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Ebola: Malaria könnte Zahl der Toten durch Ebola vervielfachen

Der Ebolaausbruch in Westafrika ließ die Gesundheitssysteme kollabieren – und tötete so indirekt noch viel mehr Menschen. Wie viele tatsächlich, ist allerdings unklar.
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Die Ebolaepidemie in Westafrika hat nach den Berechnungen einer Medizinergruppe weit mehr Todesopfer gefordert als bisher bekannt. Die meisten von ihnen starben allerdings nicht an Ebola selbst, sondern an Malaria. Zu diesem Schluss kommt der Epidemiologe Mateusz Plucinski vom CDC mit seinem Team anhand einer Bestandsaufnahme des Gesundheitssystems von Guinea. Allein in diesem Land sollen demnach während der Krise mindestens 74 000 Malariapatienten unbehandelt geblieben sein, von denen nach Angaben des Mediziners bis zu 20 Prozent gestorben sein könnten. Das überstiege die Zahl der direkten Ebolatoten in Guinea um knapp das Achtfache.

Malariabekämpfung ausgebremst

Dass die Seuche in den betroffenen Ländern viel weitreichendere Folgen hat, als die reinen Fallzahlen suggerieren, befürchten die mit der Ebolaepidemie befassten Arbeitsgruppen schon seit Beginn des Ausbruchs. Die schon zuvor wenig leistungsfähigen Gesundheitssysteme der Staaten sind durch die Seuche teilweise zusammengebrochen, so dass viele andere Krankheiten unbehandelt blieben und Seuchen wie die Masern sich ungehindert ausbreiteten – auch weil die Patienten befürchteten, in den Kliniken als ebolakrank identifiziert und festgehalten zu werden.

Von der Furcht vor der Seuche und dem Versagen der Gesundheitssysteme waren auch die Maßnahmen gegen die Malaria betroffen. Allein in Guinea, wo die Seuche endemisch ist, gibt es jedes Jahr Millionen Infizierte und tausende Tote – vor der Seuche ging etwa ein Drittel aller Krankenhausaufenthalte auf Malaria zurück. Die Ebolaepidemie verhindert nicht nur, dass Infizierte ausreichend behandelt werden, sondern stört auch die Maßnahmen zur Prävention, wie die Verteilung von Insektennetzen, die mit Insektiziden imprägniert sind.

Eine britische Arbeitsgruppe um Azra Ghani vom Imperial College in London kam schon im April auf Grund theoretischer Überlegungen zu dem Schluss, dass sich durch die Ebolaepidemie in Guinea 300 000 Menschen zusätzlich mit Malaria infiziert hätten und etwa 6000 Menschen zusätzlich gestorben seien – etwa dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum an Ebola.

Die neue Untersuchung bestätigt dieses Bild. So fand das Team bei stichprobenartigen Befragungen, dass lediglich 35 Prozent des befragten kommunalen medizinischen Personals noch Malariafälle behandelten, im Vergleich zu über 90 Prozent in der Zeit vor Ebola. In von Ebola betroffenen Regionen führte die Seuche auch dazu, dass diverse medizinische Einrichtungen geschlossen werden mussten, darunter eines der vier Krankenhäuser, die die Forscher besucht hatten. Die Anzahl der insgesamt gegen Malaria behandelten Patienten sank in diesen Einrichtungen um über ein Viertel.

Ungewisse Zahlen

Aus solchen zwangsläufig unvollständigen Daten konkrete Zahlen abzuleiten, ist ein sehr spekulatives Geschäft – das schreiben auch Plucinski und seine Forschungsgruppe. Deswegen verzichten sie auf eine konkrete Angabe zur möglichen Gesamtzahl der Toten. Selbst wenn zumindest die Zahl der 74 000 zusätzlich unbehandelten Fälle stimmt, könnte das auf 1000 bis 16 000 zusätzliche Toten hindeuten. Ebenfalls nicht enthalten sind die Effekte der Ebolaepidemie auf die systematische Malariabekämpfung.

Guinea hatte die Sterblichkeit in den letzten Jahren durch eine konzertierte Kampagne gegen die von Moskitos übertragene Seuche halbiert – nun berichten Experten, dass Ebola die Durchführung dieser Maßnahmen in vielen Gegenden unmöglich gemacht hat, die Erfolge der letzten Jahrzehnte könnten so zunichtegemacht werden. In den anderen schwer betroffenen Ländern sieht es möglicherweise ähnlich aus. Es sei wahrscheinlich, dass die Zahl der zusätzlichen Malariatoten durch die Ebolakrise die Todesfälle durch Ebola selbst erheblich übersteigt, befürchten Plucinski und sein Team.

25/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25/2015

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