfaktor ist das Rauchen. Damit aufzuhören, hat immer einen positiven Effekt – je früher, desto besser. Am allerbesten ist es, wenn man erst gar nicht mit dem Rauchen anfängt. Der positive Effekt von Sport ist auch vollkommen klar. Inzwischen hat sich allerdings herausgestellt, dass es nicht so schlimm ist, wenn man unter der Woche keine Zeit dafür findet, man muss sich dann einfach am Wochenende mehr bewegen. Bei der Ernährung ist es schon viel komplizierter. Es wird davon abgeraten, hochverarbeitete Lebensmittel zu sich zu nehmen; man soll lieber frisches Gemüse essen. Vor allem sollte man aber nicht mehr essen als nötig und außerdem Zucker und Fett reduzieren.
Und was ist mit dem positiven Denken?
Was das angeht, wird es schwierig, eine klare Aussage zu treffen. Ursache und Wirkung lassen sich hier oft nicht klar trennen. Zwar hat sich in der Tat gezeigt, dass Menschen, die eine positivere Einstellung zum Altern haben, auch länger gesund leben. Aber kommen diese Menschen vielleicht aus einer Familie, in der die Leute ohnehin lange gesund bleiben? Dann hat man natürlich auch einen besseren Eindruck vom Altern, als wenn Oma und Opa schon früh todkrank waren.
Wenn man durch den Drogeriemarkt läuft, denkt man, man könne das Altern auch mit Kosmetik und Nahrungsergänzungsmitteln aufhalten. So soll Q10 die Leistungsfähigkeit steigern, die Herzgesundheit fördern, die Falten reduzieren und so weiter. Was nützen Anti-Aging-Cremes und -Pillen – lohnt es sich, 60 Euro und mehr dafür monatlich auszugeben?
Diese Produkte haben immerhin kaum Nebenwirkungen, sie schaden nur dem Konto. Wenn man sich damit besser fühlt und man es sich leisten kann, ist das okay. Allerdings können wir unsere Haut auch ausreichend mit einer ganz normalen Creme versorgen, die weniger kostet. Das Allerwichtigste ist, die Haut vor UV-Strahlung zu schützen, denn die lässt uns vorzeitig altern und führt zu Hautkrebs. Am besten cremt man die Haut im Sommer jeden Tag mit Sonnenmilch ein.
Am Geld hängt es also nicht?
Jein. Ein Faktor, der wirklich einen ganz massiven Einfluss auf das Altern hat, ist der sozioökonomische Status. Der Teil der Gesellschaft mit den niedrigsten Einkommen wird im Schnitt 14 Jahre früher krank und hat eine um neun Jahre geringere Lebenserwartung als die höchsten Einkommensklassen. Das liegt natürlich nicht am Geld selbst, sondern am Lebensstil. Gerade bei denen, die eher zur Fettleibigkeit neigen, wenig Sport treiben, oft rauchen und möglicherweise auch Alkohol konsumieren, können Lifestyle-Interventionen sehr, sehr viel bewirken.
Der älteste Mensch der Welt war, soweit dokumentiert, die Französin Jeanne-Louise Calment. Sie wurde 122 Jahre und 164 Tage alt. Gibt es eine maximale Lebensspanne für uns?
Davon ist auszugehen. Jeanne Calment ist bereits 1997 gestorben, und seitdem ist ihr Rekord nicht mehr gebrochen worden. Und das, obwohl es immer mehr Menschen gibt, die über 100 Jahre alt werden. Es sieht also so aus, als sei bei ungefähr 120 Jahren Schluss.
Könnte man mit dem richtigen Lebensstil nicht auch 150 Lebensjahre schaffen?
Na ja, also theoretisch ist das vielleicht denkbar – aber eben nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Möglicherweise gibt es künftig Entdeckungen oder neue Medikamente, die das Leben verlängern. Immerhin wissen wir inzwischen, dass man aus einer Hautzelle über die sogenannten Yamanaka-Faktoren wieder eine Stammzelle machen kann. Damit lassen sich Zellen quasi reprogrammieren und wieder in einen embryonalen Zustand versetzen. Aus einer Hautzelle kann also wieder eine Nervenzelle werden, die man dann benutzt, um Nervenzellen zu ersetzen, die zum Beispiel bei Parkinsonpatienten abgestorben sind. Da steht die Forschung aber noch ganz am Anfang.
Noch einmal zu Jeanne Calment. Den Quellen zufolge hat sie geraucht, bis sie 119 war. Und dann hat sie nur aufgehört, weil sie sich die Zigaretten nicht mehr selbst anzünden konnte. Wir haben ja schon darüber gesprochen, wie ungesund Rauchen ist. Widerspricht sich das nicht?
Ja, sie hat aufgehört zu rauchen, und drei Jahre später war sie tot. Das ist in der Tat spannend. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Und Jeanne Calment ist sicher eine extreme Ausnahme. Es gibt einfach Menschen, die so widerstandsfähig sind, dass sie trotz Rauchens keinen Krebs bekommen. Und diese Widerstandsfähigkeit zu verstehen, das ist für uns Wissenschaftler ganz wichtig. Das gilt für diese Hochbetagten in besonderer Weise. Ungefähr jeder fünfte Mensch, der über 100 Jahre alt wird, bleibt bis kurz vor seinem Tod gesund. Das zeigt, dass es machbar ist, sehr, sehr lange gesund zu bleiben.
»Auf biologischer Ebene altern wir alle unterschiedlich – sogar eineiige Zwillinge, die genetisch identisch sind«
Warum altern wir so unterschiedlich? Man kennt das von Klassentreffen: Alle sind ungefähr gleich alt und sehen dennoch unterschiedlich alt aus. Können Sie das mit der Altersuhr messen, die Sie entwickelt haben?
Altersuhren sind in der Tat sehr spannend. Denn es gibt einen Unterschied zwischen unserem biologischen und unserem chronologischen Alter. Das chronologische Alter steht in unserem Pass. Doch auf biologischer Ebene altern wir alle unterschiedlich – sogar eineiige Zwillinge, die genetisch identisch sind. Das messbar zu machen, ist essenziell, wenn Sie zum Beispiel überprüfen wollen, ob bestimmte Interventionen etwas nutzen. Wir hatten schon über die kalorische Restriktion gesprochen. Um das Optimum zu finden, brauche ich einen Messwert. Lange Zeit wurden physiologische Parameter bestimmt und über einen gewissen Zeitraum verfolgt. Das waren Werte wie Lungenfunktion, Bauchumfang, Cholesterinwerte und so weiter. Ein echter Durchbruch auf dem Gebiet war dann die Arbeit von Steve Horvath im Jahr 2014. Er hat eine verblüffend präzise Uhr im Körper gefunden: das sogenannte Methylierungsmuster.
Was hat es damit auf sich?
An der DNA, die ja jede unserer Zellen in sich trägt, gibt es über die Zeit chemische Veränderungen, sogenannte Methylierungen. Das sind strukturelle Veränderungen am Erbgut, die nicht die Abfolge der DNA-Bausteine beeinflussen, aber bestimmen, wie die Gene abgelesen werden. Diese Muster kann man ganz einfach über eine Blutprobe für eine große Gruppe von Menschen zwischen 0 und 100 Jahren bestimmen. Da das chronologische Alter bekannt ist, kann man jeden Einzelnen mit dem Durchschnitt seiner Altersgruppe vergleichen. Wenn man nach oben oder unten abweicht, bedeutet das, dass man biologisch eher älteren oder aber jüngeren Menschen ähnelt. Mit einer solchen Messung können wir also verfolgen, ob es etwas nutzt, viermal die Woche Sport zu treiben oder zu fasten. Misst man ein Jahr später erneut, sieht man, ob man tatsächlich ein ganzes Jahr gealtert ist oder vielleicht nur ein halbes Jahr.
Wenn ich jetzt auf meine persönliche Altersuhr schauen wollte, wie würde ich das anstellen?
So einfach geht das derzeit noch nicht. Das erste Mal, dass überhaupt eine Altersuhr definiert wurde, ist gerade mal etwas mehr als zehn Jahre her. Seitdem wurden die Methoden zwar verfeinert – wozu auch meine Arbeitsgruppe beigetragen hat – , allerdings sind wir noch weit entfernt von einem ausgereiften Standard. Was bereits hervorragend funktioniert, ist, Gruppen zu vergleichen. Die einen bekommen ein Medikament, die anderen nicht. Die einen rauchen, die anderen nicht. Die einen machen Sport, die anderen nicht. Da sieht man bereits Unterschiede. Was noch nicht so gut funktioniert, ist die individuelle Vorhersage des biologischen Alters. Da ist man noch dabei, das so zu verbessern, dass es als diagnostischer Test taugt. Aber es gibt bereits Firmen, die so etwas anbieten. Man kann das also schon ausprobieren, sollte die Ergebnisse allerdings mit Vorsicht genießen. Schlägt das Ergebnis stark nach oben aus, kann es freilich ein Hinweis darauf sein, dass man ernsthaft krank ist. Dann sollte man seinen Hausarzt konsultieren und sich durchchecken lassen.
Wir sprachen eben über sozioökonomische Faktoren. Wie wichtig ist es, dass man in Sachen Präventivmedizin die gesamte Gesellschaft mitnimmt und nicht nur die wenigen, die es sich leisten können?
Das ist sogar überaus wichtig. Leider fehlt es da oft am politischen Willen. Präventive Maßnahmen sind in aller Regel viel kostengünstiger, doch der positive Effekt zeigt sich erst mit Verzögerung. Es rollt ja eine riesige Kostenwelle auf uns zu: Wir werden in einigen Jahren einen sehr hohen Anteil chronisch Kranker in der Bevölkerung haben. Und die müssen wir alle pflegen, versorgen, behandeln, therapieren. Das wird unser gesamtes Sozialsystem sprengen. Wir sollten deshalb da intervenieren, wo wir früh Risikofaktoren finden, und das ist meist der Teil der Bevölkerung, der sich Selbstzahlerleistungen nicht leisten kann.
Es werden ja auch bereits Medikamente erforscht, die den Alterungsprozess verlangsamen oder gar aufhalten könnten. Eins davon ist Rapamycin. Wie aussichtsreich ist es, einen Wirkstoff zu finden, der wirklich das Leben verlängert?
Die Suche nach Anti-Aging-Medikamenten ist in vollem Gang. Rapamycin hat den gleichen Effekt wie eine kalorische Restriktion, weil es auf den gleichen zellulären Signalweg wirkt. Das ist natürlich toll, denn wir wissen jetzt seit 100 Jahren, dass kalorische Restriktion funktioniert; doch niemand hält sich an Diäten. Deswegen sind Medikamente wichtig. Rapamycin ist schon ein sehr altes Medikament; es kommt aus der Transplantationsmedizin und unterdrückt das Immunsystem. Das will man in diesem Kontext natürlich nicht, weshalb man inzwischen versucht, Stoffe zu finden, die ähnlich funktionieren, aber das Immunsystem intakt lassen. Auch das Diabetesmedikament Metformin zeigt Anti-Aging-Effekte. Welche Chancen darin stecken, gängige Medikamente umzuwidmen, zeigt ja die Abnehmspritze, die auf dem Wirkstoff Semaglutid basiert. Man hat festgestellt, dass die Menschen, die damit behandelt werden, plötzlich abnehmen, dass sie länger leben, weniger Nierenerkrankungen bekommen und sogar besser vor Herz-Kreislauf-Leiden geschützt sind. Das ist der Beweis, dass man das Altern an sich behandeln kann. Ob Semaglutid auch bei Normalgewichtigen all diese Vorteile bringt, weiß man allerdings bislang nicht.
Glauben Sie, dass wir eines Tages vielleicht mehr Angst vor dem ewigen Leben haben könnten als vor dem Tod?
Nein. Aus meiner Sicht hat das Leben einen Wert an sich. Darum müssen wir auch aufpassen, dass wir alte und kranke Menschen nicht abstempeln, weil sie uns als Gesellschaft so viel kosten. Wir müssen andere Lösungen finden, um das abzufedern.
Wie stellen Sie sich mit dem Wissen des Alternsforschers das Sterben vor?
Das ist schwer vorzustellen. Aber viel spektakulärer als der Tod ist für mich das Leben. Deshalb beschäftige ich mich auch damit.
Was würde es für uns als Gesellschaft bedeuten, wenn Menschen plötzlich erheblich länger lebten?
Wir müssen uns gut und vor allem schnell überlegen, wie wir uns in Anbetracht des demografischen Wandels verhalten. Es wird sicherlich nicht funktionieren, die heutigen Sozialsysteme zu erhalten, wenn ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 ist. Wenn sich dann Menschen im mittleren Alter um ihre kranken Eltern kümmern müssen, weil sie sich die Pflegekosten nicht leisten können, und deswegen nicht voll arbeiten gehen, belastet das das System zusätzlich. Wir müssen den Generationenvertrag neu denken. Wir brauchen eine inklusive Gesellschaft, in der Alte und Junge gemeinsam harmonisch leben und, soweit sie können, ihren Teil beitragen. Warum beispielsweise kann man Altenheim und Kindergarten nicht zusammendenken?
Was sind ethische Grenzen bei der Manipulation des menschlichen Alterungsprozesses?
Für mich verlaufen ethische Grenzen vor allem da, wo medizinische Erkenntnisse nur sehr wenigen Menschen zugutekommen. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass die Alternsforschung nur etwas für Superreiche ist. Im Gegenteil. Natürlich ist medizinische Innovation immer teuer, doch es geht um die Zukunft aller Menschen – das sollte uns also etwas wert sein.
»Altern ist ein lebenslanger Prozess, der schon in der Kindheit beginnt. Wir sollten daher schauen, dass wir alle zusammen gesund miteinander altern«
Was denken Sie über Wissenschaftler, die öffentlich versprechen, dass sich das Altern eines Tages wirklich aufhalten lässt? Tun Sie das als Bullshit ab oder ist da irgendwas von zu halten?
Also Helmut Schmidt hat ja mal gesagt, wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Auf der anderen Seite sind Visionen natürlich auch wichtig. Ich habe absolut nichts dagegen, wenn jemand daran glaubt, dass der Mensch eines Tages 1000 Jahre alt werden kann. Man sollte es nur nicht als Versprechen verstehen, denn das ist natürlich Unsinn. Niemand hat bislang die Kristallkugel erfunden, die die Zukunft sicher vorhersagen kann.
Wo wir schon beim Thema sind: Es gibt ja allerlei Visionen. Transhumanisten lassen sich einfrieren in der Hoffnung, dass man sie in der Zukunft dank neuer Techniken wieder auftauen und ins Leben zurückholen kann. Ist das eine gute Strategie?
Das ist wirklich unseriös. Das Versprechen, dass ein toter Mensch eingefroren und irgendwann wieder aufgeweckt werden kann, halte ich für Blödsinn. Da steckt zwar echte Forschung hinter – es geht aber eher darum, wie man Organe mit innovativen Frostschutzmitteln besser erhalten kann, um sie dann mit einem gewissen Zeitverzug transplantieren zu können.
Wie können wir das Älterwerden enttabuisieren und positiv gestalten?
Es ist wichtig, ältere Menschen besser in die Gesellschaft einzubinden. Häufig verlieren wir mit dem Renteneintritt unseren Platz im sozialen Gefüge. Das ist bei Männern noch wesentlich dramatischer als bei Frauen. Dabei ist Altern ein lebenslanger Prozess, der schon in der Kindheit beginnt. Wir sollten daher schauen, dass wir alle zusammen gesund miteinander altern.
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