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Australopithecus deyiremeda: Lucys neuer Nachbar

In Äthiopien haben Wissenschaftler Fossilien eines Australopithecus gefunden. Der fremdartige Nachbar von Lucy gehört wohl zu einer eigenen neuen Vormenschenart.
Bruchstücke von Ober- und UnterkieferLaden...

Lucys Nachbar feiert seinen Einstand: Im Norden von Äthiopien haben Wissenschaftler fossile Bruchstücke eines Kiefers und Zähne eines frühen Verwandten des Menschen gefunden. Dieser lebte vermutlich zeitgleich mit Lucys Artgenossen, dem Australopithecus afarensis, wird aber von den Forschern einer anderen, bislang unbekannten Spezies zugerechnet. Die Wissenschaftler tauften sie auf den Namen "Australopithecus deyiremeda", die dem neuen Fund nach zu urteilen vor ungefähr 3,5 bis 3,3 Millionen Jahren auftrat.

Die fossilen Überreste kamen lediglich 35 Kilometer von der berühmten Fundstelle Hadar zum Vorschein. Dort wurden neben Lucy zahlreiche weitere Angehörige der Art A. afarensis gefunden, deren Alter zwischen ungefähr 3,7 bis 3 Millionen Jahren liegt. Folglich überlappten die beiden Australopithecinen-Arten zeitlich und räumlich (Lucy selbst lebte aber womöglich vor zu kurzer Zeit, um einem leibhaftigen A. deyiremeda begegnet zu sein.)

Abgüsse der FossilfundeLaden...
Abgüsse der Fossilfunde | Chefwissenschaftler Yohannes Haille-Selassi hält Abgüsse der fragmentierten Fossilfunde. Form und Größe des Kiefers passen nicht zu der von zahlreichen Fossilien bekannten Anatomie des Australopithecus afarensis.

Der Fund legt nahe, dass vor über drei Millionen Jahren diverse Homininen – also Arten, die enger mit dem modernen Menschen als mit den Schimpansen verwandt sind – im östlichen Afrika beheimatet waren. Eine dritte Art, der Kenyanthropus platyops, existierte etwa zeitgleich im heutigen Kenia. "Da stellt sich natürlich schnell die Frage, aus welcher davon sich die Gattung Homo entwickelt hat", sagt Yohannes Haille-Selassie. Der Paläoanthropologe vom Cleveland Museum of Natural History in Ohio ist Leiter des Teams, das den neuen Fund aktuell im Fachmagazin "Nature" vorstellt. "Das ist die große Preisfrage."

Massiger Kiefer mit kleinen Zähnen

Die Bedeutung ihrer Entdeckung war den Wissenschaftlern zunächst gar nicht bewusst. Im März 2011, am vermeintlich allerletzten Tag ihrer Grabungskampagne, stießen sie in der unwirtlichen Woranso-Mille-Region im Norden Äthiopiens auf die Fragmente von Ober- und Unterkiefer. "Das zwang uns, den Aufenthalt im Feld zu verlängern", sagt Haille-Selassie.

Angesichts der Nähe zu Hadar, wo neben Lucys beinahe komplettem Skelett Hunderte weitere Fossilien des A. afarensis ausgegraben wurden, gingen die Wissenschaftler zunächst davon aus, dass sie es ebenfalls mit einem Angehörigen dieser Art zu tun hätten. Eine genauere Betrachtung zeigte dann allerdings, dass der Unterkiefer massiger und die Zähne kleiner waren als bei den Nachbarn aus Hadar üblich. Ebenso wenig überzeugte die Zuordnung zu K. platyops. Diese Art ist auf der Basis eines 3,5 Millionen Jahre alten, flachgesichtigen Schädels aus der Gegend des Turkana-Sees in Kenia definiert.

"Wir sind überzeugt, dass es Unterschiede zu allen bekannten Arten gibt", erklärt Haille-Selassie. Unterstützung für diese Sichtweise erhofft sich das Team von einem weiteren Fund aus Woranso-Mille, dessen Artzugehörigkeit noch offen ist. Es handelt sich dabei um Teile des Fußskeletts eines Homininen, der mehr Zeit in den Bäumen verbracht zu haben scheint als Lucy und ihre Artgenossen. Möglicherweise lässt er sich direkt mit A. deyiremeda in Verbindung bringen. "Das würde uns mehr Argumente dafür liefern, dass es sich um eine ganz neue Art handelt", sagt Haille-Selassi.

Teil einer großen Verwandtschaft

Der Artname "deyiremeda" leitet sich aus den Ausdrücken für "nah" und "Verwandter" in der örtlichen Sprache Afar ab. Laut Haille-Selassie ist es im Grunde gar nicht so überraschend, dass vor dreieinhalb Millionen Jahren mehr als nur eine einzige Homininen-Art in Ostafrika lebte, zumal ihre Nachfahren eine Million Jahre später eine vergleichbare Vielfalt zeigten.

Fred Spoor vom University College London, der einen begleitenden Kommentar zur Veröffentlichung von Haille-Selassie und Kollegen verfasste, hält es für gut möglich, dass beide Arten problemlos nebeneinander existierten, weil sie weder um Nahrung, Unterkunft noch Gebiete konkurrierten. Die unterschiedlichen Zahn- und Kieferformen von A. deyiremeda und A. afarensis legen nahe, dass sie für unterschiedliche Arten von Nahrung in Anspruch genommen wurden. Aber angesichts der bislang noch spärlichen Befunde warnt Spoor vor übereilten Schlussfolgerungen über das Verhältnis beider Arten. "Man sollte jetzt nicht denken, dass sie am Ufer des Awash standen, sich die Hände schüttelten und 'Was machst du denn hier?' riefen."

Der Artikel erschien unter dem Titel "New human ancestor discovered near fossil of 'Lucy'" in "Nature".

Yohannes Haille-Selassie erklärt den Fund (englisch)

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