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News: Lucys große Schwestern

Bisher gilt als ausgemacht, dass sich die Geschlechter von Australopithecus afarensis stark voneinander unterschieden haben: Die Männchen waren groß, die Weibchen deutlich kleiner. Wäre diese Annahme falsch, hätte das erhebliche Konsequenzen für das Sozialverhalten dieser Vorfahren des Menschen.
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Das Bild ist weltberühmt: Durch eine karge Steppenlandschaft wandern zwei urtümliche Gestalten – ein großer Mann und eine zierliche Dame –, gefolgt von einem dritten Wesen in gebührlichem Abstand. Die Szenerie, festgehalten von dem Wissenschaftsillustrator Alfred Kamajian, soll sich so ähnlich vor 3,6 Millionen Jahren in der ostafrikanischen Savanne im heutigen Tansania abgespielt haben. Die versteinerten Fußspuren von Laetoli, auf denen die künstlerische Rekonstruktion beruht, gelten zu Recht als eine der bedeutendsten Entdeckungen zur Menschheitsgeschichte, beweisen sie doch eindrucksvoll, dass Australopithecus afarensis, von dem die Fährten vermutlich stammen, bereits aufrecht ging.

Doch das Bild bleibt reine Phantasie. Ob die Abdrücke tatsächlich von einem großen Mann und einer kleinen Frau stammen, können die Anthropologen nicht sicher sagen. Die kleinere Person könnte genauso gut ein Kind gewesen sein. Wie dem auch sei, die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass die Australopithecinen über einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus verfügten – mit großen, kräftigen Männchen und deutlich kleineren Weibchen.

Philip Reno hat da allerdings seine Zweifel. Der Anthropologe von der Kent State University hält die Datenlage dafür zu dünn. Die Annahme beruhe auf nur wenigen Funden, wobei nicht nur die Artbestimmung, sondern auch die Zuordnung zu einem Geschlecht häufig unsicher sei. Nur in wenigen Fällen, wie beim nahezu vollständigen Skelettfund von Australopithecus afarensis mit der Katalogbezeichnung A.L. 288-1, lässt sich das Geschlecht insbesondere aufgrund der Beckenanatomie eindeutig zuordnen: A.L. 288-1 war ein knapp über einen Meter großes Weibchen – und ist heute unter dem Namen "Lucy" allseits bekannt.

Ansonsten neigen Anthropologen bei Fossilfunden zu der Vermutung, dass die größeren Individuen wohl Männchen, die kleineren eher Weibchen waren. Berücksichtigt man außerdem noch, dass die Funde geographisch getrennt und zeitlich mindestens etliche hunderttausend Jahre auseinander liegen, könnten Unterschiede in der Körpergröße schlicht auf räumlichen und zeitlichen Variationen zurückzuführen sein.

Der vermutete Geschlechtsdimorphismus beruht im Wesentlichen auf dem Fund A.L. 333, der 1975, eine Jahr nach Lucys Entdeckung, wieder das Licht der Welt erblickte. Die über 200 Knochenfragmente stammen von mindestens 13 Individuen, die hier gleichzeitig ums Leben gekommen sein müssen. Damit erwies sich eine 3,2 Millionen Jahre zurückliegende Katastrophe als wahrer Glücksfall für heutige Anthropologen. Aufgrund der unterschiedlichen Knochengrößen schlossen die Forscher, dass Männchen von Australopithecus afarensis im Schnitt etwa 45 Kilogramm schwer waren, während die Weibchen nur knapp 30 Kilogramm auf die Waage brachten.

Und genau diesen Fund hat sich Reno zusammen mit seinen Kollegen noch einmal vorgenommen. Er konzentrierte sich jedoch vor allem auf ein Merkmal: die Größe des Gelenkkopfes des Oberschenkels. Denn Vergleiche mit heutigen Menschen sowie Schimpansen und Gorillas zeigten den Forschern, dass zwischen Gelenkkopfgröße und Körpergewicht ein fester Zusammenhang besteht. Geeicht über "Lucy" als Standard zeigte sich dabei, dass sich die Geschlechter von Australopithecus afarensis nicht so stark voneinander unterschieden wie bisher angenommen. Der Geschlechtsdimorphismus entsprach eher dem des heutigen Menschen.

Was heißt das nun? Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus, so vermutete bereits Charles Darwin, entsteht dann, wenn wenige Männchen um viele Weibchen buhlen müssen. Die natürliche Selektion bevorzugt dann große, kräftige Männchen, die ihre Geschlechtsgenossen aggressiv bekämpfen. Deutlich wird dies bei Pavianen und Gorillas mit ihren besonders großen Männchen, die stark untereinander konkurrieren.

Bei Schimpansen – und letztendlich auch beim Menschen – ist die männliche Konkurrenz nicht so stark ausgeprägt. Die Männchen tolerieren sich, die sozialen Gemeinschaften zeigen kooperatives Verhalten, und der Geschlechtsdimorphismus ist deutlich geringer. Sollten die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch bei Australopithecus afarensis tatsächlich ebenfalls nur gering gewesen sein, dann deutet dies nach Ansicht von Reno darauf hin, dass bereits diese Vormenschen in sozial kooperierenden, monogamen Gruppen zusammenlebten.

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