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News: Lügen haben kurze Flossen

'Und ewig lockt das Weib' - das gilt auch für kleine Fische wie den Dreistacheligen Stichling. Prächtig geschmückt, umwirbt der Stichlingsmann seine Angebetene mit einem auffälligen Hochzeitstanz. Damit sie ihn erhört, schreckt der Kavalier auch vor kleinen Betrügereien nicht zurück. Doch die Konkurrenz schläft nicht ...
Die Balz des Dreistacheligen Stichlings (Gasterosteus aculeatus), erstmalig 1940 von dem Verhaltensforscher Nikolaas Tinbergen beschrieben, gilt als Paradebeispiel eines durch Schlüsselreize gesteuerten Sozialverhaltens. Erblickt ein Männchen den geschwollenen Bauch eines laichbereiten Weibchens, beginnt es mit einem Zickzacktanz um das Weibchen zu werben. Sein roter Bauch zeigt dem Weibchen: "Hier ist ein gesunder Mann, der sich um deinen zukünftigen Nachwuchs kümmern wird." Das Weibchen laicht daraufhin in dem vom Männchen gebauten Nest, das Männchen besamt die Eier, vertreibt das Weibchen und betreut das Nest alleine.

Wie die finnische Biologin Ulrika Candolin von der University of East Anglia in Norwich beschreibt, geht es jedoch nicht immer so ehrlich zu (Animal Behaviour vom Oktober 2000). Ältere oder kranke Stichlingsmännchen täuschen mitunter mit ihrem rotem Bauch eine Gesundheit vor, über die sie gar nicht mehr verfügen. Die Natur arbeitet hier mit knallharten Kosten-Nutzen-Analysen: Normalerweise können sich nur gesunde, gut genährte Männchen den Luxus leisten, ihren Bauch durch Beta-Carotinoide aus der Nahrung zu färben. Ein altes oder krankes Männchen, das nicht mehr lange leben wird, hat jedoch nichts zu verlieren. Es setzt alles auf eine Karte und färbt seinen Bauch leuchtend rot, um so seine letzte Chance auf Nachwuchs zu nutzen. Der Betrug kann soweit gehen, dass das Männchen die Eier des getäuschten Weibchens frisst, statt sie zu besamen und zu pflegen. Aus den Energiereserven der Eier schöpft der Betrüger neue Kraft für eine weitere Balz.

Doch konkurrierende Männchen machen dem Betrüger einen Strich durch die Rechnung. Der rote Bauch ist nicht nur ein Schlüsselreiz für laichbereite Weibchen, sondern auch für andere Männchen. Erblickt ein paarungsbereites Männchen den gefärbten Bauch eines Nebenbuhlers, sieht es im wahrsten Sinne des Wortes rot. Der Konkurrent wird sofort attackiert.

Als Ulrika Candolin unterschiedlich gesunde Männchen zusammenführte, verloren die betrügenden, schwachen Männchen ihre Rotfärbung, sobald sie ihre gesunden Artgenossen sahen. Offensichtlich konnten sie so einen Angriff vermeiden und verzichteten daher auf ihren Betrug. "Dass die Ehrlichkeit bei Konkurrenz unter Männchen steigt, ist ein wenig unerwartet", meint Candolin, "Wettbewerb gilt normalerweise nicht als förderlich für Ehrlichkeit." Doch die Natur scheint auch hier für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen.

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