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»Affäre Mallerbach«: Die Kapelle, die das Land in Brand setzte

In Sachsen-Anhalt fanden Archäologen den Ort, an dem der mitteldeutsche Bauernkrieg einst aufflammte. Doch alte Akten lassen Zweifel an den hehren Motiven der Brandstifter aufkommen.
Luftaufnahme einer archäologischen Ausgrabungsstätte am Waldrand. Mehrere Personen arbeiten an verschiedenen Stellen der Ausgrabung, die rechteckige Strukturen und freigelegte Mauerreste zeigt. Ein kleiner Bagger ist im Einsatz, um Erde zu bewegen. Die Umgebung ist von grünen und herbstlich gefärbten Bäumen sowie Wiesen umgeben.
Nur einen knappen Fußmarsch von Allstedt entfernt lockte die Kapelle von Mallerbach einst zahlreiche Pilger an. Bis zu jenem Gründonnerstag des Jahres 1524. Was von der Kirche übrig ist, haben Archäologen nun ausgegraben.

Irgendwann war Ruhe eingekehrt rund um die Ruine am Rande von Allstedt. Ackerland verschluckte Fundamente, Eigentümer und Herrschaften wechselten. Zurück blieb die Geschichte von einem angeblichen »Backofen« am Waldrand. Vergessen war, was dort tatsächlich einmal gebrannt hatte. Bis das kleine Feld, nach fast exakt 500 Jahren, erneut Schlagzeilen machte, wenn auch nicht ganz so dramatische wie seinerzeit, am 24. März 1524.

Damals, es war ein Gründonnerstag, standen auf diesem Feld die viel besuchte Mallerbacher Wallfahrtskapelle und ein kleines Fachwerkhaus in Flammen. In Brand gesteckt von Unbekannten aus der Region. Mit dem Dachstuhl des Gotteshauses, so vermuten es jedenfalls viele Historikerinnen und Historiker, brach auch der Glaube an die Unantastbarkeit von Kirche und Obrigkeit zusammen. Knapp ein Jahr später standen von Mittel- bis Süddeutschland Tausende einfacher Menschen unter Waffen.

Ein halbes Jahrtausend nach dem Brand der Kapelle, und damit im Jubiläumsjahr des Bauernkriegs der Jahre 1524 und 1525, ist es Archäologen gelungen, die Überreste des abgebrannten Gotteshauses ausfindig zu machen. Damit rückte wie schon damals die Frage in den Vordergrund, was – und wer – wirklich hinter dieser Tat steckte.

Unbekannte schleudern Steine und Drohungen

Bereits in den Tagen vor dem Brand war die Stimmung im Ort aufgeheizt. So verzeichnen es Gerichtsakten aus der Zeit. Zu spüren bekam das der alte Klausner, ein Eremit, der seit dem Tod seiner Frau neben der Kapelle gewohnt und sich um deren Erhalt gekümmert hatte. Immer wieder sei er bedroht worden, erzählte er später. Nachts hätten Gestalten Steine gegen sein Haus geworfen. Und immer wieder gegen die Eingangstür gehämmert: Sie seien wegen der Kapelle hier, er solle verschwinden, denn es würde etwas geschehen.

Wahrscheinlich waren es Leute aus dem nur einen kurzen Fußmarsch entfernten Allstedt, die der neue Prediger aufgehetzt hatte. Der rebellische Geistliche hielt jetzt schon seit einem Jahr die Heilige Messe auf Deutsch statt auf Latein. Allein das war schon ein Affront. Nicht genug, er beleidigte in einem fort die geistlichen und weltlichen Herren. Die Kapelle neben dem Haus des Klausners? Eine »Spelunke«, wo die »antichristlichen Pfaffen das thörichte Volk beredten«, wo sie die Pilger für dumm verkauften mit ihrer Geschichte von einem Marienbild, das angeblich salzige Tränen weine.

Nachts kamen Gestalten |

Gerichtsakten schildern, wie der Klausner, der neben der Kapelle wohnte, nachts Besuch bekam. Von Allstedt aus war es nicht weit: Der Ortsrand der heutigen Stadt ist ganz links zu erkennen.

Dass die Gläubigen dem Bildnis auch noch teures Wachs darbrachten – nichts als Abgötterei sei das, ein Götzendienst, befand der Allstedter Pfarrer.

Seine Worte blieben nicht folgenlos. Kurz zuvor waren bereits in einer anderen Kapelle ganz in der Nähe die Glocken gestohlen worden, eine Feldklause wurde gänzlich geplündert und als Steinbruch missbraucht. Es hatte sich etwas zusammengebraut.

Dem Klausner musste klar geworden sein, dass es Zeit war zu gehen. Als die Brandstifter schließlich kamen, war er fort. Folglich gab es auch keine Zeugen. Niemand hinderte die Täter.

Ausweitung zum Flächenbrand

Die »Affäre Mallerbach« war alles andere als ein isoliertes Ereignis. In den Jahren 1524 und 1525 hatten die Menschen vom süddeutschen Raum bis ins heutige Sachsen-Anhalt die Festschreibung von Rechten gefordert, eine Verringerung der erdrückenden Abgabenlast und in manchen Regionen die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Besonderen Hass zogen die Klöster auf sich. Einerseits, weil sie gegenüber Burgen, wo sich der Adel verschanzte, leichte Ziele waren, andererseits, weil die frommen Brüder und Schwestern in den Augen der Leute Wasser predigten, aber Wein tranken. Befeuert wurde der Aufstand durch die Ideen der Reformation. Die Oxforder Historikerin Lyndal Roper ermittelte, dass von den 1218 klösterlichen Einrichtungen, die es im Bauernkriegsgebiet gegeben hat, etwa 535 angegriffen, geplündert und teilweise niedergebrannt wurden.

Der geistige Brandstifter von Mallerbach war der Prediger Thomas Müntzer. Ein Jahr zuvor, um Ostern 1523, hatte er im nahen Allstedt seine erste feste Pfarrstelle angetreten. »Er war jemand, der vorher nirgendwo Fuß fassen konnte«, erklärte Lucas Wölbing bei einem Vortrag auf dem Mitteldeutschen Archäologentag im Oktober 2025. Der Leipziger Historiker stammt selbst aus Allstedt und hat über seine Heimatstadt eine mikrohistorische Studie über den historischen Kriminalfall zur Zeit des Bauernkrieges geschrieben. In seinem Buch »Müntzers langer Schatten« zeichnet Wölbing anhand von Verhöraussagen die Motive der Täter und die Handlungsabläufe nach.

Satan gegen Bruder Mastschwein

Allstedt liegt zwar im Mutterland der Reformation, so Wölbing, aber weit ab von Wittenberg oder der fürstlichen Residenz in Weimar. Solche Orte seien in der damaligen Zeit oft ein guter Nährboden für radikale Prediger wie eben Thomas Müntzer gewesen. »Weit ab vom wachsamen Blick der Obrigkeit und Luthers konnte Müntzer hier seine eigene Theologie entfalten.«

Radikaler Prediger |

Thomas Müntzer überwarf sich mit Luther, dem die Ideen des Theologen zu radikal waren. In Allstedt und später im nahegelegenen Mühlhausen hielt Müntzer seine Gottesdienste auf Deutsch, ein Affront.

Anfangs waren Luther und Müntzer noch Weggefährten, mit der Radikalisierung des Letzteren kam es aber bald zum Zerwürfnis: Luther beschimpfte Müntzer als »Satan zu Allstedt«, dieser nannte ihn »Bruder Mastschwein«. Während Luther die Kirche reformieren wollte, war Müntzer ein endzeitlicher Revolutionär, der gegen die bestehende, weltliche Ordnung der »Pfaffen« und Fürsten aufbegehrte. Die Menschen sollten wissen, worum es in seinen Predigten gehe, fand er. Deswegen wollte er einen verständlichen Gottesdienst, also einen auf Deutsch und nicht auf Latein.

»Dadurch wurde Allstedt mit seinen gerade einmal 900 Einwohnern der erste Ort im damals römisch-deutschen Reich, an dem die Messe komplett auf Deutsch gelesen wurde«, sagt Wölbing. Dies habe Hunderte Menschen aus der Umgebung angezogen, sonntags teilweise bis zu 2000. Mit seinen Worten gegen das Wallfahrtswesen und den »Ziegenstall von Mallerbach« traf Müntzer auf viele und auf offene Ohren.

Eine Kirche unter der Erde

An einem sonnigen Herbsttag zeigt der Archäologe Felix Biermann auf das, was von dem »Ziegenstall« übrig blieb: Mauerfundamente, an denen hinter einem rot-weißen Plastikband gelb behelmte Archäologen und Freiwillige arbeiten. »Es war eine ganz ungewöhnliche Erhaltungssituation«, holt der Zwei-Meter-Mann im langen blauen Trenchcoat aus, »in teils nur fünfzehn Zentimeter Tiefe unter der Erdoberfläche lag die ganze Kirche«.

Als er mit seinem Team vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt das erste Mal vor Ort war, bearbeitete gerade der Bauer sein Feld mit einem Traktor. Wo viel gepflügt wird, verschwindet normalerweise nach und nach alles archäologisch Interessante, sofern es nicht tief im Boden vergraben liegt. Nicht so bei dieser Kapelle. »Man kann sich das eigentlich nur so erklären, dass die Bauern, die hier seit dem 16. Jahrhundert pflügen, wussten, dass hier oben am Waldrand viele Steine im Boden sind, und sie daher hier immer den Pflug anheben mussten, um ihn nicht zu beschädigen.«

Felix Biermann |

Der Mittelalterarchäologe vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle (Saale) und der Universität Szczecin führt durch die Ausgrabung.

Dadurch hat sich das Bruchsteinfundament eines einfachen romanischen Saalbaus erhalten: etwa 17 Meter lang, mit halbrundem Chorabschluss. Sehr wahrscheinlich wurde er im 12. Jahrhundert als Kirche für das Dorf Mallerbach gebaut, das in den spätmittelalterlichen Wirtschaftskrisen aufgegeben wurde. Zurück blieb eine isoliert stehende Kapelle.

Dass es dieses Gotteshaus irgendwo außerhalb von Allstedt gegeben haben musste, war lange bekannt. Aber wo lag es genau?

Ein Scan und alte Namen

Diese Frage stellte sich auch Frank Philippczyck aus Riestedt bei Sangerhausen, einer Ortschaft, die keine zwölf Kilometer von der Fundstelle entfernt liegt. Seit über 25 Jahren arbeitet er als ehrenamtlicher Beauftragter für die archäologische Denkmalpflege. Wie ihm der Fund gelang, erläutert er unter einem Zeltpavillon am Rande der Grabung.

Alte Flur- und Straßennamen sowie historische Karten hatten geholfen, die Suche einzugrenzen. Denn bis 1840 existierte noch eine Teilruine, die von den Allstedtern als »Backofen« bezeichnet wurde. Trotzdem konnte man den genauen Standort lange Zeit nicht lokalisieren. Deshalb fertigte das Landesdenkmalamt ein hochauflösendes digitales Geländemodell an, auf dem alte Weggabelungen und Hohlwege erkennbar wurden.

»Ich wusste, dass hier eine historische Grenze durchgeht«, erklärt Philippczyck. »Die Verkehrswege konnte man auf dem LiDAR-Scan gut erkennen. Dadurch ergab sich eine Kreuzungssituation direkt hinter der Grenze, und dann war für mich klar: Wenn es eine Wallfahrtskapelle gegeben hat, dann wäre das die richtige Stelle.«

Gezielt ging er im Januar 2024 über den Acker rund um die auf dem LiDAR-Scan erkennbare Straßenkreuzung und suchte mit geschultem Auge nach mittelalterlichen Baustoffen, Gipsmörtel mit Holzkohleeinschlüssen und gebrannten Ziegelscherben. »Wenn du alles zusammenbringst, ist es relativ einfach, eine Wüstung zu finden. Nach etwa einer Stunde hatte ich die Kapelle entdeckt.«

Fundament des Glaubens |

Von der Kapelle und dem rechts daneben befindlichen Haus des Klausners haben sich die Grundmauern dicht unter der Ackerkrume erhalten.

Sein Fund rief die mit ihm zusammenarbeitenden Archäologen auf den Plan. »Wir haben dann Metallsuchprospektionen, Lesefundaufnahmen, weitere digitale Geländemodellanalysen und Ähnliches vorgenommen«, erläutert Felix Biermann.

Was das digitale Geländemodell nur andeuten konnte, verdeutlichten die geomagnetischen und geoelektrischen Untersuchungen, bei denen Mitarbeiter des Landesamtes mit einem Magnetometer Zentimeter für Zentimeter Acker abgingen, um jedwede Anomalie im Boden zu erkennen. Erst dann wurde gezielt die Erde geöffnet. Biermann leitet die Grabungen und führt an diesem Herbsttag eine Gruppe Interessierter im Rahmen eines Citizen-Science-Projekts des Landesamtes über das Grabungsfeld. Anlässlich der Landesausstellung »Gerechtigkeyt 1525« standen auch die archäologischen Stätten des Bauernkrieges im Licht der Öffentlichkeit. Erstmals lud man dafür die Menschen vor Ort auch ein, mehrere Wochen unter fachkundiger Anleitung ihre Geschichte selbst zu ergraben.

Der Brandschutt liegt noch im Altarraum

Als die Archäologen im Umfeld der Kirchenfundamente systematisch zu suchen begannen, hätten sie mehr als Tausend Kleinfunde gemacht, berichtet Biermann: etliche Zeugnisse dörflichen Lebens, etwa typische Siedlungskeramik, aber auch Pilgerspuren von anderen Wallfahrtsorten, wie Pilgerzeichen aus einer Blei-Zinn-Legierung, auch aus der Zeit vor dem Bauernkrieg.

Die Kapelle selbst stand in einem rechteckigen Mauergeviert von etwa 40 mal 35 Metern. Wie ein Totenkranz ziehen sich von den Archäologen geöffnete Gräber um den Bau. Schädel und Gerippe sind zu erkennen. Gespannte rote Fäden trennen die einzelnen Gräber voneinander ab. »Wir haben etwa 50 Erwachsenen- und 20 Kindergräber, auch von Säuglingen, gefunden«, erläutert Biermann. Dies sei typisch für Wallfahrtskirchen und vor allem für eine Marienkapelle. Denn, so der Glaube, Maria kümmere sich besonders um die Kinder. Man nennt außen an den Kirchenmauern beerdigte Neugeborene und Kleinkinder auch »Traufkinder«, da sich damit wohl die Vorstellung verband, dass das vom Kapellendach tropfende Regenwasser sie immer wieder taufen würde.

Grab eines Traufkinds |

Die entlang der Kirchenmauern bestatteten Kinder sollten durch das vom Kapellendach tropfende Regenwasser immer wieder getauft werden.

Biermann steigt hinunter zu seinem Grabungsteam und zeigt auf eine schwarze Stelle zwischen den Steinen. »Hier sehen Sie: Der Altarsockel ist stark verbrannt. Auf dem steinernen Fußboden, der in Teilen des Langhauses erhalten ist, liegt noch Brandschutt sogar in der richtigen Abfolge. Erst kommt die Holzkohle vom brennenden Dachstuhl und dann die Dachziegel.« Alles sei wie in einem eingefrorenen Zerstörungszustand erhalten. Einen »Pompeji-Effekt« nennen dies die Archäologen. »Alles liegt noch so da, wie es runtergebrochen ist, seit dem 24. März 1524. Insofern ist man 15 Zentimeter unter dem Boden praktisch schon im Bauernkrieg. Das Gebäude hat gebrannt wie eine Fackel, so überliefern es ja auch die Augenzeugenberichte.«

Neben dem Fundament der Kapelle ist Biermanns Team aber auch auf ein weiteres Gebäude gestoßen – den Keller eines Fachwerkbaus. Das Haus des Klausners, an dessen Tür die Brandstifter damals hämmerten. Im Brandschutt des tonnengewölbten, mit einer Eingangsrampe versehenen Kellers fanden die Archäologen Überreste aus dem Haushalt des Klausners, wie eiserne Gerätschaften und Ofenkachelfragmente.

Das Motiv der »frommen Bilderstürmer« steht infrage

Der Wallfahrtsort gehörte zum wenige Kilometer entfernten Zisterzienserinnenkloster Naundorf. Mit diesem hatten die Allstedter seit einiger Zeit aufgrund von Abgaben und sexuell aktiven Priestern Streit. Simon Haferitz, ein Vertrauter Müntzers und ebenfalls Prediger in Allstedt, nannte die Klöster »Hurenhäuser und Mordgruben«. Die Geistlichkeit in Naundorf beschuldigte die Allstedter im Gegenzug als Ketzer.

Als die Kapelle nach dem Wegzug des Klausners nun schutzlos am Waldrand lag, sei sie, so Wölbing, »vor allem als Blitzableiter« genutzt worden, »denn es wagte sich noch niemand direkt gegen das Kloster«. Anfangs soll es zu Plünderungen gekommen sein, bei denen Weihrauchfässer, Weihwasserkessel, Messglöckchen, silberne Spangen, mehrere Kerzen, Altartücher, Messgewänder und -bücher gestohlen wurden. »Alles Gegenstände, die für die altehrwürdige Messe benötigt wurden.« Deswegen geht Wölbing davon aus, dass es sich um einen geplanten, »gezielt symbolisch aufgeladenen Akt« gehandelt haben könnte, »mit dem man der Kapelle die Stimme rauben und den Geistlichen die Möglichkeit nehmen wollte, das Abendmahl nach altem Brauch zu vollziehen«.

»Pompeji-Effekt« |

Im Innern des Kirchenraums fanden die Forscher eine Schichtabfolge, wie sie noch in den Tagen um den Brand entstand: Erst kommt die Holzkohle vom brennenden Dachstuhl und dann die Dachziegel.

Da es keine Zeugen der Plünderung und der späteren Brandschatzung gab, behaupteten die Allstedter, dass es Auswärtige gewesen sein müssen. Und tatsächlich tauchte laut den noch erhaltenen Strafakten das gesamte Diebesgut im Saale-Unstrut-Gebiet im Amt Freyburg wieder auf, rund 15 Kilometer südöstlich von Allstedt.

Einige der gestohlenen Gegenstände waren allerdings zuvor an eine andere Kapelle verkauft worden, womit für Wölbing das Motiv von den frommen Bilderstürmern deutlich infrage steht. Auch die damaligen Allstedter deuteten dies so. Es seien kriminelle Fremde gewesen, die die Kapelle geplündert hätten. Der Brand selbst sei womöglich ein Unfall gewesen, argumentierten sie. Etwa neun Täter konnten damals ermittelt werden. »Einige taten das vielleicht aus religiösem Eifer oder der Ablehnung des Marienkultes, andere waren kriminelle Trittbrettfahrer«, sagt Wölbing. »Die Brandstiftung war in jedem Fall ein Tabubruch.«

Nicht weit von Mallerbach endete der Bauernkrieg

Müntzer selbst hatte wahrscheinlich ein Alibi. Denn als das Feuer ausbrach und die Plünderung bekannt wurde, soll gerade der Gottesdienst stattgefunden haben, und den hat sicherlich der radikale Prediger selbst gehalten. Man sei daraufhin hinauf zum Feuer gezogen, um ein Übergreifen auf den kurfürstlichen Wald zu verhindern, so schreibt es der Allstedter Stadtrat dem Fürsten. Auch Müntzer erklärte später bei seiner Vernehmung, »dass er zu Mallerbach gewest und gesehen, das dy von Alstedt etliche bilde auß der kirchen getragen und hernachmals dye kirche verbrannt« hätten.

Die Allstedter wiesen zwar alle Schuld von sich. Andererseits schienen sie der Kapelle auch nicht sonderlich hinterherzutrauern. Im Gegenteil: Wer auch immer die Täter gewesen seien, sie hätten den »Teufel zu Mallerbach« ausgetrieben, beteuerten sie. Keiner der zuvor ermittelten neun Täter wurde bestraft.

Biermann zeigt auf die Hügelkette des Kyffhäusergebirges am Horizont, knapp 20 Kilometer entfernt. Dort, auf dem Schlachtberg von Bad Frankenhausen, erklärt er, wurden rund 14 Monate nach dem Kapellenbrand, am 15. Mai 1525, Tausende von Bauern von einem Söldnerheer hingemetzelt. Zwölf Tage später verlor auch Müntzer seinen Kopf. In Sichtweite ihres Anfangs fand die erste große Massenbewegung Mitteldeutschlands ihr blutiges Ende.

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