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Partnersuche: Macht sexuelle Lust blind für Desinteresse?

Beim ersten Kennenlernen herrscht große Unsicherheit, ob daraus mehr werden könnte, vielleicht sogar Liebe. Experimente zeigen: In erotischer Stimmung nehmen wir die Signale des anderen nicht mehr realistisch wahr.
Eine Hand hält ein herzförmiges Objekt vor einem Hintergrund aus leuchtenden, wirbelnden Lichtstreifen in warmen Gelb- und Orangetönen. Die Szene erzeugt einen kontrastreichen Effekt zwischen der dunklen Silhouette der Hand und den hellen, dynamischen Lichtmustern.
Sexuelle Erregung hilft dabei, sich zu verlieben. Doch sie hindert uns auch daran, fehlendes Interesse beim potenziellen Partner zu erkennen.

Viel mehr würden wir wagen, um Liebe zu finden – wäre da nicht die Angst vor der schmerzhaften Zurückweisung. Gerade beim ersten Kontakt kann es schwierig sein, das romantische Interesse des Gegenübers einzuschätzen. Erotische Aufladung macht die Sache nicht einfacher, wie eine Studie von Gurit Birnbaum und Kobi Zholtack von der israelischen Reichman University nahelegt. Sexuelle Erregung verzerrt demnach die Wahrnehmung sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Das Forscherduo führte diverse Kennenlern-Experimente mit Hunderten jungen, studentischen Singles durch. Die Online-Dates fanden im Labor statt und waren überwiegend »fake«: Die Probanden glaubten, mit einer alleinstehenden Person zu chatten, von der man ihnen ein Foto gezeigt hatte. In Wirklichkeit sahen alle dasselbe Bild eines attraktiven Menschen des jeweils bevorzugten Geschlechts.

Außerdem saß am anderen Ende gar kein realer Dating-Partner. Vielmehr hatte das Forschungsteam die Chat-Antworten schon vorher festgelegt, zumindest in der Tonalität. Das Spektrum reichte von begeistert-flirtend (»Ich liebe deinen Namen«) bis hin zu deutlich distanziert (»Ich finde es irgendwie deprimierend, wie du denkst«). Am Ende sollten die Versuchspersonen schildern, wie sie sich ein mögliches persönliches Treffen vorstellten, und erhielten im Gegenzug einen wiederum fingierten Text des vermeintlichen Chatpartners.

Als Einstimmung auf den Chat bekam ein Teil der Probanden erotische (nicht pornografische) Kurzfilme zu sehen – etwa ein leicht bekleidetes Paar, das sich innig küsste. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die auf diese Weise sinnlich angeregt worden waren, fanden ihre potenziellen Dates sogleich attraktiver. Allerdings war nun ihre Urteilskraft getrübt, was die Absichten des Gegenübers betraf: Selbst wenn der Fake-Partner im Chat nur gemischte Signale gesendet hatte, bewerteten die jungen Frauen und Männer die Chancen auf einen sexuellen beziehungsweise romantischen Kontakt recht optimistisch. »Sie sahen Interesse, wo eigentlich nur Ungewissheit war«, sagt die Psychologieprofessorin Gurit Birnbaum. Wer dagegen neutrale Filme geschaut hatte, interpretierte die Online-Begegnung weit nüchterner.

Das änderte sich erst, als die Botschaft des Chatpartners kaum noch Raum für Interpretation ließ: »Du scheinst nett zu sein, aber ich suche etwas anderes.« Unsanft auf dem Boden der Tatsachen angelangt, erkannten die Probanden, dass kein Interesse bestand. Mehr noch: Verglichen mit jenen, die keine Erotik-Clips gesehen hatten, beurteilten sie jetzt die attraktive Person, mit der sie angeblich gechattet hatten, sogar als weniger begehrenswert. Eine erotische Atmosphäre mag dabei helfen, Kontakt aufzunehmen. Allerdings empfiehlt sich dann eine klare Kommunikation, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.

  • Quellen
Birnbaum, G.E., Zholtack, K., Personality and Social Psychology Bulletin 10.1177/01461672261439417, 2026

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