Direkt zum Inhalt

Der rechte Zeitpunkt für die Reformation : Luther, der Medienrevolutionär

In einer Zeit, in der Bild und Text durch neue druckgrafische Techniken schnelle Verbreitung fanden, machte sich Martin Luther diese zu Nutze, um seine reformatorischen Ideen unter das Volk zu bringen.
Die Bibel

Es "luthert" gewaltig im medialen Blätterwald. Seit dem Startschuss zur so genannten Reformationsdekade vor fast zehn Jahren treibt der Hype um den großen deutschen Reformator seinem Höhepunkt entgegen: Vor 500 Jahren, am 31. Oktober anno 1517, soll der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche genagelt haben.

Ganz gleich, ob die "Urszene der Reformation" tatsächlich so stattgefunden hat, wie es uns deutsch-nationale Kreise im 19. Jahrhundert gerne weismachen wollten, die Veröffentlichung von Luthers Thesen hat eine Revolution des Glaubens ausgelöst, welche die Welt grundlegend veränderte. Allerdings, so der britische Historiker Andrew Pettegree, hätte die Reformation niemals eine so große Breitenwirkung entfalten können, wenn nicht gut ein halbes Jahrhundert zuvor im kurfürstlichen Mainz eine andere – technische – Revolution die Voraussetzung dafür geschaffen hätte: die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg.

Die Schwarze Kunst

Ähnlich wie die vierte industrielle Revolution der Digitalisierung heute, so löste die Drucktechnik mit beweglichen Metalllettern vor rund 550 Jahren eine Art Medienrevolution aus, die den Alltag der Menschen an der Schwelle von Mittelalter zu Neuzeit grundlegend veränderte. Die Druckerpresse beschleunigte die Ausbreitung von neuen Ideen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und geistigen Strömungen, die Mitte des 15. Jahrhunderts durch gewaltige Entdeckungen und grundstürzende Erfahrungen den Horizont des Menschen erweiterten. Weitsichtige Zeitgenossen wie etwa Erasmus von Rotterdam (um 1467-1536) oder der deutsche Humanist Jakob Wimpfeling (1450-1528) hatten das grundlegend Neue der Erfindung früh erkannt und priesen die Schwarze Kunst als "historische Zäsur" und "geniale Erfindung".

Vor der Erfindung des Buchdrucks war die Herstellung von Büchern ein mühsames Geschäft. In einem aufwändigen Prozess musste Text für Text von Hand geschrieben werden. Diese Manuskripte (von lateinisch "manus", die Hand, und "scribere", schreiben), von Mönchen in klösterlichen Skriptorien in langwieriger Arbeit verfasst, waren Meisterwerke der Kunst und auf einen exklusiven Kreis von Lesekundigen beschränkt. Gutenbergs Erfindung änderte dies alles mit einem Schlag: Durch den mechanischen Buchdruck konnten Bücher fortan schnell, preiswert und in hoher Stückzahl vervielfältigt und das in ihnen vermittelte Wissen massenhaft verbreitet werden. "Zum ersten Mal in der Weltgeschichte gab es nun das Phänomen der Massenliteratur, im doppelten Sinn des Wortes: der massenhaften Verbreitung des Buchs und der Einwirkung des Buchs auf Lesermassen", so Bernd Moeller.

Der evangelische Kirchenhistoriker war einer der Ersten, die auf den Zusammenhang von Buchdruck und Reformation hingewiesen hat: "Ohne Buchdruck keine Reformation", denn erst Gutenbergs Erfindung, so Moeller, habe es Luther ermöglicht, seine revolutionären Ideen massenhaft zu verbreiten.

Boomende Technik

Luthers Thesen erfuhren deshalb eine so große Resonanz, weil sich der Buchdruck um das Jahr 1500 bereits als Alltagstechnik etabliert hatte. Laut dem Mainzer Buchwissenschaftler Christoph Reske, der die Druckorte des 16. Jahrhunderts im gesamten deutschen Sprachgebiet untersucht hat (gemeint ist dabei das Heilige Römische Reich in den Grenzen von 1648, also ohne die Schweiz, aber mit dem Elsass und den deutschsprachigen Städten im Ostseeraum), wurde in diesem Sprachraum an 45 Orten in rund 400 Druckereien gedruckt.

Johannes Gutenberg
Johannes Gutenberg

Dass allerdings ausgerechnet von dem damals rund 2000 Einwohner zählenden und am Rand des abendländischen Kosmos gelegenen kursächsischen Wittenberg eine religionsgeschichtliche Revolution ausgehen würde, die das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ins Wanken brachte, damit konnte um 1500 niemand rechnen. Immerhin hatte das beschauliche Städtchen um diese Zeit "schon etwas zu bieten, was nur sechs Prozent der insgesamt etwa 3500 Städte im deutschen Sprachraum vorweisen konnten: eine oder mehrere Druckereien in ihren Mauern". Mit Nikolaus Marschalk, Wolfgang Stöckel, Hermann Trebelius, Johannes Rhau-Grunenberg und Symphorian Reinhardt verfügte die Stadt über fünf Buchdrucker, die bereits vor Beginn der Reformation gedruckt haben. Dies lag vorrangig an Wittenbergs Status als Universitätsstadt und dem geistigen Hunger der Studenten nach dem gedruckten Wort.

Zweifelsohne begünstigte die Universitätsgründung anno 1502 auf Betreiben des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. (1463-1525) das Geschäft mit der Schwarzen Kunst, doch erst mit Luther boomte Wittenbergs Druckerhandwerk. Er und die reformatorische Bewegung trugen wesentlich dazu bei, dass die Stadt an der Elbe zu einem Zentrum von Buchproduktion und -handel avancierte. In den 1520er Jahren gab es in Wittenberg fast 40 Druckerwerkstätten, die sich laut dem Leipziger Historiker Thomas Fuchs auf reformatorische Literatur konzentriert und monopolartige Verhältnisse geschaffen hatten.

Worin bestand nun aber konkret der Nutzen des Buchdrucks für die protestantische Bewegung, jene Erfindung also, die Luther einmal als "das höchste Geschenk, durch welches Gott die Sache des Evangeliums vorantreibt", bezeichnete?

Bröckelndes Wissensmonopol

"Kein anderes Ereignis hat den Solarplexus der katholischen Kirche so sehr getroffen wie die Veröffentlichung der 95 Thesen Luthers", befand der französische Historiker Jacques Le Goff (1924-2014). Der Grund dafür lag im Wesentlichen darin, dass der unbeugsame Reformator damit nicht nur die Autorität der katholischen Kirche in Frage stellte, sondern dies auch noch in aller Öffentlichkeit tat.

"Zum ersten Mal in der Weltgeschichte gab es nun das Phänomen der Massenliteratur"(Bernd Moeller)

Jahrhundertelang hatte die katholische Kirche das Bildungsmonopol inne. Im Mittelalter schlummerte tradiertes Wissen hinter dicken Klostermauern und war nur einer kleinen Elite zugänglich, vornehmlich Geistlichen, die lesen und schreiben konnten. Bis ins 15. Jahrhundert kannten die wenigsten die Bibel durch eigene Lektüre. Das lag nicht nur daran, dass ein großer Teil der Gesellschaft nicht schriftkundig oder des Lateinischen mächtig war, sondern an der restriktiven Haltung der Kirche, die Laien verbot, die Heilige Schrift zu lesen.

Nach dem Motto "Wissen ist Macht" verbot Papst Innozenz III. 1199 die Bibellektüre bei privaten Zusammenkünften. 30 Jahre später wurde auf der Synode von Toulouse Laien generell der Besitz des Alten und des Neuen Testaments untersagt. Schließlich verfügte 1376 seine Heiligkeit Papst Gregor XI., dass Schriften über die Bibel nur unter der Leitung der Kirche verfasst und verbreitet werden dürfen. "Biblisches Wissen", so die an der Technischen Universität Dresden lehrende Literaturhistorikerin Marina Münkler, "sollte den Laien vorwiegend über die Predigt vermittelt werden."

Seit Menschengedenken hatte die "unfehlbare Mutter Kirche" das Deutungsmonopol um die Auslegung des wahren Glaubens für sich reklamiert und war auch nicht gewillt, dieses aus der Hand zu geben. Unangepasste Denker, die theologische Lehrsätze in Frage stellten und Kritik an der Papstkirche übten, wurden mundtot gemacht, als Ketzer verfemt und mussten ihre "Irrlehren" öffentlich wiederrufen. Wem sein Leben lieb war, tat dies. Wer sich dem Dogmenterror der Kirche aber nicht beugte, landete wie Jan Hus samt seiner Schriften auf dem Scheiterhaufen.

"Ohne Buchdruck keine Reformation"(Bernd Moeller)

Gerade was das Buch der Bücher, die Heilige Schrift, und deren Interpretation anlangte, beharrte die katholische Kirche auf ihrer alleinigen Deutungshoheit. Der Grund dafür lag auf der Hand: 100 Jahre vor Luther traf der böhmische Reformator Jan Hus den Nagel auf den Kopf, als er feststellte, dass "die kirchliche Obrigkeit mit Macht dahin arbeitet, dass die gemeinen Leute zur Kenntnis der Schrift nicht kommen". Dies, so Hus weiter, täten sie aus bloßem Eigennutz, "damit das Volk bei der Predigt ihre Irrtümer nicht merkt und […] weil sie fürchten, dass sie von den Laien nicht mehr so geehrt werden, wenn diese die Heilige Schrift lesen möchten".

Erst das Druckverfahren mit beweglichen Lettern ermöglichte es, dass sich die Schriftkultur auch außerhalb der Kirche verbreitete und vormals sorgsam gehütetes Wissen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Gutenberg hatte die Büchse der Pandora geöffnet, auf welche die katholische Kirche lange Zeit den Deckel gehalten hatte. Mit dem Resultat, dass die katholische Kirche ihr jahrhundertealtes Monopol auf die Köpfe und Herzen der Christen verlor.

Dominostein der Reformation

Luther war nicht der erste Querdenker, der die Amtsführung der Papstkirche kritisierte und einer Erneuerung der "einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" das Wort redete. Bereits 100 Jahre bevor der Augustinermönch seine 95 Thesen veröffentlichte, hatten der englische Theologe John Wyclif (um 1330-1384) und der böhmische Reformator Jan Hus (um 1370-1415) Kritik an der Kirche geübt, allein es fehlte ihnen das Medium, um ihre Thesen einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. So gesehen hat der britische Historiker Arthur Geoffrey Dickens Recht, wenn er die Reformation als "book event" bezeichnet.

Martin Luther als Mönch. Kupferstich von Lucas Cranach dem Älteren, 1520
Martin Luther als Mönch | Martin Luther als Mönch. Kupferstich von Lucas Cranach dem Älteren, 1520

Eine christliche Erneuerungsbewegung lag also um 1500 bereits in der Luft. Aber erst Luther brachte mit seinen 95 Thesen und seiner Kritik an der katholischen Kirche scheinbar festgefügte Glaubenssätze "nach Art eines ersten Dominosteins" (Heinz Schilling) zum Einsturz. Der Wittenberger Reformator machte sich zum Wortführer von Forderungen, die seit mehr als einem Jahrhundert gestellt, aber nicht erfüllt waren – einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern.

Das eigentlich Revolutionäre an Luthers Wirken war, dass er dafür sorgte, dass viele Leute seine Schriften lesen konnten. Indem er diese drucken ließ, trug er den Gelehrtendisput an die Öffentlichkeit und machte die Reformation zu einem öffentlichen Ereignis. Jahrhundertelang wurden Glaubensfragen hinter verschlossenen Türen erörtert. "Durch Luther", so Heinz Schilling, "wurde der exklusive Kreis intellektueller Kirchenkritik erstmals durchbrochen und jedermann in den Disput einbezogen."

Doch was brachte den gottesfürchtigen Augustinermönch so auf die Palme?

Kein Rabatt auf Seelenqualen

Die Welt ist schlecht, und nur die Kirche kann das Menschenwürmlein zu ewigem Seelenheil führen. Mit dieser Prämisse machten die Päpste über Jahrhunderte hinweg Politik. Gegen diesen Absolutheitsanspruch, wonach nur die Kirche Sünden zu vergeben vermochte, machte Martin Luther mobil. Neben dem ausschweifenden Lebenswandel der Kirchenoberen richtete sich seine Kritik vor allem gegen den Ablasshandel, jene um 1500 immer stärker um sich greifende Praxis, mit der die Kirche den Gläubigen suggerierte, man könne sich das Seelenheil im Jenseits schon in dieser Welt erkaufen.

Titelholzschnitt der anonymen Schrift gegen den Ablasshandel: On Aplas von Rom kan man wol selig werden (…) von 1518.
Ablasshandel | Titelholzschnitt der anonymen Schrift gegen den Ablasshandel: On Aplas von Rom kan man wol selig werden (…) von 1518.

Die bußfertigen Menschen lebten um 1500 in Angst vor dem bevorstehenden Weltenende und vor den Sündenstrafen in Fegefeuer und Hölle, so wie sie wenige Jahre zuvor der niederländische Maler Hieronymus Bosch in seinem "Weltgerichtstriptychon" in Furcht einflößenden Szenen auf die Leinwand gebannt hatte. Angesichts solcher Horrorszenarien unterbreitete die Kirche den Gläubigen ein verlockendes Angebot: Durch den Kauf von Ablassbriefen ließen sich, so spitzfindige Kleriker, die Strafen verringern.

Ganz neu war dieses Geschäft mit der Angst nicht. Schon im Zusammenhang mit dem ersten Kreuzzug im Jahr 1096 gewährte Papst Urban II. denjenigen, die ins Heilige Land zogen, um es aus dem Besitz der "Ungläubigen" zu befreien, im Todesfall die Vergeltung all ihrer ungesühnten Sünden, die sonst im Fegefeuer hätten abgebüßt werden müssen. Diese Praxis wurde dann im Lauf der Zeit ausgeweitet und in so genannten Plenarablässen für Rompilger oder für die Finanzierung kirchlicher Bauvorhaben vergeben. Die Historikerin Christiane Laudage spricht von einer Art "Schwarmfinanzierung für klerikale Zwecke".

Dabei spielte die innere Haltung des Gläubigen keine nennenswerte Rolle. Für die Kirche zählte einzig und allein die sprichwörtlich klingende Münze, mit der die Büßer ihren Glauben materiell bekundeten und sich "gegen den Erwerb eines entsprechenden Ablassbriefs ihrer postmortalen Sündenstrafen entledigten", so der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann.

Einer dieser berüchtigten Ablasshändler, die gleich einer Drückerkolonne durch das Land zogen und päpstliche Zertifikate über die Vergebung aller Sünden verkauften, war der Dominikanermönch Johannes Tetzel. Um den gottesfürchtigen Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen, hatte der Seelenverkäufer gleich mehrere Pakete im Angebot: Eines davon war ein Beichtbrief, mit dem sich der Käufer zweimal im Leben zu einem beliebigen Zeitpunkt – ganz ohne Beichte – von allen Sünden freisprechen lassen konnte. Neben diesem Blankoscheck vertrieb Tetzel noch ein Zertifikat, mit dem der Käufer sogar die Fegefeuerstrafen für bereits Verstorbene – Eltern, Verwandte oder Freunde – auslösen konnte.

Genau dieses Geschäft mit der Sünde, mit dem die Kurie ihr prunkvolles Leben finanzierte, prangerte Luther in seinen 95 Thesen an. Sein Seelenheil könne man nicht erkaufen, so der Augustinermönch, sondern man verdanke es allein göttlicher Gnade. Mit anderen Worten: Die Gläubigen mussten laut Luthers Kredo nicht mehr den strafenden Gott der katholischen Kirche fürchten, sondern konnten auf die Barmherzigkeit eines gütigen Vaters im Himmel hoffen.

Regnende Lutherschriften

Das Echo auf Luthers Thesen ist gewaltig. Selbst der Wittenberger Theologe ist anfänglich überrascht, wie schnell sich seine (noch auf Lateinisch verfassten) Thesen dank des Buchdrucks in Deutschland verbreiten. Doch Luther lernt schnell. Wie kaum ein anderer erkennt er recht früh die Vorteile des neuen Kommunikationsmittels, "die er dann auch konsequent genutzt hat, um seine Lehren unter das Volk zu bringen", erklärt die Oxforder Historikerin Lyndal Roper. Jede Schrift gab er sofort in Druck. Schon Ende 1517 kursieren überall im Reich Drucke der 95 Thesen. Statistische Untersuchungen zur reformatorischen Buchproduktion haben ergeben, dass seit 1517/18 ein gewaltiger Anstieg der Zahl der Drucke zu verzeichnen ist, der 1523/24 seinen Höhepunkt erreichte.

Doktrin des Protestantismus

Luthers Programm der reformatorischen Erneuerung basiert auf drei Prinzipien. Erstens: Allein in der Heiligen Schrift ("sola scriptura") offenbare sich Gottes Wort dem Menschen, nicht in den Büchern der Theologen. Zweitens: Errettet werde der Mensch nur von Gottes Gnade ("sola gratia"). Und drittens: Gottes Gnade erlange man allein durch den Glauben ("sola fide").

Spitzenreiter war die Fuggerstadt Augsburg, gefolgt von Wittenberg, Nürnberg, Straßburg, Leipzig, Erfurt, Basel und Zürich.

Und als seine Kritik am Ablasshandel auch bei Kaufleuten, Krämern und Handwerkern für Gesprächsstoff sorgte, veröffentlichte Luther im März 1518 die auch für Laien leicht verständliche deutschsprachige Abhandlung "Sermon von dem Ablass und der Gnade". Ein ungewöhnlicher, aber ungemein vorausschauender Schritt in einer Zeit, in der 90 Prozent aller Druckwerke in der Gelehrtensprache Latein geschrieben waren. Doch der Erfolg gibt Luther Recht: Allein 1518 wird der "Sermon" an 16 verschiedenen Orten verlegt.

Zum Bestseller wurde auch die 1520 ebenfalls in Deutsch erschienene Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung", in der Luther die Fürsten aufrief, die Reformation durchzuführen, da die Bischöfe darin versagt hätten. Und er setzte noch eins drauf: Da alle Christen gleich unmittelbar zu Gott seien, stehe dem Papst nicht das Recht zu, letztgültig über Glaubensfragen zu entscheiden. Auch mit dieser Abhandlung traf Luther den Nerv der Zeit. Binnen weniger Tage war die Erstauflage von 4000 Exemplaren vergriffen.

Reißenden Absatz fanden auch seine beiden anderen großen Reformschriften, "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" und "Von der Freiheit eines Christenmenschen", in denen der Wittenberger Augustinermönch seine neue protestantische Theologie verkündete und die Gott-Mensch-Beziehung auf eine völlig neue Grundlage stellte. Luther forderte die Menschen auf, in Glaubensfragen ausschließlich ihrem eigenen Gewissen zu folgen und nicht mehr klerikalen Dogmen.

Mit seinen rasch aufeinander folgenden Publikationen war es Luther gelungen, binnen kurzer Zeit so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Wie schnell seine reformatorischen Schriften in dieser Zeit aus der Druckerpresse flossen, verdeutlicht die Bemerkung eines 1521 auf dem Wormser Reichstag anwesenden päpstlichen Gesandten, der dem Heiligen Vater in Rom schrieb, dass es in der Nibelungenstadt "täglich Lutherschriften regne". Aus der kleinen Flamme des Protestes war ein Flächenbrand geworden, der in rasender Geschwindigkeit von Wittenberg aus die Welt erfasste.

Standhaft im Glauben

Die Kirche war vom Aufbegehren des "vermessenen Mönchs zu Wittenberg", durch den das "arme, unverständige Volk" irregeleitet werde, not amused. Sie bereitete eine Anklage gegen den aufmüpfigen Theologen vor. Die Vorwürfe: Ketzerei und Auflehnung gegen die Amtsgewalt der Kirche. Im Juni 1520 verurteilte Papst Leo X. in einer Bulle Luthers Thesen als "häretisch irrig und für fromme Ohren anstößig" und drohte ihm den Kirchenbann an. Luther sollte seine Thesen widerrufen, doch der hielt auf dem Reichstag zu Worms – "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" – an seinem Prinzip fest: Die Bibel war für ihn die oberste Autorität.

Kaiser Karl V., Schutzherr des katholischen Glaubens, verhängte daraufhin gegen den widerspenstigen Wittenberger Mönch die Reichsacht. Für vogelfrei erklärt, war fortan jeder dazu verpflichtet, gegen den notorischen Ketzer einzuschreiten, ihn gefangen zu nehmen und dem Kaiser zu überstellen. Sämtliche Bücher des Theologen, so das kaiserliche Urteil weiter, waren zu verbrennen oder auf andere Weise zu vernichten. Ferner war es unter Strafe verboten, bereits gedruckte Werke dieses Ketzers zu verkaufen, sie nachzudrucken, zu besitzen oder zu verbreiten.

Luther als Junker Jörg. Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1521/22.
Junker Jörg | Luther als Junker Jörg. Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1521/22.

Unter der schützenden Hand seines kursächsischen Landesherrn tauchte Luther hinter den Mauern der Wartburg bei Eisenach unter und verbrachte dort die nächsten Monate inkognito als "Junker Jörg". Untätig blieb er dort indes nicht, sondern wendete sich wieder jenem Text zu, der im Zentrum seines reformatorischen Programms stand: der Heiligen Schrift. Innerhalb von elf Monaten übersetzte Luther das Neue Testament aus der griechischen Urfassung ins Deutsche. Sein Ziel war es, die Bibel jedermann in volkstümlichen und bildkräftigen Wendungen zugänglich machen. Als das Buch im September 1522 anonym erschien, war die Erstauflage von 3000 Exemplaren binnen weniger Tage vergriffen. Allein bis 1533 erschienen 85 weitere Ausgaben.

Luthers Bibelübersetzung hatte enorme Sprengkraft. Nicht mehr das elitäre Latein, das den Zugang zur Heiligen Schrift erschwert hatte, sondern eine in der Sprache des Volkes verfasste Bibel brachte den Gläubigen das Wort Gottes näher. Hatten bislang ausschließlich geweihte Priester die alleinige Autorität, die Bibel auszulegen, so konnte fortan jeder Christ in der Lutherbibel selbst nachlesen und sich einen Reim darauf machen, was das Gelesene für seinen Glauben bedeutete. "Die Papstkirche war durch die Luther-Bibel nicht mehr alleinige Herrin über die Heilige Schrift", so Andrew Pettegree.

Macht der Bilder

Luthers Erfolg beruhte im Wesentlichen darauf, dass er mit seiner allgemein verständlichen Sprache viele Menschen erreichte. Aber der volkstümliche Reformator ging noch einen Schritt weiter. Um Gottes Wort den Gläubigen stärker zu veranschaulichen, ließ er seine 1522 in 3000 Exemplaren gedruckte Bibelübersetzung illustrieren. Dabei "wurden traditionelle ikonografische Formeln mit reformatorischen Aussagen gefüllt", erklärt Cornelia Schneider, Kuratorin am Mainzer Gutenberg-Museum. So wurde beispielsweise bei der Offenbarung des Johannes die Hure Babylon mit der päpstlichen Tiara dargestellt. Solche Botschaften waren leicht verständlich. "Neben dem gedruckten Wort waren Bilder ein wichtiges Instrument der Meinungsbildung", sagt der schottische Historiker Peter Marshall, und die protestantische Propaganda habe es blendend verstanden, ihre Sache im Kampf um den rechten Glauben äußerst wirkungsvoll zu artikulieren.

Nicht anders verhielt es sich mit einem Printmedium, das zwar bereits seit Jahrzehnten bekannt war, dessen publizistische Wirkung indes noch nicht hinreichend erkannt wurde: illustrierte Flugblätter. Zu Tausenden gedruckt, erreichten sie zum ersten Mal in Deutschland auch eine "Öffentlichkeit von Analphabeten". Flugblätter, auf denen der Papst aufgehängt wird oder Landsknechte Kardinäle massakrieren, verstanden in Deutschland auch Leseunkundige.

Gelehrte wie der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann haben auf die mediale Dynamik hingewiesen, die Flugschriften im öffentlichen Raum entfalteten. In Serienproduktion hergestellt, über die Drucktechnik leicht vervielfältigt und schnell in Umlauf gebracht, wurden sie von Hand zu Hand gereicht – und dadurch auch die darin vermittelten Botschaften.

Wer nicht lesen konnte, der erfuhr auf Marktplätzen, in Wirtshäusern oder Herbergen vom Inhalt der reformatorischen Flugschriften. So hat die Marburger Sprachwissenschaftlerin Monika Rössing-Hager darauf hingewiesen, dass es zeitgenössischen Lesegewohnheiten entsprach, laut und in Gesellschaft zu lesen, und zahlreiche Flugschriften durch Hinweise wie "Wer dies liest oder hört lesen" auch nicht lesekundige Adressaten ansprachen. Luther sorgte für Gesprächsstoff, weil er das, was er dachte, zu Papier brachte.

Luthers Imagemacher

Der Mann, der die reformatorischen Botschaften ins Bild setzte, war Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen, erfolgreicher Verleger und Freund Martin Luthers. Seine Werkstatt war Luthers Propagandamaschine. Ob in Kupfer gestochen oder in Holz geschnitten, in ihr wurden im Lauf der Zeit tausende Flugschriften in Serie produziert. Darunter auch jene beißend-bösen Karikaturen, mit denen der geschäftstüchtige Bilderfabrikant im Auftrag Luthers gegen die katholische Kirche polemisierte. 1523 entstand in Cranachs Werkstatt ein Holzschnitt, der eine Missgeburt mit Eselskopf, weiblichem Rumpf und animalischen Extremitäten vor der Engelsburg in Rom zeigt. Dieser "Papstesel" illustriert eine Kampfschrift Luthers gegen die römische Kirche. Ein anderer Holzschnitt, der den Heiligen Vater thronend als Antichrist über dem brennenden Höllenschlund zeigt, prangert das Papsttum als Teufelswerk an.

Gesetz und Gnade. Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1529
Lucas Cranachs "Gesetz und Gnade" | Gesetz und Gnade. Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1529.

Daneben entstanden in Cranachs Werkstatt auch "didaktische Gemälde" im Dienst der Reformation. Eine dieser gemalten Anleitungen für die Lehre Luthers schuf der Wittenberger Künstler 1529 mit dem Bild "Gesetz und Gnade", in dem er das "Sola gratia"-Prinzip, eine zentrale Doktrin des Protestantismus, augenfällig im Bild festhält. Anschaulich werden alter und neuer Glauben antithetisch gegenübergestellt: Auf der linken Seite treiben Tod und Teufel einen nackten Sünder ins Höllenfeuer, während auf der rechten Seite allein der Glaube an Christus, der den Menschen mit seinem Blut reinigt, den Weg ins Himmelreich eröffnet. Damit sollte dem Betrachter vermittelt werden, dass der Mensch keine vermittelnde Instanz braucht, um die göttliche Gnade zu erhalten. "Nirgendwo sonst ist das Verhältnis des Einzelnen zu Gott, so wie Luther es predigte, eindringlicher dargestellt worden als in diesem Gemälde", erklärt die Wiener Kunsthistorikerin Alice Hoppe-Harnoncourt – nämlich dass Gläubige auch ohne Unterstützung eines professionellen kirchlichen Glaubensverkünders mit Gott in Verbindung treten können.

Cranach, der die Malerei als Instrument für den neuen Glauben betrieb, war auch der Mann, der die Person hinter der Bewegung bekannt machte. "Die Idee, das Gesicht des Reformators öffentlich zu machen, reifte in Cranachs Werkstatt", sagt der Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke: Er habe das Gesicht zu den reformatorischen Schriften Luthers geliefert und das Image des Reformators wesentlich mitgeprägt.

In Cranachs Malerwerkstatt entstanden zwischen 1520 und 1546 sieben verschiedene grafische und gemalte Porträttypen des Reformators. Ob als frommer Augustinermönch mit Tonsur (Kupferstich, 1520), als seriöser Wissenschaftler und Theologe mit Doktorhut (Kupferstich, 1521) oder als volksnaher Junker Jörg (Holzstich, 1522) – Cranach lieferte für jede Botschaft das passende Bild und setzte damit die Person Luther mit der Reformation gleich. "Zuvor abstrakte Ideen wurden nun in seiner Figur personalisiert", erläutert Astrid Blome, Leiterin des Instituts für Zeitgeschichte in Dortmund.

Fragt man nach den Ursachen von Luthers Erfolg, so ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der Wittenberger Theologe im Disput mit der katholischen Kirche relativ schnell die Lufthoheit über die öffentliche Meinung errang. Für den Neuzeithistoriker Volker Reinhardt war Luther deshalb so erfolgreich, weil er alle damals verfügbaren Medien nutzte, gleichsam auf allen Kanälen präsent war.

Ursache und Wirkung

Mit Martin Luther war der katholischen Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine ernst zu nehmende spirituelle Konkurrenz erwachsen. Sein religiöser Impetus, die Kirche zu erneuern, war die Geburtsstunde der Reformation in Deutschland. Doch erst durch die neue Kommunikationstechnologie des Buchdrucks, die den Informationsfluss und die Verbreitung von Wissen revolutionierte, konnten die Thesen, die der anno 1517 noch relativ unbekannte Bettelmönch "am Rande der Zivilisation" veröffentlicht hatte, jene Sprengkraft entfalten, welche die politische Landkarte des frühneuzeitlichen Europa von Grund auf veränderten und die Grundlagen für die Trennung von Kirche und Staat legten.

Eines kann man mit Gewissheit sagen: Ohne die Schwarze Kunst hätte das System der Reformation nicht funktionieren können. Auf der anderen Seite war es Luthers Verdienst, die Möglichkeiten der relativ jungen Technik des Buchdrucks frühzeitig erkannt und diese "auf berechnende und auch revolutionäre Weise im Sinne seiner theologischen Anliegen propagandistisch genutzt zu haben, um seine Ideen weit über Wittenberg hinaus publik zu machen", meint Thomas Kaufmann.

Der Mann aus Wittenberg, der nach einem Wort des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama "mit einem Hammerschlag die Welt veränderte", fällt somit in die Kategorie jener "großen Männer", wie sie der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818-1897) in seinen 1905 erstmals veröffentlichten "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" formuliert hat. Darin heißt es: "Kein Mensch ist unersetzlich, aber die wenigen, die es eben doch sind, sind groß". Und: "Der große Mann ist ein solcher, ohne welchen die Welt uns unvollständig schiene, weil bestimmte große Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind; er ist wesentlich verflochten in den großen Hauptstrom der Ursachen und Wirkungen."

36/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2017

Lesermeinung

2 Beiträge anzeigen

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos